Fehlender Ab- und Anstand, sehr viel Zusammenhalt und der Sinn von Deckeln

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Die Zahlen sind beunruhigend: Immer mehr Menschen sterben im Moment an oder im Zusammenhang mit Covid-19. Auch in Pflegeheimen häufen sich die Todesfälle – und das nicht mehr nur irgendwo in der Republik oder im Ausland, sondern längst hier in Stadt und Landkreis Gießen. Wenngleich einige Einrichtungen glücklicherweise nach wie vor davon verschont geblieben sind.

Dennoch ist es kaum zu glauben, dass Corona-Leugner, „Querdenker“, Esoteriker, Verschwörungstheoretiker und sonstige Aluhut-Träger den Ernst der Situation immer noch nicht begriffen haben, weil sie ihn schlicht negieren. „Wir Menschen sind klüger als das Virus“, sagte jüngst der Grünen-Fraktionschef im Hessischen Landtag, Mathias Wagner. Manchmal muss man wirklich daran zweifeln.

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Auch das, was vor einer Woche im Seltersweg beim Räumungsverkauf des Schuhgeschäfts „CCC“ passiert ist, kann nicht gerade als Beleg für Wagners These herhalten. Da gilt vielmehr: „Willkommen in Absurdistan.“ Offensichtlich gibt es so viel wichtigere Dinge als die Eindämmung eines dynamischen Infektionsgeschehens, steigende Inzidenzwerte, neue Eskalationsstufen und drohende Ausgangssperren. Was bedeutet all das schon, wenn es darum geht, ein noch günstigeres Schnäppchen zu ergattern, obwohl die Preise ja ohnehin schon vorher nicht exorbitant hoch waren. Doch ganz unabhängig von Corona und der Tatsache, dass angesichts von größeren Menschenansammlungen die Abstandsregeln nicht eingehalten wurden, lag das Problem in erster Linie darin begründet, dass einige der Rabattjäger Anstand und Benehmen zu Hause gelassen haben. Wobei: Eigentlich kann bei Menschen, die das ob der bevorstehenden Kündigung sowieso schon zu bedauernde Verkaufspersonal bedrohen und beleidigen, davon nicht viel vorhanden sein. Die logische Konsequenz: Die Ordnungspolizei schritt ein und schloss vorzeitig die Filiale, in der es Tage danach noch aussah, als hätte die berüchtigte Bombe eingeschlagen.

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Das städtische Ordnungsamt war übrigens auch am Montag an einem bundesweiten Aktionstag beteiligt und kontrollierte fünf Stunden lang an sechs Bushaltestellen respektive Busknotenpunkten, inklusive 76 Bussen, wie genau es die Gießener mit der Maskenpflicht nehmen. „Insgesamt wurden 69 mündliche Verwarnungen und zwei Barverwarnungen ausgesprochen. Außerdem wurden fünf Bußgelder an die Bußgeldstelle des Landkreises zur weiteren Veranlassung weitergegeben“, bilanziert Stadtsprecherin Claudia Boje auf Anfrage des Anzeigers die festgestellten Verstöße. Die Bußgelder seien verhängt worden, „wenn es sich um explizite Maskenverweigerung oder Wiederholungstaten handelte“. Auf ein „gutes Ergebnis“ verweist wiederum die Landespolizei, die ebenfalls mit mehreren Streifen unterwegs war. Zwar habe an mehrere Personen zunächst appelliert werden müssen, diese hätten dann jedoch sogleich ihre Mund-Nase-Bedeckung angelegt. Bußgelder waren demnach nicht erforderlich, so Polizeisprecher Jörg Reinemer. „Das ist auch unsere Erfahrung aus den vergangenen Tagen und Wochen.“ Die Redaktion erreichen allerdings immer mal wieder Rückmeldungen von Lesern, in denen diese eher positive Darstellung infrage gestellt wird, weil die eigenen Eindrücke andere seien.

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Man kann es sicher als einen (fast erwartbaren) Denkzettel bezeichnen, der Joybrato Mukherjee von den Mitgliedern des Erweiterten Senats – gewiss auch im Namen etlicher Kollegen an der Hochschule – verpasst worden ist. Mancher mag es vielleicht sogar etwas martialischer eine Ohrfeige nennen, dass er im ersten Wahlgang „durchgefallen“ ist. Zwar dürfte es im Vorfeld kaum Zweifel gegeben haben, dass der 47-Jährige als Präsident der Justus-Liebig-Universität wiedergewählt wird. Zumal sich der ursprünglich zweite Bewerber Prof. Hans-Uwe Simon von der Uni Bern Beobachtern zufolge nicht als ernsthafte Alternative präsentiert hat (und schließlich auch faktisch keine mehr war) und seine Kandidatur wohl eher taktisch motiviert gewesen sein könnte, um andere Ziele zu erreichen. Die eindeutige Botschaft an den Amtsinhaber, trotz unbestrittener beachtlicher Erfolge, seinen als „autoritär“ kritisierten Führungsstil zu ändern, scheint aber angekommen zu sein. Denn es ist schon auffällig, wie sehr Mukherjee auch in seiner Dankesrede den Zusammenhalt beschworen und betont hat, dass jedes JLU-Mitglied gleichwichtig sei. Gleichzeitig verwundert es, warum sich niemand von den Unzufriedenen mal aus der Deckung gewagt und selbst als Kandidat(in) den Hut in den Ring geworfen hat – um dann zu beweisen, wie man es besser macht.

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Bestimmt holen Sie sich hin und wieder mal einen „Coffee to go“. Und ob Sie wollen oder nicht, gibt es den zurzeit nur mit Deckel. Der Verkauf von zubereiteten Getränken zum sofortigen Verzehr – also direkt vor Ort – ist Corona-bedingt nämlich nicht erlaubt. Genau das solle ein Verschluss verhindern, hieß es nun in einer Antwort aus dem Ordnungsamt an einen Gießener, der die Sinnhaftigkeit zumindest dieser Deckel-Vorschrift nicht ganz nachvollziehen kann. Dass der Kaffee auf diese Weise nicht allzu leicht verschüttet werden kann und länger warm bleibt, leuchtet ja noch ein. Aber dass ein Deckel, der zumeist über zwei Öffnungen verfügt, tatsächlich jemanden vom unmittelbaren Trinken abhält, ist weniger logisch. Und ökologisch ratsam ist die Verpflichtung zu einem Mehr an Plastik auch nicht unbedingt, sofern es sich nicht gerade um eine Mehrweg-Variante handelt.

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