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»Feige Variante des Protests«

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Von: Burkhard Bräuning

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Frank T. Brinkmann Professor an der JLU Gießen © Red

Die Proteste gegen und für die Corona-Politik spalten unser Land, hört man immer wieder. Aber geht der Riss wirklich mitten durch unsere Gesellschaft? Prof. Frank Thomas Brinkmann von der Justus-Liebig-Universität beantwortet unsere Fragen zum Stand der Dinge zu Beginn des dritten Corona-Jahres.

Herr Prof. Brinkmann, haben Sie schon mal live einen »Corona-Spaziergang« beobachtet? Oder ein Zusammentreffen von sogenannten besorgten Bürgern und Menschen, die sich denen nun entgegenstellen?

Es ist noch nicht allzu lang her, da wollte ich mit dem Auto aus der Tiefgarage fahren, auf schnellstem Weg heim. Daraus wurde nichts. Eine kleine Gruppe Corona-Spaziergänger hatte sich vorgenommen, zwei Stunden vor der Parkhaus-Ausfahrt auf und ab zu gehen.

Wirkte das bedrohlich?

Bedrohlich trifft es nicht ganz. Nach einer Stunde war ich etwas verzweifelt, zumal kein Ende absehbar war, und auch der freundliche Polizist, der am Ende der Ausfahrt das Schlimmste zu verhindern suchte, konnte mir nicht helfen und das Verfahren beschleunigen. Er war, um es ehrlich zu sagen, zum Schutze derjenigen vor Ort, die ohne Maske und mit lautem Gesang ihrer Freiheit Ausdruck verleihen wollten.

Zum Schutz dieser Spaziergänger also?

Ja, sicher. Die hatten es offenbar auch nötig; es gab einige Leidensgefährten von mir, die den Zustand im Parkhaus kaum auszuhalten vermochten - und dem nächstbesten Spaziergänger am liebsten… lassen wir das. Wirklich leid tat mir ein junges Pärchen, das zwei schreiende Kleinstkinder mit sich im Auto hatte. Die Frau war kurz davor, einen Weinkrampf zu kriegen - und ihr Gefährte hätte beinah die Nerven verloren. Und: ja, jetzt trifft ihre Vokabel, denn dieses gesamte Szenario war höchst bedrohlich.

Können Sie das noch etwas konkreter ausführen?

Na, wenn ich es zynisch sagen dürfte, wäre es das: Erst hat das Virus seine Opfer unter den Menschen gefunden, die noch keine Impfung zur Verfügung hatten. Als der Impfstoff da war, haben die Menschen die Arbeit des Virus übernommen und sind sich gegenseitig an die Gurgel gegangen, bis die Luft weggeblieben ist…

Sind Sie geimpft?

Ja. Zweimal mit AstraZeneca, dann geboostert mit Biontech. Seit drei Wochen bin ich übrigens auch, was man »genesen« nennt. Die Omikron-Variante hat, wie man so schön sagt, den Impfschutz durchbrochen.

Würden Sie uns etwas über die Symptome verraten? Ging es Ihnen schlecht?

Ich wusste bislang nicht, was es heißt, wenn man »milde Symptome« hat. Jetzt weiß ich es, und es hat mir trotzdem gereicht. Selbst mit einem leichten Verlauf ist nicht zu spaßen. Ein guter Freund ist Mediziner und hat die nötige Fachkompetenz. Was er mir gesagt hat, glaube ich aufs Wort, nämlich: dass ich ohne vorherige Impfung mit Sicherheit ein stationärer Patient geworden wäre, wenn nicht gar ein akuter Intensivpatient. Oder tot.

Sie haben also Vertrauen?

Entschuldigung, ich sehe das so: Da gibt es Menschen, die machen seit zwanzig, dreißig Jahren nichts anderes als Viren entdecken, Viren klassifizieren, Viren bekämpfen. Und zwar nicht aus Zeitvertreib, sondern um den Menschen und der Gesellschaft dienlich zu sein.

Keine Verschwörung? Kein Mikrochip, keine kosmische Strahlung? Keine Pharmaindustrie mit zweifelhaften Interessen?

