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Es geht ums »nackte Überleben«

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Das in Gießen ansässige Hilfswerk GAiN um seinen Leiter Klaus Dewald unterstützt schon seit vielen Jahren notleidende Menschen in der Ukraine. © Global Aid Network

Die Hilfe aus Gießen für Menschen in der Ukraine läuft an. Erste Transporte von GAiN sind bereits angekommen. Auch Hartmut Schotte von »humedica« ist ins Grenzgebiet aufgebrochen.

Gießen . »Die Situation in der Ukraine stellt die schlimmste Krise dar seit es unser Hilfswerk gibt«, sagt Harry Weiß. Er ist Leiter der Kommunikation beim 1990 in Gießen gegründeten »Global Aid Network« (GAiN). Das Mitmachhilfswerk hat seine ersten Transporte auf den Weg gebracht; Matratzen, Decken, Kleidung, Lebensmitteln und Hygieneartikeln sind in den angrenzenden Ländern angekommen. »Die Versorgung derer, die alles verloren haben, muss gesichert werden. Noch nie ging es so sehr um das nackte Überleben mitten in Europa. Wir wissen nicht, was die nächsten Wochen bringen. Wir wissen aber, dass wir jetzt helfen müssen«, betont GAiN-Leiter Klaus Dewald.

Schon einige Tage vor der völkerrechtswidrigen russischen Invasion sei bei GAiN überlegt worden: »Was wäre wenn?«. Obwohl niemand tatsächlich mit einem Krieg gerechnet habe, sei die Organisation vorbereitet gewesen und konnte sofort reagieren. »Gebrodelt« habe es vor allem in der Ostukraine schon lange. Dank eines Waffenstillstands-Abkommens sei es aber zumindest bis 17 Uhr auf den Straßen sicher gewesen, berichtet Harry Weiß. Danach habe sich niemand mehr aus dem Haus ge-traut. Eine ortsansässige Ärztin habe berichtet, dass jedes Mal »ihr Herz blutet«, wenn sie um 16.45 Uhr ihre Patienten allein lassen müsse, um rechtzeitig daheim zu sein. 2019 waren die GAiN-Gründer Claudia und Klaus Dewald in der Ukraine, um sich ein Bild zu machen.

Vor dem Einmarsch russischer Truppen lebten viele Menschen in der Ukraine am Rande der Existenz. Doch nun sei aus dem Konflikt ein tobender Krieg geworden, der hunderttausende Ukrainer zwingt, ihre Heimat zu verlassen. Ziel sind die benachbarten Staaten Ungarn, Polen, die Republik Moldau und Rumänien. Dorthin liefert GAiN die benötigten Hilfsgüter.

Ein Partner in Polen sei bereit, 180 Flüchtlinge dauerhaft zu betreuen. In der Republik Moldau kennt GAiN ein Netzwerk von Kirchengemeinden, die ihre Kirchen und Gemeindehäuser Flüchtlingen überlassen haben. »Am ersten Tag sind 2000 Menschen angekommen«, schildert Harry Weiß. »Die Ärmsten der Armen geben am schnellsten alles, was sie haben, um Anderen zu helfen«, weiß er aus Erfahrung. So auch in der ehemaligen Sowjetrepublik Moldau, die zu den ärmsten Ländern Europas zählt.

Auch Menschen aus der Region wollen helfen. »Immer wieder melden sich Gießener, die mit anpacken möchten«, freut sich der Leiter Kommunikation. »So konnten wir am Sonntag mit vereinten Kräften schnell und effektiv 25 Ton-nen Lebensmittel für Partner in Polen laden und auf den Weg bringen.« Unterstützung erhält die Hilfsorganisation ebenfalls von Unternehmen, die zugesagt haben, mit Sonderspenden einzuspringen. Bereits seit vielen Jahren setzt sich GAiN für Notleidende in der Ukraine ein. »Unsere Mitarbeiter haben gute Beziehungen zu Partnern dort.« Sofort nach den ersten Nachrichten über die Invasion habe man Kontakt zu ihnen aufgenommen. »Einige waren vergangene Weihnachten noch hier zu Besuch.« Über die Jahre seien Freundschaften entstanden: »Wir sind sehr besorgt, wenn wir eine WhatsApp in die Ukraine schicken und lange Zeit nur ein grauer Haken erscheint«, erzählt Harry Weiß.

