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Fairer Preis für alte »Schätzchen«

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Wieviel Geld bringt Omas Goldschmuck? Seriöse Händler machen die Wertermittlung vor ihren Kunden transparent. © Mosel

»Superhändler« Paco Steinbeck gibt Tipps für den Verkauf von Erbstücken und warnt vor Betrug.

Gießen. Die alte Schmuckschatulle von Oma staubt schon viel zu lange vor sich hin. Und auch das vererbte Porzellanservice kam noch nie zum Einsatz. Ob das wohl etwas Wert ist? »So gut wie jeder Mensch hat irgendwann im Leben einmal etwas zu verkaufen«, macht »Superhändler« Paco Steinbeck deutlich. Der international gelistete Kunst- und Antiquitätenhändler aus Gießen, bekannt aus der RTL-Show »4 Räume - 1 Deal«, steht von Kindesbeinen an auf Floh- und Antikmärkten. Er weiß, dass hinter der Trennung von ehemaligen »Schätzchen« nicht immer ein Erbe oder veränderte Vorlieben stehen. »Vielen Leuten fehlt Corona-bedingt eine Einnahmequelle und dann wird geschaut, was verkauft werden kann.« Dass dabei lange nicht alle Ankäufer seriös vorgehen, musste Steinbeck erst kürzlich wieder erfahren.

Als Experte für einen Beitrag bei dem RTL-Mittagsjournal »Punkt 12« hat er eine verdeckte Reporterin begleitet, die unter anderem Gold- und Silberschmuck bei mehreren Händlern zu Geld machen wollte. Die unterbreiteten Angebote variierten sehr stark und grenzten teilweise an Betrug, meint der Gießener. Er folgert: »Man muss ganz schön aufpassen, um nicht über den Tisch gezogen zu werden.« Im Gespräch mit dem Anzeiger gibt der 46-Jährige Tipps, wie faire Preise erzielt werden können.

Auf Nachfrage achten:

Die Bewertung von Schmuck ist bei einem Fachmann nicht nur vom jeweiligen Materialwert abhängig, auch die Tragbarkeit spielt eine bedeutende Rolle. »Einen gebrauchten Ehering kauft keiner mehr, aber ein schönes Armband oder eine Halskette wird man auch heute noch gut los«, erklärt Steinbeck. Gleiches gilt zum Beispiel für intaktes Silberbesteck, solange keine Initialen eingebracht sind. Bei bestimmten Gemälden, Möbeln oder Deko fällt das Urteil des »Superhändlers« hingegen ernüchternd aus. »Sachen, die vor 30 Jahren angeschafft und jetzt als Erbe weitergegeben werden, gibt es en masse. Die Nachfrage ist nicht da.« Bilder »von Wald und Wiesen« kaufe heute kaum noch jemand, »es sei denn, es steht ein großer Name drauf«. Als ersten Schritt sollten sich Verkäufer daher fragen, ob ihnen der Artikel - sei es nun Kunst, Porzellan oder Blumenvase - selbst gefällt. »Würde ich das in mein Haus stellen? Wenn nicht, macht es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch kein anderer.« Trotz des aktuellen Vintage-Trends und voranschreitender Nachhaltigkeit seien einige Dinge heutzutage eben einfach nicht mehr gefragt: »Junge Leute wollen keinen opulenten, braunen Schrank.«

Passende Anlaufstelle:

Bei Schmuckverkäufen rät Steinbeck, sich an einen Juwelier oder spezialisierten Schmuckhändler zu wenden. Denn bei reinen Goldankaufsstellen landeten Ringe, Halsketten und Co. meist einfach »in der Schmelze«. Ein Schmuckexperte würde hingegen auch verarbeitete Steine oder Brillanten sowie den Stil in die Wertermittlung einbeziehen. Die Differenz könne so durchaus bei mehreren 1000 Euro liegen. Paco Steinbeck hält den Begriff »Altgold« außerdem für irreführend. »Gold bleibt Gold - egal wann es angeschafft worden ist.« Auch beim Verkauf von Gemälden oder Markenkleidung rät der »Superhändler« zum Gang zum Fachmann. »Alles was teuer ist, wird auch gefälscht. Ob es sich um ein Original handelt, können nur Spezialisten feststellen.« Generell sollten mehrere Angebote eingeholt werden.

Transparenz fordern:

Vertrauenswürdige Händler machen ihre Wertermittlung transparent. Steinbeck kennt die Tricks von »schwarzen Schafen«: »Die Waage steht dann irgendwo hinter der Theke versteckt, der komplette Vorgang bleibt dem Kunden verborgen.« Ob das genannte Ergebnis stimme, sei damit nicht überprüfbar. »Die wenigsten Menschen haben eine Feinwaage zu Hause. Sie wiegen ihren Schmuck vielleicht vorher auf der Küchenwaage, die ist allerdings nicht genau genug.« Denn schon wenige Gramm könnten im Preis einen nicht unerheblichen Unterschied machen. Transparenz sei darüber hinaus nicht nur bei Schmuck gefragt. Fachleute wie Steinbeck haben zum Beispiel Zugang zu speziellen Datenbanken und können ihren Kunden die Wertabfrage für Kunst-Exponate offen zeigen.

Vorsicht bei Anonymität:

Dass Händler Suchanzeigen in der Zeitung oder im Internet schalten, ist erst einmal völlig normal. »Wer nichts zu verbergen hat, gibt Namen und Adresse an und nicht nur eine Handynummer«, verdeutlicht Steinbeck. Vor allem Gesuche wie »Kaufe Pelze und Sammeltassen« sollten einer genauen Prüfung unterzogen werden. Denn dahinter stecke oftmals »eine Masche«. Pelze würden in Deutschland nämlich so gut wie gar nicht mehr getragen und bei Sammeltassen handle es sich in der Regel um »Ein-Euro-Artikel« auf dem Flohmarkt - beides also eigentlich typische Ladenhüter und wenig lukrativ. Der Hintergrund sei ein ganz anderer: »Diese Händler verwickeln Anrufer gezielt in ein Gespräch, fragen nach Wertsachen und wollen dann nach Hause kommen. Sobald sie den Fuß in der Tür haben, schauen sie, ob es dort etwas gibt, was Geld abwerfen könnte.« Gerade ältere Menschen seien hier gefährdet, warnt Steinbeck.

Internet-Recherche:

Natürlich kommt es vor, dass Kunden ihre »Schätzchen« für wertvoller halten, als sie tatsächlich sind. Steinbecks Tipp: »Glauben Sie nicht alles, was im Internet steht!« Denn auf den gängigen Kleinanzeigen-Portalen sei zwar nahezu alles zu finden, die eingestellten Preise dienten aber nicht als realistische Grundlage für Verhandlungen. »Eine Skulptur kann für 5000 Euro im Internet angeboten werden, die kauft dann aber halt keiner«, gibt der »Superhändler« zu bedenken.

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Paco Steinbeck Kunst- und Antiquitätenhändler © Jasmin Mosel

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