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Flächen, die nicht gebraaacht werden

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Ist halt irgendwas, auch wenn man nicht genau weiß, was: Manche sagen Brache dazu. © Dittrich

Von »Samen Hahn« in Gießen bis zum Gelände am Erdkauter Weg, das irgendwie auch irgendwas sein soll. In der Stadt liegt vieles brach.

Gießen . Eine Brache ist ein ungenutztes Grundstück. Ein Stück Land, das brach liegt. Das folglich nicht gebraacht wird, wie der Frankfurter sagen würde. In Gießen liegt vieles brach, Es gab aber schon Zeiten, da lag deutlich mehr brach. Der natürliche Feind der brachliegenden Fläche ist der Spatenstich. Neulich war es wieder einmal soweit: Der Brauch, die Brache aus ihrem nutzlosen Herumliegen zu befreien, sie sozusagen mit den Lippen des Spatens wachzuküssen, wurde mit breitem lächeln zelebriert. Es stachen (von links nach rechts) diverse Investoren und Politiker in die brache Erde.

Bei jenem Spatenstich, der wie immer eine Desinformation beinhaltete, weil meistens nicht der Spaten, sondern die Schaufel zum Einsatz kommt, verlustierte sich das spatenstichige Volk an der Brache »Samen Hahn«. Das Gelände gilt, seit der gebürtige Gießener denken kann, als Inbegriff der schändlichen Innenstadtbrache. Ein Schandfleck, so heißt es dann stets, weil es an besseren Begriffen mangelt.

Schuld an vielen Brachen waren zunächst - und in dieser Reihenfolge - der Krieg, dann der Wiederaufbau, dann Immobilienbesitzer und -spekulanten und schließlich eine zögernde und zaudernde Politikerkaste, die zwar immer gerne in die Kamera lächelt, wenn sie mit dem Spaten (oder eben der Schaufel) zusticht, aber ansonsten lange Kosten und Mühen scheut, um irgendwie in der Entbrachisierung voranzukommen.

Bei »Samen Hahn« lächelte für die Stadt u.a. Gerda Weigel-Greilich (Die Grünen) in die auf den Spatenstich gerichtete Kamera, weil nicht nur der Ökopartei a.D. die Brache Samen-Hahn lange ein Dorn im Auge war. Und das tut weh.

In Gießen, so sagen nicht wenige Menschen, die der Stadt nicht grün sind, seien aber nicht die Brachen das Problem, sondern die Versieglung der Flächen. Und wenn Spaten und Schaufel zum liebsten Werkzeug sogar grün angestrichener Stadtregierungen werden, wo soll das dann noch enden mit dem Erdboden, dem alles betongleich gemacht wird? Man könnte ja mal auf die Idee kommen, nicht jede Brache neuer Bebauung, sondern einer Begrünung zuzuführen. Die Salatisierung mit gärtnerischen Mitteln macht vor Frankfurt nicht halt, wird in Berlin gelebt, sogar in Paris, aber in Gießen wird kein Spargel, sondern immer nur der Spaten gestochen.

Wäre Samen Hahn nicht (wie der Name schon ein bisschen sagt) eine Ecke, um mal etwas hin-, wenn auch nicht gleich sich fortzupflanzen?

Aber lassen wir das, denn die Kritik des Ortes breitet sich an dieser Stelle aus wie Baustoffe Dingsda im Schiffenberger Wald. Gut, dass es für die angedachte Abholzerei immerhin Ausgleichsbäume geben wird, irgendwo anders halt. Da Baum weg, da neuen Baum hin. Selbst grüne Städte denken mittlerweile radi kahl. Aber zurück zur Brache: Denn die, um die es hier geht, ist keine Wohnbrache wie der samende Hahn, keine Militärbrache, auch keine Deponiebrache, nicht einmal eine Bahn- oder Straßenbrache. Vielleicht ist es eine Abriss- oder Trümmerbrache, auf alle Fälle aber eine Industriebrache.

Schön ist anders

Sie liegt zwischen Bänninger Straße und Erdkauter Weg - und sieht halt irgendwie aus. Irgendwie besch..., ja man darf nur: bescheiden schreiben. Sie sieht so aus, wie halt alles da hinten in der Gegend irgendwie aussieht. Schön ist anders. Muss es ja auch nicht sein.Es handelt sich schließlich um ein Industrie- und Gewerbegebiet an einer Einfall-, die auch eine Ausfallstraße ist. Einausfallstraßen, wie das Schiffenberger Tal, sind nur selten brachliegende Verkehrswege, die »den wesentlichen Teil des Individualverkehrs zwischen Zentrum und Stadtrand tragen.«

Fragt sich nur wohin? Zu Samen Hahn? Wenn man Zeit hat, kann man im Baumarkt einen Spaten kaufen, zur Brache laufen, das alles schöner machen, einen Stuhl hinstellen und Alexander Mitscherlich lesen: »Die Unwirtlichkeit der Städte.« Ein fast 60 Jahre altes Buch, das zu sehr Recht hat, um brach zu liegen.

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