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»Es schlägt mir aufs Gemüt«

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Von: Björn Gauges

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Publikum, wo bist du geblieben? Die Kulturbranche meldet einen massiven Besucherschwund in allen Bereichen. Foto: dpa © dpa

Der Publikumsschwund ist besorgniserregend. Der Gießener Künstler Dietrich Faber und die Wettenberger Veranstalterin Sabine Glinke sprechen über die Krise der Kulturbranche.

Gießen/Wetzlar. Dietrich Faber gehört seit Jahren zu den kulturellen Zugpferden der Region: Ob als Kabarettist, Autor oder Musiker - der Gießener sorgt regelmäßig für volle Publikumsreihen in ganz Mittelhessen und darüber hinaus. Nun hätte er mit seiner Show »Manni Kreutzer & The Overhesse« am vergangenen Freitagabend beim dreitägigen Hermannsteiner Herbstgarten in Wetzlar auftreten sollen - doch daraus wurde nichts. Zusammen mit Veranstalterin Sabine Glinke hat Faber den Termin kurzfristig abgesagt. Der Grund: zu wenige im Vorverkauf abgesetzte Karten.

Es gehe nicht darum, in dieser Situation zu jammern oder gar über das ausbleibende Publikum zu schimpfen, betont Faber beim Gespräch mit dem Anzeiger. Vielmehr zeige sich derzeit ein Trend, der nicht nur ihn allein betreffe, sondern die gesamte Kulturbranche des Landes. Es ist eine Entwicklung, die dem Bühnenkünstler wie der Veranstalterin Sabine Glinke gleichermaßen große Sorge bereitet.

Es betrifft alle Genres

Und damit sind sie nicht alleine. Ähnliche Berichte kommen in diesen Tagen aus dem ganzen Land. Die weithin bekannte Frankfurter Konzerthalle Batschkapp hat alleine bis Anfang November gerade zehn Termine verschoben oder abgesagt. Der bekannte Hamburger Musiker Rocko Schamoni vermutet angesichts ausbleibender Besucher in einem Interview, »dass viele Künstler demnächst Schuhe für Zalando austragen werden«. Die Popband Revolverheld hat gerade ihre komplette Tour 2023 abgesagt. »Wir befürchten für den Winter leider wieder das Schlimmste«, sagte Sänger Johannes Strate vor ein paar Wochen in einem Interview. Und die in Berlin lebende US-Sängerin und Entertainerin Gayle Tufts scherzte am Wochenende im Deutschlandfunk, sie fühle sich an die alte TV-Sendung von Jörg Wontorra erinnert: »Publikum, bitte melde dich!« Nur ein paar Stimmen, die das aktuelle Dilemma skizzieren.

Der Besucherschwund betrifft also nicht nur Dietrich Faber, sondern so ziemlich alle Genres und Sparten unterhalb der Superstar-Liga, in der etwa Helene Fischer, Coldplay oder Rammstein spielen - und weiter die großen Stadien füllen. Es ist zugleich ein Phänomen, bei dem verschiedene Gründe zusammenkommen. Zum einen, berichtet die Wettenbergerin Glinke, gibt es gerade ein Überangebot an kulturellen Veranstaltungen. Nach zwei Jahren Corona dränge es jeden Künstler zurück auf die Bühne, während gleichzeitig noch unzählige, bisweilen mehrfach verschobene Nachholtermine zu absolvieren sind. Hinzu komme die unsichere Corona-Lage. Die einen haben immer noch Angst, sich wieder in Menschenmassen zu begeben. Die anderen keine Lust mehr auf Masken und all die als einengend empfundenen Hygienemaßnahmen, berichtet Glinke.

Ein weiteres Thema sind die Kosten. Auf der einen Seite sind die Ausgaben der Veranstalter nahezu explodiert, auf der anderen haben sich die Ticketpreise bisweilen sogar verdoppelt, was manch einen potenziellen Konzertgänger verschreckt. Denn schließlich sind da ja auch noch Inflation, Energiekrise und ein ungewisser Winter, da hält manch einer sein Geld lieber zusammen. Und schließlich, zeigt sich Sabine Glinke überzeugt, »sind die Leute nach zwei Corona-Jahren mittlerweile so konditioniert, dass ihnen die Kultur nicht mehr fehlt. Die schauen jetzt eben Netflix.«

Für die Veranstalter ist das eine ungemein schwierige Situation, denn ihnen fehlt jede Planungssicherheit. Richtig gut geschlafen habe sie in den vergangenen Tagen nicht, berichtet Glinke angesichts des zu wenig nachgefragten und daher auf zwei Tage verkürzten Herbstgartens.

