1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Finanzpolster »gibt es nicht mehr«

Erstellt:

ANZGLOKSTADT19-B_120431_4c
Im Gebäude der russischen Zentralbank in Moskau dürfte derzeit eine ziemliche Unruhe herrschen. © dpa

Wirtschaftswissenschaftler Prof. Peter Tillmann von der JLU Gießen bewertet im Anzeiger-Interview die weitreichenden Maßnahmen des Westens gegen Russland und dessen Finanzsystem.

Gießen . Plötzlich ging alles ganz schnell. Nur wenige Tage nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine hat der Westen weitreichende Sanktionen verhängt, die das Land von Wladimir Putin schon jetzt in eine schwere Wirtschafts- und Finanzkrise gestürzt haben. Der Rubel befindet sich auf steilem Sinkflug, die Kreditinstitute sind durch den Ausschluss aus SWIFT, dem internationalen System für Finanztransaktionen, schwer getroffen, die Reserven der russischen Zentralbank sind blockiert und Bürger versuchen verzweifelt, ihr Erspartes in Sicherheit zu bringen. Wie ist all das aus Expertensicht zu bewerten? Welche Auswirkungen wird das Ganze auf Deutschland haben? Diese und weitere Fragen beantwortet im Anzeiger-Interview Prof. Peter Tillmann, der an der Justus-Liebig-Universität (JLU) am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften die Professur für Monetäre Ökonomik innehat und zu Geldpolitik, Finanzmärkten und Makroökonomik forscht.

Prof. Tillmann, hat auch Sie überrascht, mit welchem Tempo der Westen auf einmal solch starke Sanktionen beschlossen hat?

Ich bin weniger überrascht vom Ausmaß als von der Konsistenz. Den Ausschluss aus SWIFT, der von nahezu der gesamten westlichen Welt unterstützt wird, gab es in dieser Form noch nie bei einem Industrieland. Für den Iran ist das schon einmal geschehen, aber das ist nicht vergleichbar.

Glauben Sie, Putin hat bei seiner Kriegsplanung mit einkalkuliert, dass es so weit kommen könnte? Hat er ein Finanzpolster angelegt?

Die russische Zentralbank verfügt über ein Anlagevermögen von 630 Milliarden US-Dollar. Der größte Teil davon ist allerdings in westlichen Währungen angelegt, auf die nun nicht mehr zurückgegriffen werden kann, weil ausländische Banken keine Geschäfte mehr mit der russischen Zentralbank machen dürfen. Diese Reserven sind also stillgelegt. Ein anderer großer Teil dürfte in chinesischer Währung angelegt sein. Hier ist allerdings die Frage, ob chinesische Banken es dauerhaft mitmachen, wenn Russland seine Geschäfte über sie betreibt. Es ist aber nicht zu erwarten, dass Russland nun ein Staatsbankrott droht, denn die enormen Einnahmen durch Gas und Öl fließen ja jeden Tag weiter.

Wie sieht es mit den Goldreserven aus, können diese Russland weiterhelfen?

Die Goldreserven sind weitestgehend in Russland angelegt. Um sie zu Geld machen zu können, braucht es eine Gegenpartei, die das Gold in US-Dollar eintauscht. Zudem verhindern auch hier die Sanktionen vieles.

Wie sind die praktischen Auswirkungen der Sanktionen auf den Alltag der Bürger Russlands?

Beliebte westliche Finanzdienstleister wie etwa Google Pay und Apple Pay stehen nun nicht mehr zur Verfügung. Da die russischen Banken stark unter Druck geraten sind, wollen viele Bürgerinnen und Bürger ihr Erspartes retten, in andere Währungen überführen oder ins Ausland bringen. Andere setzen auf wertbeständige Waren - das zeigen die Schlangen vor Luxusgeschäften. Die Inflation schreitet weiter voran, worunter auch Unternehmen leiden. Der Sinkflug des Rubels führt zu einem starken Kaufkraftverlust. Es wird für Haushalte extrem teuer, sich mit Lebensmitteln und anderem zu versorgen.

