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Fischsterben nicht mehr abwendbar

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Derzeit kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich ein großes Fischsterben wie vor einer Woche am Neuen Teich auch an anderen Gießener Gewässern wiederholt. Foto: Hitzel © Hitzel

Soforthilfe hätte die Tiere im Neuen Teich in Gießen wohl nicht mehr gerettet. Langfristige Maßnahmen wären aufwändig und teuer.

Gießen. Eigentlich ist der Neue Teich in der Wieseckaue ein Naturparadies mit einer »unbeschreiblichen Artenvielfalt« wie der langjährige Vorsitzende des Vereins Sportangler Gießen (VSA), Martin Barthelmie, schwärmt. Doch vor einer Woche wurde er zum Schauplatz eines Fischmassensterbens. Die Untersuchungen durch das hessische Landeslabor haben mittlerweile ergeben, dass die Fische weder an Tierseuchen, Parasiten oder Umweltgiften eingegangen sind, sondern dass akuter Sauerstoffmangel zu ihrem Tod geführt hat.

Infolge der hohen Temperaturen - die Wassertemperatur folgt der Lufttemperatur - sinkt seit Wochen in allen Gewässern der Sauerstoffgehalt. Verschärft wurde die Lage im Neuen Teich noch durch den niedrigen Wasserstand in der Wieseck. Dadurch kam kein Frischwasser mehr in den Teich über den Verbindungsgraben, der dessen einzige Frischwasserzufuhr ist.

Fontäne ohne Wasser

Laut Auskunft der zuständigen Stadträtin Gerda Weigel-Greilich ist der Wasserstand im Teich im Vergleich zu den Vorjahren einen halben Meter niedriger. In früheren Jahren wurde alle zwei Wochen Wieseckwasser in den Sommermonaten zugeleitet, um den Wasserstand der Teiche zu halten. Der niedrige Wasserstand der Wieseck erlaubt das derzeit aber nicht.

Wegen der große Oberfläche des Teichs und seiner niedrigen Tiefe, die in der Mitte maximal einen Meter beträgt, kam es zu hohen Verdunstungsraten, die die Lage weiter verschärften, bis der Neue Teich »umkippte«.

Weil ihrer Ansaugpumpe durch den niedrigen Pegel das Wasser fehlte, konnte auch die Wasserfontäne nicht mehr betrieben werden. Deren Sauerstoffzuführung hätte aber das Umkippen des Teiches auch nicht verhindern können, sagt die Stadträtin. Prinzipiell sei die jetzige Situation nach der langanhaltenden Hitze und Trockenheit nicht mehr abwendbar gewesen.

Einen weiteren Grund für das »multiple Organversagen« des Biotops Neuer Teich nennt Prof. Volkmar Wolters, Seniorprofessor für Tierökologie an der Justus-Liebig-Universität: die sogenannte »Sauerstoffzehrung« als Folge von Zersetzungsprozessen am Gewässergrund. In lichtdurchdrungenen, nährstoffreichen Gewässern sinkt die abgestorbene Pflanzenbiomasse wie etwa das Laub der Bäume am Teichufer auf den Boden und wird dort durch Mikroorganismen unter Verbrauch von Sauerstoff abgebaut. Die dadurch entstehende Sauerstoff-Armut kann dann den Tod von Fischen aber auch von anderen aquatischen Organismen wie Weichtieren und Insektenlarven herbeiführen. Da auch deren Kadaver zersetzt werden, heizt das den Prozess zusätzlich an. Ein Teufelskreis. »Wenn kein Sauerstoff mehr da ist, kommt es zu anaeroben Faulprozessen, die zum Himmel stinken«, sagt Wolters.

Ähnlich sieht das auch der Biologe und Angler Christian Steinbach. Er regt ein jährliches Monitoring der städtischen Gewässer an, wie das der VSA Gießen bereits an den eigenen Teichen betreibe, also die systematische Erfassung der Artenvielfalt und Fischbestände, um bedrohliche Veränderungen rechtzeitig erkennen und gegensteuern zu können.

Immer unter der Prämisse, dass Sauerstoffmangel den Tod der Fische verursacht habe, könne eine nachhaltige Verbesserung der Überlebenschancen in Dürresommern wohl nur durch eine Vertiefung des Neuen Teichs in dessen Zentrum auf mindestens drei bis vier Meter (»besser mehr«) erreicht werden. Erst dann könne eine sogenannte Sprungschicht entstehen. Das ist eine stabile Schicht kalten Wassers, in die sich Fische aus den für sie zu warmen Oberflächenbereichen zurückziehen können. Diese Sprungschicht könne das Umkippen eines Sees auch in heißen Sommern um etliche Wochen verzögern, meint Steinbach. »Am Dutenhofener See beispielsweise ist die Fauna derzeit noch nicht so gefährdet, wie in flacheren Teichen und Bächen«.

Sein Vereinskollege Barthelmie empfiehlt als kostengünstigere Sofortmaßnahme eine Entschlammung des Neuen Teichs. Im Vorjahr sei es Vereinsmitgliedern nicht gelungen, die bis zu einem Meter starke Schlammschicht abzutragen (»Ich habe da bis zum Bauchnabel im Schlamm gestanden«): Langfristig regt er an, am Ufer des Neuen Teichs Kastanien durch standortgerechtere Schwarzerlen zu ersetzen, weil sich deren Laub schneller zersetze und man so der gefürchteten Sauerstoffzehrung vorbeuge.

Eine von manchen diskutierte dauerhafte Durchleitung der Wieseck durch den Neuen Teich hält Christian Steinbach für kontraproduktiv. »In Dürresommern würde man so viel Wieseckwasser durch Verdunstung im Teich verlieren und das deutlich wärmere und sauerstoffärmere Wasser, das dann zurück in die Wieseck fließen würde, gefährde deren Fischbestände und Biotope.

Expertenrunde angeregt

Für die Erarbeitung von Gegenmaßnahmen regt Prof. Wolters die Einrichtung einer interdisziplinären Expertengruppe aus den Bereichen Ökologie, Hydrologie, Mikrobiologie, Toxikologie und Wasserwirtschaft an. »Die mit dem Klimawandel verbundenen Risiken wie Gewässererwärmung oder die Reduktion der Wassermenge durch Verdunstung werden wir auf absehbare Zeit aber wohl nicht in den Griff bekommen«.

Gerda Weigel-Greilich jedenfalls mahnt »ohne die Zukunft komplett düster auszumalen«: »Wir müssen uns auf die klimatischen Auswirkungen, welche infolge von Hitzeperioden und Wasserknappheit in Zukunft zunehmen werden, einstellen.«

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