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Leiterin Elisabeth Njionhou Njomehe, Danny Wille und die anderen Ehrenamtler möchten den Gästen einen schönen Aufenthalt bereiten.

Tolle Arbeit

Etwas Wärme an Gleis 1 in Gießen

Die Bahnhofsmission in Gießen ist nicht nur zur Weihnachtszeit eine Anlaufstelle für Menschen in Notlagen. Eine große Rolle spielen Einsamkeit und die kurze Flucht aus der Schwere des Lebens.

Gießen. Die Frau mit der rosa Strickmütze trinkt ihren Kaffee mit nur wenig Milch. Danny Wille weiß das, noch bevor sie die Tür hinter sich zugezogen hat. Denn die meisten Besucher der Bahnhofsmission kommen regelmäßig vorbei, manche sogar jeden Tag, so wie die blonde Frau mittleren Alters. Der Zug ist ihr gerade vor der Nase weggefahren. Jetzt erst einmal aufwärmen, draußen hat es vergangene Nacht gefroren. Ein Schmalzbrot oder ein Stück Stollen mit Marmelade dazu? »Gerne. Ich habe sonst nichts zum Freuen im Moment.«

Der morgendliche Besuch in den direkt an Gleis 1 gelegenen Räumlichkeiten gehört für die Frau inzwischen fest zur Alltagsroutine. Vermutlich ist es auch eine kurze Flucht aus der Schwere des Lebens, in dem sie zuletzt einen großen Verlust verkraften musste. »Hier werde ich nicht herablassend behandelt und alles ist in Ordnung«, sagt sie, bevor sie sich an den Platz am Fenster setzt. Ihre freundlichen Worte finden bei Danny Wille den richtigen Adressaten. Erst seit drei Monaten arbeitet der 38-Jährige ehrenamtlich an zwei Tagen in der Woche in der Gießener Bahnhofsmission. Die Gäste - wie die Besucher hier genannt werden - hat er schnell kennengelernt.

Einsamkeit spielt große Rolle

Das niedrigschwellige Angebot ist von großer Vielseitigkeit geprägt, willkommen ist eigentlich jeder. Genau das liebt Danny Wille an seiner Tätigkeit. Doch aktuell bremst die Corona-Pandemie das Konzept der offenen Tür, die Geselligkeit und den Austausch rigoros aus. Viele der Stammgäste sind alleinstehend. »Gerade zu Weihnachten ist das Thema Einsamkeit besonders präsent«, sagt der Ehrenamtler. »Die Vorstellung: Alle sitzen zusammen und feiern - das ist eine schwierige Zeit für die Leute.« Den betroffenen Menschen soll der Aufenthalt in der Bahnhofsmission wenigstens etwas (soziale) Wärme bringen.

Die Mitarbeiter der 105 Bahnhofsmissionen im Bundesgebiet sind an ihren leuchtend blauen Jacken und Westen zu erkennen. Seit mehr als 125 Jahren gibt es die Anlaufstelle bereits in Gießen. Früher war sie ökumenisch, inzwischen steht sie unter der Trägerschaft des Diakonischen Werks. Seit Mai hat Elisabeth Njionhou Njomehe als staatlich anerkannte Sozialarbeiterin die Leitung inne. Das Spektrum ihrer Arbeit ist breit, schwankt es doch zwischen dem Heraussuchen von Zugverbindungen und akuter Krisenintervention, zwischen Umstiegshilfe, Notschlafplatz-Vermittlung und Seelsorge. »Man muss sich im Bahnhofsumfeld gut auskennen und auch im Gießener Hilfesystem«, macht sie deutlich. Schließlich nehmen »ganz unterschiedliche Menschen« das Angebot der Bahnhofsmission wahr. Die Altersgruppe zwischen 45 und 65 ist am häufigsten vertreten, zwei Drittel der Gäste sind Männer.

Neben dem Aufenthaltsraum, in dem traditionell Schmalz- und Marmeladenbrote sowie heiße Getränke ausgegeben werden, gibt es noch einen kleineren Sozialraum für Gespräche unter vier Augen. Auch eine Sanitätsliege ist dort aufgebaut, die einzige im gesamten Bahnhofskomplex. Für die Hilfe beim Umsteigen steht für ältere oder beeinträchtigte Reisende ein Rollstuhl bereit, auch eine Behindertentoilette ist integriert. Zur Ausstattung der Bahnhofsmission gehören unter anderem gespendete Kleidung, Babywindeln und Hygieneartikel. Was im Winter oft gebraucht wird, sind warme Mützen, Schals und Handschuhe.

