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Es gibt noch viel zu tun

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Von: Rüdiger Schäfer

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Zwei von drei behindertengerechten Vorgaben erfüllt der Bus bei seinem Halten am Marktplatz. Der Fahrer ist dicht herangefahren und hat den Bus abgesenkt, sodass horizontale und vertikale Einstiegsdifferenz nicht mehr als fünf Zentimeter betragen. Allerdings würde ein Sehbehinderter auf seiner Blindenleitlinie vergebens den Bus-Einstieg suchen. Foto: Schäfer © Schäfer

Der Beirat für Belange von Menschen mit Behinderungen hatte zu seiner letzten Sitzung Hendryk Gaidies vom Tiefbauamt eingeladen, um mehr über die aktuelle Situation vor Ort zu erfahren.

Gießen . Die meisten Bushaltestellen in der Stadt sind nicht barrierefrei. Der Beirat für Belange von Menschen mit Behinderungen - landläufig Behindertenbeirat genannt - hatte zu seiner letzten Sitzung Hendryk Gaidies vom Tiefbauamt eingeladen, um mehr über die aktuelle Situation vor Ort zu erfahren.

Was bedeutet eigentlich Barrierefreiheit genau? In Paragraf 4 des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) heißt es: »Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind. Hierbei ist die Nutzung behinderungsbedingt notwendiger Hilfsmittel zulässig.«

Für den Einstieg in Busse an Haltestellen bedeute dies, so Gaidies, fünf Zentimeter sowohl in der Horizontalen als Restspalt und in der Vertikalen als Reststufe. Bis vor fünf Jahren habe 18 Zentimeter als Bordhöhe gegolten, seitdem 22 Zentimeter. In dem verwendeten Kasseler Bord gibt es zwei Hohlkehlen, damit die Busse ohne Reifenbeschädigung dicht an die Einstiegskante heranfahren können.

Gaidies nannte als weitere Aspekte barrierefreie Zuwegungen, Blindenleiteinrichtungen, akustische Informationen, kontrastreiche Gestaltung von Fläche und Wartehalle, Lesbarkeit der Aushänge sowie Sitzgelegenheiten.

Keine Mindesthöhe an 176 Haltepunkten

Bei der Bestandsaufnahme aller Haltestellen - 332 Haltepunkte im Stadtbusbereich - sei eine erste Einstufung anhand der Bordhöhe vorgenommen worden. Dabei seien alle Haltestellen mit einer Bordhöhe von mindestens 18 Zentimetern und alle weiteren Aspekte der Barrierefreiheit unberücksichtigt geblieben. Bis dato wären 47 Prozent der Haltestellen so umgebaut, dass sie eine Mindesthöhe von 18 Zentimeter hätten. »176 Haltepunkte erfüllen nicht die Anforderungen an die Einstiegshöhe.« Bei einer Bewertung der Haltestellen für eine Priorisierung zum Umbau seien in die Gewichtung die vorhandene Einstiegshöhe, die Anzahl von An-/Abfahrten, Gehweg- und Fahrbahnschäden, die Breite des Gehweges, Konflikte mit Radverkehr, fehlende Querungsmöglichkeiten und Hindernisse beim Ein- und Aussteigen eingeflossen.

Bei der derzeitigen Planungsphase könnten die Ergebnisse des im nächsten Jahr beginnenden Verkehrsversuches auf dem Anlagenring Einfluss auf die Lage der Haltestellen haben. Die Neufassung des Nahverkehrsplanes (NVP), dessen Entwurf Ende des Jahres vorgestellt werden soll, könne Prioritäten verschieben. Für 27 Haltestellen außerhalb von Ortsdurchfahrten und innerhalb von Bundesstraßen sei das Land Hessen zuständig.

Bei der Anfahrbarkeit bei einer Bordhöhe von 22 Zentimetern sieht Gaidies Schwierigkeiten für die Fahrer, denn die Busse müssen für spaltfreien Eintritt parallel zum Bord stehen. »Die Anfahrt muss möglichst im spitzen Winkel erfolgen, damit die Fahrzeuge nicht aufsetzen. Und manche Busbuchten müssen aufgegeben oder sehr lang werden.« Auch erschwere die Höhe eine Anpassung an die nähere Umgebung.

Umgebaut würden dieses Jahr noch in der Robert-Sommer-Straße die Haltestellen Max-Reger-Straße (beide Richtungen), der Tulpenweg Richtung Egerländer Straße, Nordanlage (Richtung Oswaldsgarten), Wetzlarer Straße (Richtung Dutenhofen), Klingelbachweg (stadteinwärts). Im nächsten Jahr seien sieben weitere Haltestellen dran.

Beiratsvorsitzender Sven Germann zeigte sich tief enttäuscht: »Es hat sich nichts bewegt, was ich vor vielen Jahren bereits angesprochen habe. Dass in der Stadt ein großer Rückstau besteht, ist wohlbekannt.« Sozialdezernent Francesco Arman erwiderte: »Barrierefreiheit muss ein Prozess sein.« Das könne nicht von heute auf morgen erreicht werden. Bürgermeister Alexander Wright: »Zwei Jahre benötigen wir für die Planung eines Umbaus mit Fördermöglichkeit.« Auf die Frage nach DFI (Dynamische Fahrgastinformationen) antwortete Gaidies, dass Umsteigehaltestellen mit DFI ausgestattet werden sollen, eventuell die Robert-Sommer-Straße. »Wir haben keine richtige Ausbaustrategie«, bekannte er. Der Aufwand wie zuletzt in der Rathenaustraße und am Oswaldsgarten sei recht hoch. »Das kostet jeweils 50 000 Euro. Jeder kommt da auch mit der eigenen App weiter.« Die Linke-Stadtverordnete Cornelia Mim kritisierte: »Die Lesbarkeit der Aushänge ist bei dunklen Verhältnissen ohne Taschenlampe nicht möglich.« Gaidies antwortete zur Frage, welche Haltestelle zwar eine Bordsteinhöhe von 18 Zentimetern aufweist, doch ansonsten keine Barrierefreiheit bietet: »Da habe ich nicht geguckt.« Germann war damit überhaupt nicht einverstanden: »Ich sage seit vielen Jahren, dass man mit kleinem Aufwand auch Einstiegsmarkierung und Lesbarkeit an den Haltestellen verbessern kann.«

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