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»Es gibt kein freies Hotelbett mehr«

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»Stadt ohne Meer«: Jonas Schubert, Sänger der das heute startende Festival veranstaltenden Band OK Kid, spricht im Interview über »heiße Newcomer«, Corona und gute Stadionhymnen.

Gießen. Mit »Stadt ohne Meer« hat die Indiepop-Band OK Kid ihrer Heimat ein ganz besonderes Musikfestival beschert. Zu den Bands des zweitägigen Programms im Schiffenberger Tal zählen an diesem Wochenende gefeierte Szenegrößen wie Von wegen Lisbeth, Die Nerven oder Jeremias. Und auch OK Kid selbst wird am Samstagabend erstmals seit zweieinhalb Jahren wieder auf einer großen Festivalbühne stehen. Beide Konzerttage sind seit Wochen ausverkauft, in ganz Gießen ist kein Hotelbett mehr frei, wie OK Kid-Sänger Jonas Schubert erzählt. Im Gespräch mit dem Anzeiger ging es (am Mittwoch) um das neue Album, Stadionhymnen für Eintracht Frankfurt, den ersten Festivalauftritt seit Jahren - und natürlich die Auswirkungen der Pandemie.

Jonas, endlich geht es wieder los. Ihr seid ja schon seit ein paar Tagen auf Clubtour ...

Ja, aber wir mussten vorgestern abbrechen, weil wir einen Corona-Fall in der Crew hatten. Eine Person, die für die Konzerte nicht ersetzbar ist. Eigentlich wären wir gestern in Wien gewesen, heute in München, morgen in Stuttgart und dann direkt zum Festival nach Gießen...

Hat das denn Auswirkungen für euren Gießener Auftritt am Samstag?

Nein, die Person wird bis dahin genesen sein. Wir gehen davon aus, dass das Konzert ganz normal stattfindet. Da machen wir uns jetzt keinen Kopf.

Aber Corona ist und bleibt also ein großes Thema?

Es nervt tierisch. Das waren gerade unsere ersten Konzerte seit zweieinhalb Jahren. Und die kleinen Clubshows waren unfassbar. So eine Euphorie. Was da passiert ist, das haben wir noch nie erlebt. Und dann das. Man weiß auch nicht, wie es im Herbst wird, ob dann wieder Beschränkungen kommen. Das Ganze ist ein Long-Covid der Kulturbranche. Immerhin: Open Airs funktionieren, auch wenn manche Veranstalter wohl große Schwierigkeiten haben, ihre Tickets zu verkaufen.

Ihr aber nicht!

Nein, wir sind seit über einem Monat ausverkauft. Schon der Vorverkaufsstart im Winter ist super angelaufen. Der Campingplatz am Festivalgelände war auch sofort ausverkauft. Und es gibt in Gießen kein einziges Hotelbett mehr wegen uns. Ich sehe da schon eine große Euphorie bei den Fans.

Woran liegt das speziell bei eurem Festival?

Ich denke, dass die Leute uns einfach vertrauen. Wir haben »Stadt ohne Meer« im letzten Jahr unter 2G-Regeln durchgezogen. Das hat gut geklappt. Hinzu kommt das aktuelle Line-up: Es ist das stärkste der Festival-Geschichte. Es gibt einen Riesen-Hype um die eingeladenen Acts, die gerade jeder sehen will.

Das Festival ist vielleicht mittlerweile auch einfach eine etablierte Marke?

Wir haben da keine Top-Marketingagentur im Rücken, die das alles für uns analysiert. Trotzdem wurde es immer professioneller. Viele Besucher kommen mittlerweile aus Tradition, auch wenn sie die Bands noch gar nicht kennen. Das ist super für uns. Denn am Anfang mussten wir unser Geld noch in Werbung stecken, uns ums Sponsoring kümmern, um die Plakatierung. Wenn das alles wegfällt, weil die Leute sowieso kommen, können wir das Geld auch direkt ins Festival stecken, damit es noch schöner wird. Ich finde das einen fairen Deal (lacht).

Habt ihr dazu wieder Wunschgäste eingeladen?

Die Musiker, die wir diesmal dabei haben, etwa Nina Chuba, Jeremias, Edwin Rosen. Schmyt, das sind, würde ich sagen, die heißesten Newcomer der letzten ein, zwei Jahre. Für deren Shows bekommst du gerade keine Tickets mehr. Alles ausverkauft. Wir haben daher viele Zuschauer von außerhalb, aus Köln, aus Berlin. Aber das Festival wird auch von den Gießenern angenommen, die neue Bands kennenlernen wollen. Wir sagen: Hallo Heimat! Wir finden diese Bands geil und wollen sie euch vorstellen. So ist es ein bisschen auch eine Leistungsschau der aktuellen deutschen Popkultur - im weiteren Sinne.

Der Name »Stadt ohne Meer« ist in der Szene mittlerweile sicher auch jenseits Mittelhessens geläufig?

