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»Es gibt überall Personalmangel«

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Gewerkschaftssekretärin Saskia Teepe von Verdi sieht zu niedrige Gehälter und zu hohe Belastungen als Ursache für die angespannte Situation in der Alten- und Krankenpflege.

Gießen. Dass sich die Personalsituation in Alten- und Krankenpflege verschärft, ist seit Jahren bekannt. Unter Corona-Bedingungen ist die Situation noch schwieriger geworden. Wie sieht es in Kliniken und Pflegeeinrichtungen im Landkreis Gießen aus? Was tun, um neue Mitarbeiter zu gewinnen? »Die Belastungssituation muss sich ändern«, sagt Gewerkschaftssekretärin Saskia Teepe von Verdi. »Wir haben den Pflegenotstand in Deutschland bereits in Kliniken und Altenheimen«, erklärt Teepe, die bei Verdi in Mittelhessen für den Bereich Gesundheit und Soziales zuständig ist.

Wie beurteilen Sie aktuell die Personalsituation in der Pflege in den Krankenhäusern im Kreis Gießen?

Es gibt überall Personalmangel. Zahlreiche Stellen sind unbesetzt. Es wird überall händeringend gesucht, das sehen Sie auch am Wochenende in den Zeitungen. Aktuell ist die Situation durch Krankheitsfälle noch brisanter als sie ohnehin schon ist.

Was sind die Ursachen dieses Mangels?

Pflege ist ein Bereich, der lange unterfinanziert war und in dem die Kollegen, gerade durch Corona, sehr harte Jahre hatten. Viele sind aus dem Beruf ausgeschieden oder haben von Vollzeit auf Teilzeit reduziert, weil der Druck einfach zu hoch ist. Nicht alle schaffen es, bis zur Rente im Beruf zu bleiben, und es finden sich zu wenig Leute, die in diesen Beruf einsteigen wollen. Die Arbeitsbelastung ist so hoch, dass es immer weniger Personal in diesen Bereichen gibt. Zum Glück gibt es immer noch Leute, die den Beruf erlernen wollen. Aber das sind viel zu wenige.

Was müsste sich ändern, um den Beruf wieder attraktiver zu machen?

Die Belastungssituation. Die gesetzliche Pflegepersonalregelung (PPR) in den Krankenhäusern ist vor Jahren aufgekündigt worden. Seitdem gab es keine Vorgaben mehr, wie viel Personal auf einer Station eingesetzt werden muss. Das wurde genutzt, um massiv Personal abzubauen, da Personalkosten ein großer Kostenfaktor in Kliniken sind und die Refinanzierung der Kliniken überall knapp bemessen ist. Wir weisen seit Jahren darauf hin, dass die dünne Personaldecke auch für Patienten hochproblematisch ist, und haben an die Politik appelliert, Mindestgrenzen für Personalbesetzung wiedereinzuführen. 2019 ist dies zumindest für einzelne Bereiche erfolgt. 2023 soll nun endlich wieder eine PPR in Kraft treten. Nach einer Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen können sich 60 Prozent der ausgestiegenen Pflegekräfte vorstellen, wieder in den Beruf einzusteigen, wenn es eine bessere Personalbesetzung, verbindliche Dienstpläne und eine bessere Bezahlung gibt.

Das klingt schon auch nach einem politischen Problem.

Ja, auf jeden Fall. Wir brauchen klare Untergrenzen für Pflege, damit wir wieder genug Kräfte bekommen. Und für die Patientensicherheit ist das hochrelevant. Aber auch der Umgang mit den bestehenden Mitarbeitern in den Kliniken selbst ist entscheidend. Alle Klinikbetreiber erklären, dass sie nur schwer neues Personal finden. Aber wichtig ist auch, das bestehende Personal zu halten. Das ist eine Frage von Umgang und auch von Gehalt. Bei den derzeitigen Gehältern ist es schwierig, Kräfte zu gewinnen. Hier muss endlich eine bessere Vergütung her.

Gibt es Perspektiven?

Ja, es gab 2021 eine große Bewegung in Berlin, bei Vivantes und der Charité. Pflegekräfte haben dort lange gestreikt für einen Entlastungstarifvertrag. Sie wollten nicht auf die PPR warten und haben sich Mindestbesetzungen und Entlastungsmaßnahmen erstreikt. In Nordrhein-Westfalen ist gerade dasselbe passiert.

Wie steht es um die Versorgungssicherheit?

Wenn Pflegekräfte in Rente gehen oder aus anderen Gründen aus dem Beruf ausscheiden, können die Stellen oft nicht wiederbesetzt werden. Zahlreiche internationale Studien haben ergeben, dass eine Unterbesetzung im Pflegedienst das Risiko für Schädigungen der Patienten erhöht, da wichtige Tätigkeiten nicht oder nicht umfassend ausgeführt werden können. Das ist eine Gefahr für die Patientensicherheit im Krankenhaus, aber auch in anderen Pflegebereichen.

Wie ist die Personalsituation in der Altenpflege im Landkreis Gießen?

Auch in der Altenpflege wird dringend Personal gesucht. Auch hier sind Fachkräfte Mangelware. Durch die Vereinheitlichung der Ausbildung ist es jetzt noch leichter, in die Klinik zu wechseln. Das nutzt den Krankenhäusern, aber in den Altenheimen sieht es natürlich noch dünner aus.

Wie werden die Kräfte in der Altenpflege vergütet?

Meist ist die Vergütung noch deutlich niedriger als in den Kliniken, zudem gibt es viel seltener Tarifverträge als im Bereich Krankenhaus.

Was müsste passieren, um auch in der Altenpflege die Personalsituation zu verbessern?

Wie auch in den Kliniken braucht es vor allem eine bessere Refinanzierung und klare Vorgaben. Den 2021 bereits politisch beschlossenen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag für die Altenpflege haben Caritas und private Altenheimbetreiber via Klageverfahren verhindern können, dennoch treten im September endlich neue Vorgaben in Kraft, die die Vergütung in vielen Altenheimen verbessern werden. Was die Belastungssituation angeht, ist es in den Altenheimen nicht besser als in Krankenhäusern. Sie ist so hoch, dass sich viele scheuen, in den Bereich zu gehen.

Immer wieder gibt es das Wort vom Pflegenotstand. Ist das angemessen?

Ja, das ist in jedem Fall angemessen. Wir habe diesen Notstand in Deutschland längst. Die Politik hat sich auf den Weg gemacht, das zu verbessern, aber die Reformen kommen viel zu spät und zu zögerlich. Ohne Pflegekräfte leidet auch die Patientensicherheit, und das Thema hat lange nicht die öffentliche Aufmerksamkeit, die es verdient.

Wie ist die Situation in Behinderteneinrichtungen und in der ambulanten Pflege?

Im Bereich der Behindertenhilfe ist das Ziel Inklusion gesetzt. Assistenz soll Teilhabe sicherstellen, ob in der Schule, an Arbeitsplätzen, in Wohngruppen oder im Privathaushalt. Doch auch wer Anspruch auf Assistenz hat, muss oft lange auf sie warten. Obwohl es großen Bedarf gibt, wird oft nur Mindestlohn- oder Pflegemindestlohnniveau refinanziert. Wenn wir Inklusion wollen, dann müssen wir auch in diese Bereiche bessere Löhne bringen.

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