Die Dankbarkeit der Menschen, dass jemand für sie da ist und sie nicht vergisst, sei groß. Marina, eine Flüchtlingsbetreuerin in Bachmut (Ostukraine), berichtet: »Ich kann die Region nicht verlassen, die Leute rechnen mit unserer Hilfe. Die Lage lässt sich nicht beschreiben. In meiner Stadt ist es noch ruhig, aber in anderen Städten tobt der Krieg. Meine Freunde und Verwandte haben die vergangenen Nächte in Bunkern verbracht. Als sie wieder ans Tageslicht kommen wollten, packte sie die Angst, weil die Luftangriffe noch nicht vorbei waren. Also sind sie zurück in den Bunker gegangen. Was wir dringend brauchen, ist eure Hilfe. Was morgen sein wird, kann ich nicht sagen. Es ist schon schwierig zu sagen, was die nächsten Minuten bringen werden.« Die ganze Ukraine sei »eine geballte Faust, die zusammenhält«, fasst Marina zusammen. Und Flüchtlingsbetreuer Igor appelliert: »Trefft euch weiter und haltet Demonstrationen ab, damit die Welt sieht, dass Ihr uns nicht vergessen habt und uns zur Seite steht.«

Das Ausmaß des Krieges lasse sich nicht beschreiben. Harry Weiß erwartet, dass der Bedarf an Hilfsgütern über Jahre hinweg bestehen werde. »Noch nie war Hilfe so eklatant nötig«, ergänzt Klaus Dewald. »Jeder Mensch, der dank unseres Beitrags überleben kann, ist ein Opfer weniger.«

Außer über Geldspenden freut sich GAiN auch über geeignete Waren. Einzelpersonen oder Gruppen können sich aktiv an der Hilfe für Geflüchtete beteiligen, wenn sie Hygienepakete für Familien packen und zu GAiN bringen. Auf der Internetseite unter www.gain-germany.org oder bei Facebook befinden sich konkrete Inhaltslisten und weitere Infos. Das Spendenkonto von GAiN bei der Volksbank Mittelhessen hat die IBAN: DE88 5139 0000 0051 5551 55.

Am Montagmittag ist zudem Hartmut Schotte vom Frankfurter Flughafen in Richtung Cluj-Napoca (deutsch: Klausenburg) in Rumänien gestartet. Im Auftrag der internationalen Organisation »humedica« möchte sich der ehrenamtliche Helfer aus Gießen gemeinsam mit drei weiteren Personen, darunter eine Ärztin, an der rumänisch-ukrainischen Grenze über die Lage vor Ort informieren. »Unsere Aufgabe ist es, eine Bestandsaufnahme zu machen, um dann gezielt Hilfe leisten zu können«, erzählt er im Gespräch mit dem Anzeiger. Erst einen Tag zuvor hat der selbstständige Medienkoordinator die Alarmierung erhalten. »Katastrophen kommen eben unplanbar«, stellt er fest. Ein weiteres Team von »humedica« werde an der polnisch-ukrainischen Grenze im Einsatz sein. »Bisher hatten wir zum Glück immer genug Leute zur Verfügung.«

Hartmut Schotte ist seit 2017 ehrenamtlicher Helfer und hatte seinen ersten Einsatz 2018 in einem äthiopischen Flüchtlingslager. »Ich habe mich dort primär um die Medienkoordination gekümmert«, so der Filmemacher. Seine Eindrücke aus dem Krisengebiet wird er uns nach seiner Rückkehr am Sonntag schildern.

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