Ja, klar. Man kennt sich in der Branche. Es ist ein persönliches Festival, bei dem wir die Bands meistens selber anschreiben, die wir haben wollen. In 80 Prozent fragen wir sie direkt: Hast du Bock? Und dann kriegen wir das auch hin. In den letzten beiden Jahren rufen mich allerdings auch vermehrt Leute an, die uns ihre Künstler anbieten. Das ändert sich also gerade ein bisschen. Aber gut. Das Ganze soll sich ja auch selbst tragen und auf eigenen Füßen stehen. Wir sind natürlich die Gründungsväter, aber wir werden auch nicht jedes Jahr hier spielen.

Wie ist denn die Stimmung unter den Künstlern: eher euphorisch, dass sie endlich wieder vor Publikum auftreten können, oder eher ängstlich wegen der ungewissen Zukunft?

Prinzipiell haben alle große Lust drauf, endlich wieder zu spielen. Es gibt auch keine Auflagen mehr für die Festivals. Aber alle sind sehr skeptisch, was den Herbst angeht. Das kann eine seriöse Planung sehr schwierig machen. Viele Zuschauer sagen sich: Ich habe noch fünf Karten von dreimal verschobenen Konzerten der Lieblingsbands am Kühlschrank hängen. Soll ich mir da noch eine neue Karte kaufen, obwohl ich gar nicht weiß, ob das dann wirklich stattfindet?! So stehen sich die Bands gegenseitig auf den Füßen rum, der Termindruck für den Herbst ist sehr groß. Hinzu kommt: Viele Leute, etwa Techniker, haben die Konzertbranche verlassen. Und die Kosten der Produktionen werden sich erhöhen, aber die Gagen werden sinken. Ich habe keine Ahnung, wie das alles weitergeht.

Ihr habt gerade ein neues Album veröffentlicht: »Drei«. Und ihr habt euch von eurem Management und dem Major Label getrennt. Und damit auch ein bisschen neu erfunden?

Wir haben das Album diesmal nur über den eigenen Shop verkauft, trotzdem hat es Platz 7 der deutschen Charts erreicht. Wir waren damit also erfolgreicher als vorher beim Major Label. Das hat uns gezeigt, dass es auch ohne diese Strukturen geht, wenn man es alleine macht. Dann haben wir die Clubtour gestartet, die jetzt leider unterbrochen wurde.

Also ein emotionales Wellenbad?

Ja, total! Keiner hat mehr Lust, sich mit dem Thema Corona auseinanderzusetzen. Aber man muss es leider. Man muss planen und vom Besten ausgehen, aber auch auf das Dümmste vorbereitet sein. Anders geht es nicht. Wir haben das Festival 2020 und 2021 insgesamt dreimal verschoben. Aber du musst jedes Mal die Hoffnung haben, dass es stattfindet. Sonst brauchst du morgens ja gar nicht mehr aufstehen.

Und wie ist vor dem Heimspiel am Samstag die Stimmung in der Band?

Super! Wir hatten gerade in sieben Tagen sechs Auftritte. Die allerersten seit Corona-Beginn. Man kann sich das nicht vorstellen, wenn man nicht selbst auf der Bühne steht. OK Kid ist eine Liveband, das ist einfach unser Ding. Ich hatte während der Pause lange Zeit Angst: Wie ist es, wenn ich das Gefühl verliere? Komme ich mir nach zweieinhalb Jahren auf der Bühne vielleicht wie ein Fremdkörper vor? Die Antwort: überhaupt nicht! In den Clubs war es unglaublich, wir sind wieder eine echte Einheit. Umso blöder, das dann der Corona-Fall kam. Aber wer weiß, wofür es gut war. Dafür sind wir jetzt fitter und ausgeschlafen für unser Programm bei »Stadt ohne Meer«.

Es wird euer erstes Konzert vor einer richtig großen Menschenmasse. Gibt es da einen Unterschied zu den Clubs?

Komplett. Wir präsentieren auch zum ersten Mal unser neues Bühnenbild und proben dafür auch noch mal vor Samstag. Das ist wirklich etwas völlig anderes. Ich bin sehr gespannt.

Letzte Frage: Du bist großer Fan von Eintracht Frankfurt, warst auch beim großen Europapokal-Spiel auswärts in Barcelona dabei. Ist denn auch mal eine Stadionhymne oder ein Lied über die Eintracht von OK Kid denkbar?

Das kann ich nicht machen. Ich finde jede Fußballhymne Mist - außer die für die Eintracht (lacht). Cool ist es aber, wenn ein Song von dir verwendet wird. Bei der Eintracht kann ich da wohl nicht drauf hoffen. Ich habe aber gehört, dass der FC Gießen unsere Musik beim Warmmachen im Stadion spielt. Das finde ich großartig. Sollte Gießen irgendwann mal in der Bundesliga spielen, dürfen sie gerne unseren Song als Einlaufmusik nehmen. Ach was, zweite Liga wäre auch okay (lacht).

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