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Exil-Iraner demonstrieren gegen Mullahs

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Von: Ingo Berghöfer

200 Menschen nehmen in Gießen am Berliner Platz an einer Mahnwache für eine Gallionsfigur der persischen Opposition teil.

Gießen . Kipppunkte gibt es nicht nur beim Weltklima, sondern auch in der Weltpolitik. Der tunesische Diktator Zine Ben Ali hätte wohl nie damit gerechnet, dass ein kleiner Gemüseverkäufer, der sich aus Verzweiflung selbst verbrannte, erst seine Herrschaft zum Einsturz bringen und dann den Arabischen Frühling auslösen würde. Vielleicht steht das Mullah-Regime im Iran gerade selbst an solch einem Kipppunkt. Die Proteste nach dem Tod einer jungen Frau, die in Polizeihaft kam, weil sie ihr Kopftuch nicht »vorschriftsmäßig« getragen hatte, und dort umkam, lösten nicht nur im Iran eine bis heute nicht abebbende Protestwelle aus, sondern waren weltweit Auslöser für Solidaritätsdemonstrationen. Am Freitag versammelten sich rund 200 Exil-Iraner auf dem Berliner Platz, um dort gemeinsam der längst zur Ikone des Widerstands gewordenen Mahsa Amini zu gedenken, deren großformatiges Foto am Rathaus prangte.

Hoffnung auf Machtwechsel

Der Gießener Arzt und Organisator der Demonstration, Kambiz Madjidian, wies am Rande darauf hin, dass alle früheren Unruhen nach spätestens fünf Tagen vom Regime niedergeschlagen worden seien. Jetzt gingen die Proteste bereits in die dritte Woche. Auch der Vorsitzende des Gießener Ausländerbeirats, Zeynal Sahin, erklärte, dass er auf einen Machtwechsel in dem Land hoffte. Die Menge, die vor dem Rathaus immer wieder Slogans wie »Frau, Leben, Freiheit« und »Wir wollen Freiheit« auf Deutsch und Persisch skandierte, war dabei bunt gemischt. Neben der alten persischen Flagge aus der Zeit des Schahs wurden auch viele kurdische Fahnen - Mahsa Amini war Kurdin - und die violetten Banner kurdischer Frauenrechtsorganisationen geschwenkt. Auf handgemalten Plakaten wurde aber auch Kritik an der Haltung der Bundesregierung geübt: »Frau Baerbock, wo ist denn nun Ihre feministische Außenpolitik?«, war da etwa zu lesen.

Klare Kante zeigte in Gießen auf jeden Fall die SPD, die mit Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher und der Landtagsabgeordneten Nina Heidt-Sommer gleich zwei Gastredner aufbot, die sich mit dem Protest der in Gießen lebenden Iraner solidarisierten. »Ich teile Ihre Wut und Ihre Betroffenheit und deshalb stehe ich heute hier als ihr Oberbürgermeister«, sagte Becher. Der Iran sei ein Regime, das sich immer weiter von den Bedürfnissen seines eigenen Volkes entferne und den Menschen keinen Raum zum Atmen lasse. Wie seine Parteifreundin betonte Becher, dass das aktuelle Aufbegehren gegen die Mullahs vor allem von Frauen getragen werde.

»Frauenrechte sind Menschenrechte und die gelten überall«, rief Nina Heidt-Sommer. Die Landtagsabgeordnete wurde dann noch etwas konkreter als Becher und forderte einen Abschiebestopp für in Deutschland lebende Iraner und Sanktionen gegen das Regime. Kambiz Madjidian wünscht sich, dass die wichtigsten Figuren des Mullah-Regiments, das weltweit derzeit die meisten Todesurteile fälle, auf eine internationale Fahndungsliste gesetzt würden. Sollten diese Herren dann ihr Land verlassen, müssten die Handschellen klicken.

Weil sich derzeit viele Frauen im Iran als Zeichen des Protests gegen die rigiden Kleidervorschriften im Iran den Kopf kahlscheren, trennte sich auch eine Frau in Gießen auf der Bühne von einigen Zentimetern ihrer blonden Haarpracht. Anschließend wurde ein kleiner Kranz zum Gedenken an Mahsa Amini niedergelegt und bei Einbruch der Dunkelheit zahlreiche Teelichter entzündet, die Fotos der getöteten Frau umrahmten und das Wort »Freiheit« bildeten.

Dass der Kampf um Frauenrechte ein universaler ist, machte eine kleine Episode am Rande deutlich. Eine junge Deutsche, die eine kurze Solidaritätserklärung abgeben wollte, wurde von einem älteren Ordner zurückgewiesen, bis ihr mehr iranische Frauen zur Seite sprangen, von denen eine nach dem Disput seufzte: »Tja, so ein kleines Stück Taliban steckt auch in jedem Mann von der Opposition.«

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