Pandemie schlägt offene Tür zu

Neben Elisabeth Njionhou Njomehe wird die Bahnhofsmission von 20 Ehrenamtlichen getragen. »Manche sind schon seit mehr als zehn Jahren dabei«, sagt die Leiterin. Was während einer Schicht passiert, lässt sich kaum vorhersagen. »Wir müssen flexibel reagieren.« Die Wahrung sozialer Kontakte und der Alltagsstruktur ist für viele Gäste essenziell. Doch hier wird die Corona-Pandemie zur Bremse, oder gar zum Stopp-Schild. Sie schlägt die so wichtige offene Tür zu. Wer hereinkommen möchte, muss erst einmal klingeln und einen 3G-Nachweis vorzeigen. Drinnen standen einmal fünf Tische mit jeweils vier Stühlen. Unter Pandemiebedingungen gibt es nur noch drei Plätze. Damit dennoch möglichst viele Menschen von dem Angebot profitieren können, wurde die Aufenthaltszeit auf rund 30 Minuten begrenzt. »Wenn es voll ist, müssen wir Leute vertrösten«, bedauert Danny Wille. Manche kämen dann leider nicht wieder. Menschen, die nicht geimpft, genesen oder getestet sind, können in der aktuellen Situation immerhin durch das geöffnete Fenster mit den Mitarbeitern reden.

Das Team hat sich Mühe gegeben, den Raum festlich zu dekorieren. Der große Tannenbaum wurde vom Bahnhofsmanagement gestiftet. Durch eine Geldspende war es möglich, für die Stammgäste eine Wunschzettel-Aktion zu starten. Bis Heiligabend werden die Mitarbeiter rund 30 kleine Geschenke besorgt, liebevoll verpackt und verteilt haben. Für die meisten Empfänger wird dies wohl die einzige Weihnachtsüberraschung bleiben. Neben Dingen des täglichen Bedarfs war ein Wunsch auf den eingereichten Listen besonders häufig zu lesen: Gesundheit.

Ein älterer Mann klopft an das mit Strohsternen behangene Fenster. »Kann ich vielleicht einen Kaffee haben?« Danny Wille bringt auch ein Brot, »aber bitte vegetarisch«. Der Ehrenamtler beschreibt die Gäste als wertschätzende, freundliche Personen, die allerdings oftmals Vorurteilen ausgesetzt seien. »Jeder Mensch kann in eine Notlage geraten, da müssen nur eins, zwei Sachen schieflaufen«, gibt der 38-Jährige zu bedenken und betont, dass die Bahnhofsmission nicht nur Bedürftigen offensteht. »Auch der Geschäftsmann kann hier einen Kaffee trinken, während er auf den Zug wartet.«

Vorurteile ausräumen

Nicht alle Menschen können oder wollen durch das Hilfesystem aufgefangen werden. Elisabeth Njionhou Njomehe erinnert sich an einen jungen Mann, der vollkommen mittellos in Gießen gestrandet war. Da er keine Papiere bei sich trug, konnte ihm keine Unterkunft vermittelt werden. »Zwei Wochen lang war er täglich hier. Ich hatte das Gefühl, eine Bindung und Vertrauen aufgebaut zu haben«, erzählt sie und hält kurz inne. »Ich muss aushalten, dass ich nicht weiß, was aus den Menschen wird.« Der Mann war jedenfalls plötzlich verschwunden. Auch Danny Wille beschäftigt diese Machtlosigkeit. »Ich versuche, den Leuten eine möglichst schöne Zeit zu bereiten und dann muss ich sie zurück in ihr Leben lassen.«

Die Frau mit der rosa Strickmütze fragt nach dem Telefon. Ein kurzer Anruf bei Bekannten: »Ja, mir geht’s gut. Sehen wir uns morgen?« An Gleis 1 fährt die Bahn in Richtung Marburg ein. Ein Mann in dünner Jacke bricht auf. »Schöne Festtage, passen Sie gut auf sich auf und bleiben Sie gesund!«, ruft Danny Wille zum Abschied. Der Stammgast dreht sich noch einmal um. »Danke«, sagt er leise. »Ich werde mir Mühe geben.«

In den an Gleis 1 gelegenen Räumen ist jeder willkommen.

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