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Feuer und Balance

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Gießen. Die Kunsthalle Gießen lebt, auch wenn man sie wegen ihres Umbaus gerade nicht betreten kann. Doch die aktuelle Reihe »Exbodiment« findet weiter statt, stellvertretend in der Galerie auf dem Hardthof - und erfreut sich größter Beliebtheit. Nun waren wieder zwei Künstler zu Gast: Tokio Maruyama aus Japan und Rocío Boliver aus Mexiko. Ihre Performances waren ebenso kunstvoll wie energiereich.

Als »Ikone der mexikanischen Untergrundkultur« begrüßte Kunsthallenleiterin Dr. Nadia Ismail die Mexikanerin Boliver in der zweiten »Exbodiment«-Ausgabe. Der Gast kommt aus einem traditionell von Gewalt gegen Frauen bestimmten Umfeld. Laut Amnesty International ist die Häufigkeit der Übergriffe in Lateinamerika seit 2018 noch gestiegen. Und die Deutsche Welle warnt, dass 56 Prozent des mexikanischen Staatsgebiets für Frauen gefährlich sind. Für Nadia Ismail machen Künstlerinnen wie sie »die abstrakten Zahlen auf schmerzhafte Weise sichtbar. Hier performt die Künstlerin nackt und zeigt explizite Weiblichkeit.« Das geht für die Künstlerin nicht immer ohne Gefahr ab: Einmal sei sie nach einer Aktion fast gesteinigt worden.

Tokio Maruyama, geboren 1956 in Tokio, befasst sich mit dem drohenden Müllkollaps Japans in den 1990er Jahren, als erdbedeckte Müllhalden zur Landgewinnung eingesetzt wurden. Er schaffe »Situationen zwischen Installation und Aktion, die auf den Moment des drohenden Zusammenbruchs hinauslaufen«, erläuterte Ismail.

Maruyama gab bei seinem Auftritt dem Raum einen Rahmen von weißen, von der Decke hängenden Schnüren. Die Zuschauer erhielten Pappbecher, er verteilte Eiswürfel. Dann wurden die Becher mittels einer vorhandenen Öse an die Schnüre gebunden - jetzt gab es ein Karree. Im Zentrum stand ein weißer Tisch mit Stuhl und einer metallischen Weltkugel. Der Künstler warf auch den Zuschauern auf der Galerie Würfel zu, bezog damit alle mit ein. Das Tempo der Performance war langsam, der Künstler bewegte sich bedächtig, schaute immer wieder auf sein Werk.

Müllkollaps in Japan

Dann brachte er den Tisch dauerhaft aus dem Gleichgewicht, löste die Weltkugel aus ihrem Globus-Ständer und ließ sie durch den Raum rollen - nichts war mehr in Balance, und der Stuhl lehnte verkehrtherum am schiefen Tisch. Das Eis in den Bechern war inzwischen geschmolzen. Das hochingeniöse Sinnbild der Lage der Welt und Maruyamas stille, kontinuierliche Denkanstöße erhielten donnernden Applaus.

Rocío Boliver, geboren 1956 in Mexiko-Stadt, trat nicht so leise auf wie ihr künstlerischer Partner. Sie marschierte zunächst im langen schwarzen Kleid im Stechschritt auf der Galerie auf und ab, setzte einen dramatischen Akzent. Umgehend fiel das Kleid, und der Hauptteil begann. Die Mexikanerin zog die Unterwäsche aus und prügelte mit einem Gürtel heftig auf die Dessous ein, sehr physisch, es knallte. Später ließ sie sich von meist weiblichen, aber auch männlichen Zuschauern mit der Pinzette Schamhaare auszupfen, die sie sich als Oberlippenbart anklebte. Das war eindrucksvoll, schwächte sich aber flugs ab. Schmerz war ihr Thema, wozu sie mittels eines Gürtels und eines geflochtenen Zopfs immer mehr Druck in den Schritt ausübte, schließlich glaubwürdig schmerzhaft. Schließlich brannte eine Kerze, sie schloss die Schenkel und verbrannte sich kurz. Schmerz fügte sie sich hier selbst zu. Das fordernde Spektakel ließ das Thema Gewalt gegen Frauen auch für den Betrachter spürbar werden, bedrückend, respektgebietend. Und tatsächlich auch unmissverständlich: Mission erfolgreich.

Allerdings erwiesen sich die hochintensiven, lang andauernden Performances in der Kombination als durchaus anstrengend. Tatsächlich wäre eines dieser intensiven Soli alleine formal und inhaltlich ausreichend gewesen.

Die nächste Folge der Reihe »Exbodiment« bestreiten am 27. September (19 Uhr) im Unteren Hardthof Sinéad O’Donnell und Kurt Johanessen.

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