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»Existenzielle Bedrohung«

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In einem Brandbrief warnen die Klinikdirektoren in Marburg und Gießen vor einer existenziellen Bedrohung des UKGM durch die ausbleibende Finanzierung durch das Land einerseits und unrealistische Zielvorgaben des Eigentümers auf der anderen Seite. Foto: Kozachynska © Kozachynska

Nächste Runde im Finanzierungsstreit am UKGM: Nun fordern die Klinikdirektoren der Standorte in Gießen und Marburg eine Schlichtung. Alternativ sei eine Rückführung ans Land »ehrlich« zu prüfen.

Gießen . Wie solle er den Mitarbeitern erklären, dass die Uniklinik in Frankfurt in diesem Jahr 56,85 Millionen Euro Investitionsmittel aus dem Landeshaushalt erhalte, während das Uniklinikum in Gießen für dringende Investitionen nur 4,1 Millionen Euro pro Jahr vom Land bekomme - das hatte der Ärztliche Geschäftsführer des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM), Prof. Werner Seeger, vor kurzem im Interview mit dem Anzeiger angesichts des anhaltenden Streits über die UKGM-Finanzierung und der verhärteten Fronten zwischen dem privaten Betreiber Rhön-Klinikum und dem Land Hessen beklagt.

Nun haben sich die Klinikdirektoren beider Standorte in einem offenen Brief an Ministerpräsident Boris Rhein und den Gesellschafter von Asklepios, Dr. Bernard gr. Broermann, zu Wort gemeldet. In dem sparen sie auch nicht mit Kritik am Eigentümer und Arbeitgeber. So warnen sie sowohl vor einem »vom Krankenhausbetreiber Asklepios/Rhön forcierten Sparkurs« als auch vor einem »bedrohlichen Investitionsstopp« der Landesregierung. Sollte es nicht gelingen, »die konfrontative Grundstimmung zwischen Asklepios/Rhön und dem Land sowie den daraus resultierenden Stillstand etwa durch eine Schlichtung zu überwinden, solle man auch die Rückführung des UKGM an das Land Hessen als »ehrliche Alternative« prüfen.

»Unruheherd und Ort größter Besorgnis«

Im einzelnen stellen die Klinikdirektoren fest, dass sich das UKGM in den vergangenen beiden Jahren von einem »wirtschaftlich, klinisch und wissenschaftlich sehr erfolgreichen Universitätsklinikum« zu einem »Unruheherd und Ort größter Besorgnis« entwickelt habe. Es sei nicht übertrieben, von einer »existenziellen Bedrohung mit Verlust einer realistischen Zukunftsperspektive zu sprechen«. Seit Monaten würden die Verhandlungen zwischen Asklepios/Rhön und dem Land stocken und die aufgekündigte Zukunftsvereinbarung der beiden Kontrahenten laufe zum Jahresende aus.

Die Direktoren fordern, dass Investitionen durch das Land für das UKGM »zeitnah, verlässlich und ausreichend« erfolgen müssten. Die Landesregierung trage nicht nur für ein Universitätsklinikum in Frankfurt, sondern für drei Universitätsmedizinstandorte Verantwortung. Die konfrontative Grundstimmung müsse kurzfristig aufgelöst werden, »sei es durch einen Austausch in der Verhandlungsführung und/oder die Einschaltung einer Schlichtung«.

Zudem solle das in der Vergangenheit auch wirtschaftlich sehr erfolgreiche UKGM nicht »unrealistischen, konfrontativen und unangebrachten Vorgaben« des Eigentümers ausgesetzt werden. Asklepios/Rhön müsse grundsätzlich anerkennen, dass ein Uniklinikum ein anderes Aufgabenprofil und andere Rahmenbedingungen habe als andere Kliniken der Regelversorgung.

Unverbindliche Antworten

Wenn sich herausstellen sollte, dass universitätsmedizinischer Anspruch und privatwirtschaftliche Unternehmenskultur nicht miteinander vereinbar seien, sollte eine Rückführung des UKGM an das Land Hessen auf den Weg gebracht werden. »Wir möchten Sie als höchste Entscheidungsträger des Landes und des Asklepios-Konzerns bitten, dieses konstruktiv zu prüfen«, heißt es in dem von den beiden Sprechern der Klinikdirektorenkonferenzen Gießen und Marburg, Prof. Hans-Peter Howaldt und Prof. Hinnerk Wulf, unterzeichneten Schreiben.

Die Adressaten äußerten sich auf Anfrage des Anzeigers in ersten Reaktionen nur sehr knapp und unverbindlich. »Wir hoffen sehr, dass das Land Hessen an den Verhandlungstisch zurückkehrt und wieder Bewegung in die festgefahrenen Gespräche kommt. Die Rhön-Klinikum AG ist weiterhin offen für eine pragmatische und schnelle Lösung«, war am Montagnachmittag das einzige Statement des Eigentümers.

»Ministerpräsident Boris Rhein hat das Schreiben erhalten und nimmt es natürlich sehr ernst. Die Landesregierung hat das Ziel, die im Zusammenhang mit dem UKGM bestehenden, offenen Fragen bis zum Jahresende zu klären«, teilte wiederum ein Sprecher der Staatskanzlei mit. Und aus dem hessischen Wissenschaftsministerium verlautete: »Das Land Hessen hat weiterhin großes Interesse an einer Einigung auf Basis des im Januar geschlossenen ›Letter of Intent‹. Die dort festgehaltenen Punkte sind aus Sicht des Landes eine gute Lösung für die Beschäftigten, die mit dem Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen und dem Verbot von Ausgliederungen von Betriebsteilen Sicherheit gewinnen, und für die Versorgung der Patienten.«

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