Der einzige Verdacht, den als teilberechtigt zu hegen ich gestatten würde, ist, dass Pharmakonzerne wirtschaftlich orientiert sind. Aber Umsätze machen und Geld in Umlauf bringen zu wollen halte ich weder für eine anrüchige noch für eine strafbare Handlung.

Und wem misstrauen oder vertrauen Ihrer Ansicht nach die »Spaziergänger«, die Impfgegner und Coronaleugner?

Vielleicht der Medizin, vielleicht der Politik? Sehen Sie, es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass man in diesem System so seine Erfahrungen mit dem Gesundheitswesen machen muss, mit sozialpolitischen Entscheidungen, mit korrupten Gebärden. Ich habe gerade vor Augen, wie lange eine Patientin zwischen vielen alten Gentlemen und Ladies im Wartezimmer ihres Hausarztes warten muss, und wie sie sieht, welcher Privatpatient da bevorzugt behandelt wird, während man ihr den nächsten Termin erst wieder für das nächste Abrechnungsquartal einstellt. Ich habe gut in Erinnerung, wie umständlich es für einen jungen Studenten sein kann, in einer Universitätsstadt eine Bleibe zu finden, sodass er ein ganzes Semester vor dem Unihauptgebäude campiert. Und ich habe nicht vergessen, welche Politiker welche Masken angeschafft haben, um bei der Anschaffung selbst in Millionenhöhe zu profitieren. Reicht das, um sich ein Bild von den unterschwelligen Beweggründen vieler Systemgegner machen zu können, die schlicht ihr Vertrauen verloren haben?

Und Sie? Haben Sie Verständnis?

Nicht auf ganzer Linie. Aber ich glaube, dass viele Menschen aus vielen Gründen ängstlich werden können - und dann fast schon froh sind, ein Ventil zu finden und auf etwas Greifbares zu schimpfen!

Gerade aus den Reihen der AfD kommt ja immer wieder der Hinweis, dass die besorgten Menschen ganz normale Bürger seien, die ihren Bedenken, ihrer Kritik Ausdruck verleihen möchten. Ist das so?

Wenn es die AfD so sagt, ist Vorsicht geboten. Im Ernst, ich halte es für geradezu sittenwidrig, sich scheinbar schützend vor die sogenannten »besorgten Bürger« zu stellen, um sie lediglich hinter sich zu versammeln. So rekrutiert man eine Armee des Pöbels. Absicht ist, diese Gruppe anzuführen und für die eigenen ideologischen Zwecke zu instrumentalisieren, Hilfreich wäre es, gemeinsam an einer Demokratie zu arbeiten, die vom Meinungsaustausch informierter, gebildeter und freier Menschen profitiert - und das Gemeinwohl im Blick behält.

Gemeinwohl ist ein schönes Wort, Volkswohl auch?

Es sind gewichtige Worte, und dahinter steckt ein immens wichtiges Konzept. Wissen Sie, momentan nimmt überhand, dass der/die Einzelne, das Individuum seine Belange in den Vordergrund stellt, seine/ihre Freiheit als höchsten Wert propagiert und jeden Satz mit »Ich…" beginnt. Klar hat das Individuum Rechte. Jede Menge Rechte, aber eben auch Pflichten - und wenn das »Ich will…" der einen so laut wird, dass man das mit letzter Kraft gehauchte »Ich möchte…" der anderen nicht mehr hört, läuft etwas aus dem Ruder. Um es mit den einfachen Worten meiner großartigen Nachbarin zu sagen: »Wer sich nicht impfen lässt, um seiner sagenhaften Freiheit Ausdruck zu verleihen, kann am Ende daran Schuld tragen, dass meine liebenswerten Eltern an einer schweren Coronainfektion sterben. Und das will ich nicht…"

Was macht Ihre Nachbarin so großartig? Dieser Satz?

Ja, auch! Sie ist Alten- und Krankenpflegerin. Auf einer Palliativstation. Endstation. Sie verlässt früh des Morgens ihr Haus, um spätabends heimzukommen. Seit zwei Jahren nun. Muss ich noch mehr sagen?

Bitte ...

