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Es ist die ganze Welt geworden

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Schreibt sich mit jedem Werk unaufhaltsam in den Kanon der Weltliteratur ein: Emmanuel Carrère. © dpa

Es gibt Autoren, die sich einschreiben in unser Gedächtnis. Es gibt Autoren, die, wenn man mit ihrer Welt in Berührung kommt, uns nicht mehr loslassen, die unausweichlich sind. Das mag für jeden Leser und jede Leserin ein anderer sein. Nicht jeder wird von Kafka berührt, nicht jede von Murakami, nicht jeder hat alle Bernhards im Regal, nicht jede Tolstoi oder Dostojewski, nicht alle Camus oder Houllebecq, Grass oder Arno Schmidt, Goethe oder Keller, ETA Hoffmann oder Philipp Roth.

Stopp! In der Verfertigung des Schreibens gehen dann und wann die Gäule mit uns durch, wo sie doch an den Zaun gebunden gehören.

Dabei geht es schließlich hier nur um einen Autor und dessen neues Werk. Einen Autor, der, hat man ihn erst entdeckt, unausweichlich wird: Emmanuel Carrère.

Das neue Buch des Franzosen, 1957 geboren, heißt »Yoga« - und wer erwartet, was der Titel vorgibt, der ist auf dem Holzweg, einerseits, der liegt genau richtig, andererseits. Denn wenn Carrère ein Buch zu (seinem eigenen Weg zu) Yoga schreibt, dann mag der Arbeitstitel vorher feststehen, vielleicht auch Yoga drinstecken, aber auch mit dem Autor gehen die Gäule durch. Wo Yoga draufsteht, ist bei Carrère mit schriftstellerischer Selbstverständlich- und Leichtigkeit stets viel mehr drin.

Carrère schreibt in einem mäandernden, aber doch kristallklaren Stil stets mehr als das, was man erwartet, und nie zu wenig, um nicht unausweichlich zu sein. Wenn der Nobelpreis eine Bedeutung hat, wenn er ehren soll, wie Literatur Leben einfängt, das Leben zum Kunstwerk und das Kunstwerk zu Leben wird, dann dürften die noblen Herren an dem 64-Jährigen schon jetzt nicht mehr vorbeikommen. Freilich stellt sich bei Emmanuel Carrère dann auch die Frage, ob er seinen Landsmann Albert Camus oder seinem Landsmann Jean-Paul Sartre folgen würde? Camus nahm den Nobelpreis für Literatur an, Sartre lehnte ihn ab.

Carrères Schreiben ist nicht fern von den Gewährsleuten des französischen Existentialismus. Es ist ihnen, um genau zu sein, stets auf der Spur. Sein Schreiben entspringt aus der Mitte des Lebens, Carrère selbst ist der Steine rollende Sisyphos, der für Camus zum Inbegriff der Ausweglosigkeit menschlicher Existenz wurde, für den es aber auch gilt, stets weiterzumachen. Was bleibt ihm, also uns, auch übrig?

Emmanuel Carrère macht wortwörtlich weiter, er schreibt sich sein Leben vom Leib und damit in die Literaturgeschichte ein. In »Yoga« sitzt der autofiktionale Erzähler zunächst einsam und schweigend in und mit sich und seinen Gedanken in dem »Vipassana«-Camp, dem Kampftraining der Meditation, wie es der Pariser nennt. Er lässt uns teilnehmen an seinem (gedanklichen und schweigsam vollzogenen) Weg in seine innere Hölle, die auch eine äußere ist, wenn die Haltung unbequem wird, alles schmerzt und die Mitmeditierenden mit ihren Geräuschen und ihren Gerüchen zur Qual gereichen.

Doch die Meditation, die Carrère stets auch reflektierend als egomanes und egozentrisch motiviertes Unterfangen beschreibt, ist auch nur ein Ort, der von dem realen Leben eingeholt werden kann. In aller Gnadenlosigkeit, die diese Welt zu bieten hat. Die Nachricht vom Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo erreicht ihn, sein Freund Bernhard Maris wird dabei brutal getötet. Emmanuel Carrère macht sich auf in die Welt da draußen, die noch mehr Schrecken für ihn bereithält, als er gewahr wird, dass Maris frisch und glücklich verliebt und liiert war mit einer guten Bekannten Carrères, die vor nicht allzu langer Zeit ihren Mann verloren hatte. Es ist eine Welt, an der man verrückt werden mag.

Carrère landet in der Psychiatrie. Mit 60 Jahren erfährt er, dass er eine bipolare Störung hat. Elektroschocks unter Vollnarkose sind das Mittel der Wahl, das Mittel der Qual, das ihn therapieren soll. Auch hier lässt er uns Anteil haben. Er landet auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise schließlich auf einer griechischen Insel, wo er Flüchtlingskindern versucht eine Stütze zu sein. Carrères Literatur erfasst das ganze Leben - und uns. Ein kleines Büchlein über Yoga sollte es sein. Es ist die ganze Welt geworden. Unausweichlich.

Emmanuel Carrère: Yoga. 25 Euro. 340 Seiten, Matthes&Seitz.

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