Fehlender Realitätsbezug, "großer Mumpitz" und spielerische Mathematik

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Der Schlingerkurs geht weiter, die Gesellschaft verharrt in ihrem Dämmerzustand - gefühlt auf unbestimmte Zeit. Leider wird vor allem auf Landes- und Bundesebene im Moment sehr viel dafür getan, dass das Vertrauen in die politisch Handelnden und ihre Fähigkeit, die Corona-Krise zu bewältigen, immer mehr schwindet. Die Posse um die "Osterruhe" ist da nur der traurige Tiefpunkt.

Allzu oft entsteht inzwischen der Eindruck, dass der Bezug zur Realität fehlt. Bestes Beispiel war die Idee, auch die Supermärkte an Gründonnerstag schließen zu wollen. Da stellt sich schon die Frage, wann die Damen und Herren in Kanzleramt und in den Staatskanzleien das letzte Mal selbst eingekauft haben, um nicht zu wissen, dass rund um Feiertage und Wochenenden selbst ohne Corona stets dichtes Gedränge zwischen den Regalen und an den Kassen herrscht. Immerhin funktioniert noch das Bewusstsein, gravierende Fehler einzugestehen und zu korrigieren.*Ausbaden müssen dieses ständige Hin und Her nicht zuletzt die Geschäftsleute vor Ort. Ein Gießener Friseur etwa schilderte, dass er nach den zu nächtlicher Stunde gefassten Beschlüssen alle bereits vereinbarten Termine für Gründonnerstag und Karsamstag verlegt habe - und sich dafür von verständnislosen Kundinnen und Kunden teils sogar massiv verbal bedrängen lassen musste. Tags darauf war dann alles wieder Makulatur. Zumindest dürfen die Haarstylisten aber ihre Salons offen lassen; dem ächzenden Einzelhandel, der nicht unbedingt zu den Infektionstreibern gehört, ist es dagegen nicht vergönnt, die mit dem "Click & Meet"-Intermezzo begonnene zaghafte Rückkehr in eine wenigstens eingeschränkte Normalität fortzusetzen. Branchen wie die Gastronomie brauchen daran noch nicht einmal zu denken. Zu verdanken ist das aber auch all jenen, die das Gefährdungspotenzial durch das Virus weiterhin unterschätzen oder negieren.*Deshalb ist es so wichtig, keine Zeit zu verschenken. Das gilt übrigens gerade bei den Impfungen, die das Risiko schwerer Krankheitsverläufe erheblich reduzieren und Geimpfte wie Nichtgeimpfte schützen. Umso unverständlicher ist es für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, nicht sofort umfassend loslegen zu können, weil zunächst eine Pilotphase notwendig ist. Als gehörten solche Injektionen nicht zu deren "täglich Brot". Einer von ihnen sprach diese Woche gegenüber dem Anzeiger von "ganz großem Mumpitz". "Absurde Sachen" würden gefordert, pflichtete eine Kollegin bei. Ein anderer Mediziner beklagte, die Politik werfe ihnen Steine in den Weg. Summa summarum: Zu viel Bürokratie und "zu wenig Einblick in den Praxisalltag" bei den "entscheidenden Personen". Das ist fatal! Dabei ist nichts dringlicher, als endlich Tempo aufzunehmen. Vielleicht auch nach dem Vorbild Tübingen: Dort können die Bürgerinnen und Bürger mit einem Tagespass nach einem negativen Corona-Test zum Beispiel einkaufen, in Restaurants oder ins Kino.*Auch bei den Immatrikulationen an Hochschulen scheint sich derweil die wachsende Unsicherheit infolge der Pandemie bemerkbar zu machen. Die THM jedenfalls startet mit knapp 500 "Erstis" weniger ins Sommersemester. Wen wundert's: Ein Studium ohne echtes Campusleben und ohne die Chance, gerade in der Anfangsphase Kontakte zu knüpfen und richtig anzukommen, ist einfach nicht besonders attraktiv. Nicht zu vergessen, dass es kaum Verdienstmöglichkeiten in Nebenjobs gibt... Bei den Schulen fällt wiederum auf, dass zumindest an zwei von drei Gymnasien die Anmeldezahlen für die fünften Klassen rückläufig sind, während etwa die GGO als Integrierte Gesamtschule einen neuen Rekord verzeichnet. In der Tat ist es denkbar, dass Eltern auf einem Gymnasium eher eine Überforderung ihrer Kinder befürchten, nachdem in den vergangenen Monaten kaum regulärer Unterricht stattfinden konnte. (Ab dem kommenden Montag gilt ja aufgrund eines "diffusen Infektionsgeschehens" und einer stärkeren Verbreitung vor allem unter den jüngeren Altersgruppen wieder: Wir bleiben auf Distanz!) Auf der anderen Seite wäre es allerdings traurig, wenn den Gymnasien offenbar nicht zugetraut wird, die Jungen und Mädchen entsprechend zu fördern, um etwaige Defizite ausgleichen zu können.*Und dann ist da noch "Der große Roman der Mathematik - Von den Anfängen bis heute", auf den schnell stoßen kann, wer ein passendes Geschenk für eine junge Mathestudentin sucht. Der französische Starmathematiker und Youtuber Mickaël Launay führt in seinem 2019 erschienenen Bestseller Schritt für Schritt in die Welt der Zahlen ein, erklärt komplizierteste Dinge auf anschauliche Weise und erzählt zugleich eine "Entwicklungsgeschichte des mathematischen Denkens". Die FAZ lobte in ihrer Besprechung, Launay zeige, "wie man seinem Publikum Mathematik spielerisch unterjubelt". Na, woran erinnert Sie das? Genau! Und so mag es vielleicht gar nicht so sehr überraschen, dass das Buch zur "weiteren Erkundung der Mathematik" auch einen Hinweise auf Gießen enthält. Neben der Abteilung für Mathematik im Palais de la Découverte in Paris wird nämlich nur noch ein Besuch des Mathematikums mit seinen "mehr als 150 Exponaten" zum Mitmachen und Experimentieren empfohlen.

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