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»Es war ein bisschen Kamikaze«

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Titelrolle für den Neuzugang: Sopranistin Julia Araújo ist an diesem Samstag in der Premiere von »Caterina Cornaro« zu erleben. Foto: Wegst © Wegst

Die junge Opernsängerin Julia Araújo steht vor ihrem ersten großen Auftritt im Stadttheater. Dafür bedurfte es einer mutigen Entscheidung.

Gießen. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer noch jungen Karriere: Julia Araújo, aufgewachsen in Uruguays Hauptstadt Montevideo, singt die Titelpartie in der Donizetti-Oper »Caterina Cornaro«, die an diesem Samstag im Stadttheater Gießen ihre Deutschland-Premiere feiert (siehe Bericht unten). Im Gespräch mit dem Anzeiger erzählt die 31-Jährige von ihrem Werdegang, einer risikoreichen Entscheidung und ihren ersten Eindrücken von Gießen.

Gesungen hat die 2017 ins Land gekommene und hervorragend Deutsch sprechende Südamerikanerin schon immer. Ihre Großmutter hat zuhause in Montevideo viele Opern und Tango gehört und »ich habe da immer mit ihr gesungen«, erzählt sie. Den Weg zur Gesangskarriere stieß aber ihr Gitarrenlehrer an, bei dem sie sich eigentlich in Sachen Pop und Rock versuchte. Der forderte sie auf, doch einmal ihre Stimme zu benutzen und brachte sie mit einer Sängerin des Nationaltheaters von Montevideo zusammen. Die 16-Jährige nahm dort erstmals privaten Unterricht im klassischen Fach: »Langsam und leise ging es los.«

Ein Vorsingen ohne Plan B

Zwei Jahre später ging sie an eine staatliche Musikschule, die sie nach sieben Jahren mit dem Bachelor abgeschlossen hat. »Musikalisch bin ich eigentlich sehr offen«, sagt die aufgeweckte junge Künstlerin. Vom Jazz über Rock bis Blues könne sie so ziemlich alles hören, auch in einer Band hat sie damals gespielt. Doch die Oper sei auf besondere Weise machtvoll, intensiv und herausfordernd. Mit der Stimme verschiedene Klänge auszuprobieren hat sie ebenfalls gereizt. Und der Erfolg stellte sich bald ein. Araújo gewann einen nationalen Gesangswettbewerb und durfte daraufhin als Preis zwei Arien mit einem Profi singen. Der Mann lehrte zugleich als Hochschul-Professor in Weimar und legte ihr die Fortsetzung ihrer Ausbildung in Deutschland nahe. »Eigentlich hatte ich eher Italien im Sinn«, erzählt sie. »Ich konnte kein Deutsch, kannte die Kultur nicht« - dennoch bewarb sie sich auf seinen Rat hin bei der Musikhochschule in Leipzig.

»Das war ein bisschen Kamikaze«, gesteht die Sopranistin lachend. Denn sie gab ihre Stelle am Nationaltheater von Montevideo auf, an dem sie bereits einige Rollen übernommen hatte, löste ihre Wohnung auf und reiste zum Vorsingen in die völlig fremde Stadt. Einen Plan B hatte sie dennoch nicht in der Tasche. »Ich glaube, es war sehr gefährlich.« Doch zugleich habe sie gefühlt, »dass ich mehr sehen, mehr lernen wollte.« Dafür galt es, sich einer neuen Herausforderung zu stellen.

Und ein Plan B wurde glücklicherweise auch nicht benötigt. Julia Araújo bestand die Aufnahmeprüfung in Leipzig, begann 2017 ihr Studium und lernte fortan zugleich eine komplett unterschiedliche Kultur kennen. »Ich bin froh, dass es so gekommen ist.«

Eine ungeahnte Prüfung hatte sie bald nach ihrem Abschluss 2020 dennoch zu bestehen: Corona. Eigentlich hätte es nun losgehen sollen mit den Auftritten. Und kurz vor Ausbruch der Pandemie bestritt die Sopranistin auch ein Gastspiel im sizilianischen Catania - von dem sie angesichts der bald geschlossenen Grenzen fast nicht mehr zurück in die neue Heimat gelangt wäre. Das hat dann zwar gerade noch geklappt, aber an Folgeengagements war erst einmal nicht zu denken. Die Theater wurden geschlossen, alle Aufführungen abgesagt. Mehrere bereits zugesagte Rollen gingen ihr so verloren.

Und so hielt sich die Uruguayerin diszipliniert mit Gesangstraining, viel Sport und Yoga fit. »Ich wusste: Ich musste bereit sein, wenn es wieder losgeht.« So kam sie gut durch die schwere Zeit: mit einer Kombination aus Arbeit, Glück und Unterstützung der Familie und enger Freunde. Denn sie habe »Leute, die ich liebe, die an mich glauben. Auch das ist unglaublich wichtig.« Zudem »bin ich vielleicht stur genug, um zu sagen: Ich mache weiter«.

Bei einer Fortbildung lernte Julia Araújo dann einen Theaterregisseur kennen, der Verbindungen nach Gießen hatte und sie für ein Engagement am Stadttheater empfahl. So kam sie zum Vorsingen ins Große Haus, wo sie offenbar so überzeugte, dass ihr nicht nur die Titelpartie in »Caterina Cornaro« angeboten wurde, sondern gleich eine Festanstellung als Ensemblemitglied. Lange überlegen musste sie nicht. Zwar lebt ihr Partner in Leipzig, sie hat auch eine Wohnung dort. »Aber ich wusste, die Karriere braucht Bewegung.« Und den Schritt nach Gießen hat sie nicht bereut. »Die Atmosphäre im Haus ist gut. Außerdem lerne ich hier vieles gleichzeitig.« Dazu gehört auch, mit Leuten aus verschiedenen Sparten zu arbeiten.

Viel Sport, viel Schlaf

Und auch die Stadt gefällt der in der Millionenmetropole Montevideo aufgewachsenen Sängerin: »klein, aber fein und sehr lebendig«. Ihr gefällt, dass es in Gießen viele junge Leute gibt und dass man hier gut essen kann, »was sehr gefährlich ist«, lacht sie. Schließlich wurde ihr für die Oper ein spezielles Kleid auf den Leib geschneidert. So betreibt sie in ihrer Freizeit weiter viel Sport, was beim Abschalten helfe. Außerdem versucht sie zu meditieren, macht Yoga und schläft gerne lang. »Das ist sehr wichtig für die Stimme.« Kann natürlich sein, dass diese junge Sopranistin genau deshalb auch so ausgeschlafen wirkt. In Gießen wird jedenfalls ganz sicher noch von ihr zu hören sein.

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