Sie sagen, die Maßnahmen gegen die russische Zentralbank seien »die schärfste Waffe im Sanktionspaket des Westens«: Bitte erklären Sie, warum das so ist.

Die Reserven der Zentralbank waren als wichtiges finanzielles Sicherheitspolster gedacht, um den Verfall des Rubels aufhalten zu können. Dieses Polster gibt es jetzt nicht mehr. Durch den Ausschluss aus SWIFT stockt zudem der Kapitalfluss. Finanztransaktionen müssen nun wie in früheren Jahrzehnten vorgenommen werden, per Telefon oder Fax, und das ist nicht sehr effizient.

Die russische Notenbank hat den Leitzins von 9,5 auf 20 Prozent angehoben: Was verspricht man sich davon?

Derzeit wollen alle aus dem Rubel raus, der immer schwächer wird, und ihr Vermögen in westliche Währungen transferieren. Durch die Zinserhöhung werden Anlagen in Rubel attraktiver und die russische Notenbank hofft, dass das Geld im Land bleibt.

Wie wird sich die Wirtschafts- und Finanzkrise weiterentwickeln?

Neben der Inflation ist auch eine schwere Rezession, ein Einkommensrückgang, zu erwarten. Wie stark dies alles ausfallen wird, hängt auch davon ab, wie sehr die Öl- und Gas-Exporte von den Sanktionen betroffen sind. Außerdem werden sich viele westliche Investoren langfristig aus Russland zurückziehen. Schon jetzt sind zahlreiche Industriekooperationen von westlichen Unternehmen gekündigt worden. So kommt immer weniger ausländisches Kapital - das für die russische Wirtschaft eine wichtige Rolle spielt - ins Land.

Sind noch schärfere wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland möglich?

Ja, vor allem bei den Finanztransaktionen, die mit dem Export von Gas und Öl zusammenhängen. Ein Stopp der Gasimporte würde uns hart treffen, aber auch Russland. Denn ohne Pipelines kann Russland das Gas gar nicht so schnell an andere Länder verkaufen.

Russlands Oligarchen verfügen über sehr viel Geld und Einfluss. Könnte es dazu kommen, dass diese irgendwann Druck auf Putin ausüben, weil ihre Einnahmen durch die Sanktionen zurückgehen?

Die meisten Oligarchen werden ihr Geld schon in Sicherheit gebracht haben. Doch natürlich haben auch sie Interesse, in Russland weiter Geschäfte zu machen, und wohl weniger Interesse an einem Krieg in der Ukraine. Daher ist es durchaus vorstellbar, dass sie irgendwann Druck auf Putin machen werden. Der wirtschaftliche Niedergang trifft jedoch vor allem die einfachen Bürgerinnen und Bürger Russlands.

Welche Auswirkungen durch die Sanktionen sind für die Bürger und Unternehmen in Deutschland zu erwarten?

Zunächst einmal sind höhere Energiepreise zu erwarten. Die Inflation wird nicht so schnell zurückgehen wie gedacht. Zudem werden sich Haushalte und Unternehmen bei ihren Konsumausgaben und den Investitionen zurückhalten, weil die Unsicherheit hoch ist. Es wird zu Lieferschwierigkeiten in der Industrie, zum Beispiel in der Autobranche, kommen. Darüber hinaus glaube ich nicht, dass weitere Finanzturbulenzen drohen. Und auch die deutschen Banken dürften nicht unter Druck kommen.

Nach Ausgaben von mehreren Hundert Milliarden Euro durch die Corona-Pandemie investiert Deutschland nun 100 Milliarden Euro in die Bundeswehr: Können wir uns das überhaupt noch leisten?

Auch nach der bisherigen Corona-Phase verfügt Deutschland über eine sichere fiskalische Haushaltslage. Der Kapitalmarkt wird weitere Staatsausgaben gerne finanzieren, da Deutschland als sicherer Hafen gilt. Das heißt aber nicht, dass Deutschland langfristig beliebig viel ausgeben kann. Foto: JLU / Katrina Friese

gihoch_0403_JLU_Prof_Pet_4c
Tillmann © Red

Auch interessant