Und für Künstler wie Dietrich Faber stellt sich plötzlich die Sinnfrage: »Ist das, was ich hier mache, denn überhaupt noch relevant?«, hat der Gießener angesichts des nachlassenden Zuspruchs schon gegrübelt. Dabei geht es ihm weniger um die finanzielle Seite. »Ich habe noch andere Projekte wie die Bücher, wenn es mit den großen Bühnenshows nicht mehr klappen sollte«. Seinen »Manni« und dessen Begleiter namens »Overhesse« hat er nun aber erst einmal auf Eis gelegt. »Das ist ein Typ, der auf dicke Hose macht«, erzählt Faber von seiner Kunstfigur, die »immer so 300, 400 Leute anzog«. Und zwar von der Wetterau bis zum Vogelsberg. Doch das aufwändige Produktionskonzept funktioniere nicht mehr, »wenn dieser Typ dann vor einem halbleeren Saal steht.«

Faber betont, mit seinem Gang an die Öffentlichkeit auf die prekäre Situation der Branche aufmerksam zu machen, um das Publikum zu sensibilisieren. Dabei sei »die Kultur aber kein Bittsteller!« Es gehe nicht darum, wie zu Beginn der Corona-Zeit mit einem Dankeschön des Publikums zum Durchhalten motiviert zu werden. Schließlich sollen die Shows, die Konzerte, die Programme den Zuschauern Freude machen, sie begeistern, ihnen das Gefühl geben, einen großen Abend erlebt zu haben. »Genau darum geht es!«

Faber hat sich auch gefragt, ob er angesichts der Weltlage mit seinen Witzen über das Vereinsleben und Grillabende noch den richtigen Ton treffe. Und zuletzt damit einige besonders intensive Abende erlebt, wie er erzählt. »Es hat so gut getan, sich einfach mal zu amüsieren«, lautete manche Besucherreaktion. »Das waren rührende Momente«.

Es gab auch rührende Momente

Sabine Glinke ist sich sicher, dass diejenigen, die mittlerweile wieder Live-Abende besuchen, auch langfristig als Publikum zurückgewonnen werden können. Doch sollte der Schwund zahlender Besucher über den Herbst und Winter anhalten, dann sind sich Veranstalterin und Künstler nicht sicher, wie viele von ihnen im kommenden Frühjahr noch da sind. »So wie es mal war, wird es nicht mehr werden, »zeigt sich die Wettenbergerin überzeugt. Und Faber befürchtet, dass viele Kollegen aufgeben, wenn sie in den kommenden Monaten nicht mehr von ihren Auftritten leben können.

Der Herbstgarten, der 2020 im Grünen gestartet wurde, wäre in normalen Zeiten »jedenfalls ein Selbstläufer«, ist Sabine Glinke überzeugt. »Das ist ein wunderbarer Ort für solche Veranstaltungen.« Doch diesmal werde sie mit einem dicken Verlust aus der Sache herausgehen. Personal, Technik, Aufwand, all das lasse sich nicht mehr kostendeckend finanzieren. In dieser Form werde es das Programm künftig daher nicht mehr geben. Doch wo Gefahr droht, da wächst das Rettende auch - wie es bei Hölderlin heißt. Dietrich Faber hat für den kommenden März die Gießener Kongresshalle gebucht. »Aus Trotz«, lacht er. Sein neues Programm trägt übrigens den Titel »Positiv!«.

Wer Dietrich Faber live sehen will, muss nicht bis zum März warten. Am morgigen Donnerstag zeigt er in der Aula der Homberger Ohmtalschule seine Buchshow: »Bröhmann - die Zugabe«. Am 15. Oktober ist er mit der Benefizlesung für »Help for Boavista in der Buchhandlung Bindernagel in Butzbach zu Gast, am 22. Oktober mit der »Bröhmann-Zugabe« in der Marburger Waggonhalle.

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