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Fahrradfahren als Abi-Prüfungsfach

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Mit Luca Uwira hat an der Liebigschule erstmals ein Gießener Schüler seine sportliche Abitur-Praxisprüfung im Radfahren oder besser gesagt im Mountainbikefahren abgelegt.

Gießen . Moderne Zeiten veranschaulichte bereits 1936 Charlie Chaplin mit seiner genialen Tragikomödie. Damals wie heute gibt es als höchsten deutschen Schulabschluss das Abitur. Geändert haben sich jedoch im Lauf der Jahrzehnte die Anforderungen und was 1936 undenkbar war, das ist heute Realität - Fahrradfahren als Abitur-Prüfungsfach.

Mit Luca Uwira hat nun an der Liebigschule erstmals ein Gießener Schüler seine sportliche Praxisprüfung im Radfahren oder besser gesagt im Mountainbikefahren abgelegt - und das auch noch mit glänzenden 15 Punkten. Besser geht’s nicht. Diese 1+ hat sich der 18-Jährige mit einer wahren Meisterleistung erfahren.

Mit der kunstvollen Bedienung seines Fahrrads schließt sich dann auch der Kreis zu Chaplins »Moderne Zeiten«, hat der Abiturient aus Großen-Linden sich doch im Räderwerk der Technik behauptet und sich neben der traditionellen Leichtathletik für einen Prüfungsteil im Sport-Leistungskurs entschieden, der völlig neu ist.

Pionierarbeit

Maßgeblich an dessen Ausarbeitung war mit Thomas Linnemann ein Sportlehrer der Liebigschule beteiligt. Er hatte vor drei Jahren die Anfrage erhalten, ein Landesabitur im Radfahren bzw. Mountainbikefahren (MTB) zu konzipieren. Sein damaliger Sportkurs leistete sozusagen Pionierarbeit. Und mit Kai Indra und Bruno Scheufler waren bei der Prüfungsfahrt von Uwira im Schiffenberger Wald auch zwei Schüler mit dabei, die seinerzeit halfen, dass ein solches Radfahr-Abitur überhaupt konzipert werden konnte. Beide fungierten während der einstündigen Prüfungsfahrt auf einem gut zwei-Kilometer Rundkurs als Streckenposten. »Das hat mich ganz besonders gefreut, dass die beiden den ersten Prüfling drei Jahre später nicht nur beklatscht, sondern die Strecke auch abgesichert haben. Jede Woche habe ich meine Sportgruppe damals im Unterricht gescheucht. Aus den Daten habe ich dann die Prüfung konzipiert und nun ist seit zwei Jahren MTB offiziell anerkannte Prüfungsportart im Leistungskurs Sport«, erläutert Linnemann. Dieser war jedoch auch nur als Zuschauer bei der Prüfung dabei, die Uwira erfolgreich ablegte. 1:01,30 Stunden benötigte der Schüler für die 30-Kilometer lange Strecke im Schiffenberger Wald, der eigens mit Unterstützung von Revierförster Ernst-Ludwig Kriep in dieser Zeit auch von Holztransportfahrten verschont wurde.

14,5 Runden musste Uwira zurücklegen und unterbot die für die Bestnote 15 Punkte erforderliche Zeit um sechs Minuten. Bei seiner Fahrt auf einem schuleigenen Rad musste Uwira etwa 450 Höhenmeter bewältigen und erreichte auf der Geraden eine Spitzengeschwindigkeit von 48 Stundenkilometern. Die Aufgabenstellung für 30 Kilometer Zeitfahren ist so konzipiert, dass auf einer etwa zwei Kilometer langen Runde gefahren wird, die vier Kurven haben sollte. »Damit ist die Zahl der Kurven immer gleich hoch, egal wo die Prüfung in Hessen läuft. Die Aufgabe der Lehrer ist es also, für die Prüflinge eine möglichst schnell zu fahrende Zwei-Kilometer-Runde zu finden, also eine Waldautobahn und keinen Trail. Ich habe annähernd ein Jahr für die Konzeption benötigt«, verrät Linnemann.

Dem Zeitfahren vorausgegangen war eine Fahrtechnikprüfung, die auf dem Hammerwurfplatz am Campus Kugelberg durchgeführt wurde. Hier galt es zunächst einen Bike- und Personencheck zu absolvieren. Dann standen drei verschiedene Techniküberprüfungen, wie Balancieren auf der Stelle, eine komplexe Bremsdemonstration und das Versetzen des Hinterrades an. Es schloss sich das Befahren eines Geschicklichkeitsparcours an, bei dem auf einem abgemessenen Areal eine Strecke auf Zeit gefahren und dabei zehn Aufgaben erfüllt werden mussten - vom Slalom bis zum Fahren einer Acht. Für eine Minute fehlerfrei gab es 15 Punkte - Luca Uwira hatte nach 57 Sekunden alles erfolgreich absolviert.

Danach folgte das Rennen auf der Strecke am Schiffenberg, wobei der Abiturient im Gespräch einräumt, dass er die ersten drei Runden zu schnell angegangen sei und ernsthafte Zweifel hatte, ob er das durchstehen könne. Die Bedingungen waren ideal. Bei Sonnenschein und bester Strecke, zeigte sich Uwira vollauf zufrieden und macht dabei, ebenso wie Linnemann, auf ein Problem bei Schülern aufmerksam. »Wenn die nicht Radfahren können, ist das problematisch, auch weil sei sich selbst gefährden.« Uwira ist, wenn nicht gerade Glatteis war, stets mit dem Fahrrad von Großen-Linden zur Liebigschule gefahren, liebt Radrennen, auch wenn er das nicht in einem Verein betreibt.

»An der Lio ist das Landesabitur entstanden und nun hat in Gießen ein Lio-Schüler sein Abitur abgelegt«, zeigt sich Linnemann begeistert und betont, dass die angestrebte Verkehrswende nur dann gelingen könne, wenn Schüler richtig Fahrradfahren können.

Die Lio ist wie andere Schulen auch eine sogenannte Bikeschool. Das bedeutet, dass es an der Schule ein speziell fortgebildetes Team von Lehrkräften gibt, die Radfahren unterrichten können. Zudem wird ein Bestand an Rädern einschließlich Werkstatt an diesen Schulen vorgehalten. Die Fortbildung läuft über das Kultusministerium und wird vom Team des bikepoolhessen organisiert und geleitet. Thomas Linnemann ist hier Teil des Lehrteams. Eine Handvoll Schulen haben in diesem Jahr über Hessen verteilt ebenfalls das MTB-Abi durchgeführt.

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