Sie ist eine Heldin. Und sie zeigt mir jeden Tag, dass es in dieser kalten Welt Menschen gibt, die das Herz auf dem rechten Fleck haben. Nennen sie es christlich, religiös, human, egal. Diese Frau betet aus Zeitgründen wenig, aber dafür pflegt sie viel. Und ich möchte nicht, dass sie sich auf ihrem Weg zur Arbeit von Spaziergängern aufhalten lassen muss und zwei Stunden verspätet!

Zurück also zu den Spaziergängern. Können wir sie eigentlich, wie man so oft hört, aus der Distanz klassifizieren?

Nun, ich meine, dass dieses »Spazieren gehen« eine wohl zeitgenössische, aber unglaublich feige Variante des engagierten Protests ist, weil sich in diese Großgruppe »Verschwörung« allerlei Interessensgruppen und Mitläufer durchmischen, die, wenn sie allein wären, nicht die nötige Größe aufbringen würden, um aufzufallen. Das lässt sich für Esoteriker, Schwurbler und Reichsbürger übrigens auch gut bestätigen. Allerdings fürchte ich, dass alle Rechtsextremen, die sich derzeit noch unter dem Mantelbegriff des Querdenkers ihr Stelldichein geben, schon an ihren nächsten Organisationsmöglichkeiten arbeiten…

Kann darauf eine rot-gelb-grüne Antwort gefunden werden?

Die derzeitige politische Farbgebung tut gar nicht so viel zur Sache - und macht am Ende des Tages auch nicht die gravierenden Unterschiede. Unterschiede werden dort zu sehen sein, wo sich am Menschenschlag etwas ändert, wo Verzicht auf Eitelkeiten eingeübt und an den Konturen einer Zivilgesellschaft gearbeitet wird.

Sie sind Theologe. Ist das ein kirchliches, religiöses Thema für Sie?

Gewiss. Von der Alten- und Krankenschwester, die ich übrigens unbedingt für die ethisch-moralische Modellathletin der Zukunft halte, würde ich gern im Jargon des Christentums behaupten, dass sie sich auf jeden Fall, bildlich gesprochen, einen Platz im Himmel verdient hat. Aber bitte noch nicht so schnell.

Bleiben wir bei denen, die immer Großes leisten, also den Menschen, die rund um die Uhr in medizinischen und sozialen Einrichtungen unterwegs sind, um das Schlimmste zu verhindern. Warum bekommen sie so wenig Respekt?

Weil sie nach Elend riechen? Weil man froh ist, dass sie es tun, was man selbst nicht zu tun vermag? Dieser Stellvertretergedanke ist ja auch dem Christentum nicht fremd, also, dass jemand anders das Gute tut, was Du selbst nicht zustande bringst, bis hin zur Selbstaufopferung - für die man sich dann so sehr schämt, dass man die Stellvertreterin ignoriert. Oder gehässig belächelt, wenn sie mit ihrem kleinen Diakoniewägelchen an einem vorbeifährt. Ach, es ist ein weites Feld… - und man macht viel falsch.

Und was macht unterdessen Gesundheitsminister Karl Lauterbach falsch?

Eigentlich weniger als sein Vorgänger. Deutlich weniger als viele der bisherigen oder derzeit noch regional amtierenden Politiker. Aber Politiker - und das ist vermutlich zu seiner aktuellen Achillesferse geworden - ist er jetzt selbst, und zwar endgültig und in exponierter Position. Da muss man vermutlich zu viele Stimmen hören und beachten, bis man der eigenen klugen Wissenschaftsstimme wieder Gehör verleiht.

Werden wir lernen müssen, dass wir fortan - nicht nur im Blick auf Corona - mit beachtlichen Risiken leben müssen?

Gestatten Sie mir einen gewagten Vergleich: seit Asterix kennen wir die Angst der Gallier, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt. Trotzdem oder gerade deswegen leben sie so, wie sie es tun. Tapfer, risikobereit, aber vor allem: miteinander. Und ja, das müssen wir lernen.

Dr. Frank Thomas Brinkmann ist Professor für Praktische Theologie an der Justus-Liebig-Universität und Vorstandsvorsitzender der Theologischen Gesellschaft für POP-, Kultur- und Religionserforschung. Zu seinen Schwerpunkten gehört Brauchtums- und Folklorekunde, Katechismusforschung sowie Predigtlehre und Narratologie. Foto: Uni Gießen

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