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Fortschritte, aber noch viel zu tun

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Von: Frank-Oliver Docter

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Der Stromverbrauch der Gießener sank seit 1990 um 20 Prozent. Hier das Umspannwerk Gießen-Nord. Foto: Kozachynska © Kozachynska

Der jetzt erst zum zweiten Mal von der Stadt Gießen veröffentlichte Bericht zeigt die Entwicklung bei Treibhausgasen, Strom und Wärme sowie bereits umgesetzte und geplante Klimaschutzmaßnahmen.

Gießen . Das Thema Klimaschutz scheint derzeit aufgrund des Ukraine-Kriegs und der damit verbundenen Energiekrise ein wenig aus dem Fokus der Öffentlichkeit gerückt zu sein. Und so geht auch etwas unter, dass in Gießen auf dem Weg zu der bis 2035 angestrebten Klimaneutralität in den vergangenen Jahren durchaus einige Erfolge bei Treibhausgasemissionen sowie Strom- und Wärmeverbrauch erzielt wurden. Wenngleich die Herausforderungen damit keineswegs kleiner geworden sind. Nachzulesen ist dies alles im nun veröffentlichten und auch auf der Homepage der Stadt einsehbaren Gießener »Klimaschutzbericht 2022«. Im Rahmen einer Online-Konferenz wurde der 80-seitige Bericht, der erst der zweite seiner Art ist, am Montagabend den Bürgern vorgestellt. Etwas mehr als 30 Teilnehmer nutzten diese Möglichkeit.

Am deutlichsten zeigen sich die Fortschritte bei den Treibhausgasen: Wurden 1990 hiervon im Stadtgebiet bei etwa 74 500 Einwohnern noch fast 825 000 Tonnen ausgestoßen, waren es 2021 circa 612 000 Tonnen, obwohl die Bevölkerungszahl nun bei ungefähr 90 400 lag. Im Pro-Kopf-Vergleich sind das 11,1 Tonnen gegenüber 6,8, was einer Reduzierung von 39 Prozent entspricht. Bei den Verursachern liegt der Verkehr (34 Prozent) vor Privathaushalten (26), Gewerbe und Handel (22) sowie Industrie (17).

Eine weitere Senkung konnte Evelina Stober vom Klimaschutzmanagement der Stadt Gießen für den Stromverbrauch vermelden: Von 1990 bis 2021 nahm dieser von 4,8 auf nunmehr 3,6 Megawattstunden pro Jahr und Einwohner ab. Beim Wärmeverbrauch dagegen wurde vergangenes Jahr ein leichter Anstieg auf 13,4 Megawattstunden verzeichnet, nachdem dieser von 2004 bis 2020 stetig gesunken war. Den Anstieg erklären sich die Experten mit einer niedrigeren Jahresmitteltemperatur. Wobei die Stadtwerke Gießen (SWG) ihren Anteil an der lokalen Wärmeproduktion steigerten, auf 46 Prozent im Vorjahr. Die Erzeugung von Fernwärme erfolgt dennoch weiterhin zu etwa 55 Prozent aus Erdgas, während der Biomasse-Anteil bei etwas über zehn Prozent liegt sowie der von Heizöl noch darunter, erläuterte der ebenfalls zugeschaltete Leiter der SWG-Abteilung für Wärmeversorgung, Diplom-Ingenieur Matthias Fink.

Bislang hat die Stadt mit ihren Tochtergesellschaften 47 Klimaschutzmaßnahmen, wie Gebäudesanierungen, energieeffizientere Hybrid-Busse oder Beratungsangebote für die Bevölkerung, umgesetzt, weitere 25 sind in Planung. Welche Möglichkeiten es noch alles gibt, zeigt sich bei den Photovoltaik-Anlagen: Laut einer Untersuchung der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) beträgt das theoretische Potenzial hier bei Privathäusern 45,2 Prozent und bei Gewerbenutzungen 39,1.

Neu hinzugekommen im Bericht ist eine Zwischenbilanz mit den von der Stadtverwaltung und ihren Mitarbeitern verursachten Treibhausgasemissionen und eingeleiteten Gegenmaßnahmen. Zwar beträgt der Anteil dieser Emissionen gerade mal 1,3 Prozent der Gesamtstadt. Doch waren auch dies innerhalb eines Jahres 8068 Tonnen, wovon der größte Teil auf Fernwärme-Nutzung (64,4 Prozent) entfiel - bei den 162 stadteigenen Gebäuden dominieren die Schulen mit 3719 Tonnen -, gefolgt von Arbeitswegen (20) und städtischem Fuhrpark (13). Nach den Rückmeldungen von knapp 45 Prozent der 1454 Mitarbeitenden weiß man nun, dass von ihnen 64,2 Prozent weiter mit dem Auto zur Arbeit fahren, was deutlich mehr als die Nutzer von Zug (15,6), Linienbus (5,1) und Fahrrad (4,1) sind. Selbst Dienstreisen sind trotz »nur« circa 19 Tonnen Treibhausgasemissionen in der Bilanz aufgeschlüsselt, und auch hier sind Pkw-Fahrer mit über 80 Prozent in der Mehrheit. Gleichzeitig werden über 50 bereits umgesetzte und geplante Klimaschutzmaßnahmen - von klimaneutralen Neubauten über Photovoltaik-Anlagen bis hin zu »Jobrädern« und wiederauffüllbaren Textmarkern - aufgelistet, mit denen die Stadtverwaltung eine Vorbildfunktion einnehmen möchte.

Trotz der in den vergangenen Jahren in Gießen erzielten Erfolge, für die es bei der Online-Konferenz aus Teilnehmerkreisen auch einiges Lob gab, hat sich an einem nichts geändert: »Klimaschutz ist eine globale Aufgabe und somit auch abhängig von Entscheidungen, die über die lokale Ebene der Stadt hinausgehen«, betont Alexander Wright (Grüne). Dennoch möchten der Bürgermeister und seine Mitstreiter nicht von dem Ziel abrücken, möglichst schon bis 2030 eine treibhausgasneutrale Stadtverwaltung zu erreichen, wie dies die Stadtverordnetenversammlung im vergangenen Juli beschlossen hatte.

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Treibhausgase_2sp_ov_210922 © Red

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