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Fragen ohne Antwort

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Von: Eva Pfeiffer

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Der Krieg in der Ukraine beschäftigt bereits Grundschulkinder. Symbolfoto: dpa © Red

Gießen . Wann endet der Krieg? Werden wir gewinnen? Wann werde ich meinen Vater wiedersehen? Wo ist der sicherste Ort im Haus? Das sind nur einige der Fragen, die Kinder einer Grundschule im ukrainischen Butscha gestellt haben. Präsentiert haben die Fragensammlung, die eine ukrainische Gastwissenschaftlerin zusammengetragen hat, nun Prof. Anja Seifert und Saskia Warburg vom Institut für Kindheits- und Schulpädagogik der Justus-Liebig-Universität (JLU) im Rahmen ihres Vortrags »Nachdenkgespräche über Krieg und Flucht mit Kindern und Jugendlichen« im Mathematikum.

Seit fast einem Jahr vergeht kein Tag, an dem der russische Angriffskrieg auf die Ukraine nicht Thema in der medialen Berichterstattung ist. Der Krieg ist auch eine Herausforderung für den pädagogischen Alltag. Immer wieder gebe es etwa kritische Stimmen von Eltern, wonach Kriege »kein Thema für die Grundschule« seien, sagte Saskia Warburg. Aber: »Durch die Präsenz in den Medien gehört er bereits zur kindlichen Lebenswelt.« Und auch in den sozialen Netzwerken würden sie mit Kriegsvideos konfrontiert, wie etwa in der bei Jugendlichen beliebten App TikTok.

Seit 2007 sammelt das Institut regelmäßig Fragen von Grundschülern. Mal geht es darum, wie groß der größte Mensch der Welt ist, mal um die Anzahl aller Bücher weltweit. Aber auch die ganz großen Themen beschäftigen die Kinder bereits: Warum gibt es Krieg? Wie ist die Welt entstanden? Etwa 15 bis 18 Prozent der Fragen, die von Studierenden in den Schulen gesammelt werden, seien Sinnfragen, berichtete Anja Seifert. Fächerübergreifendes Philosophieren mit Kindern biete einen Zugewinn für ihren Lern- und Bildungsprozess.

Das Fragen und Hinterfragen könne beispielsweise durch eine Fragenbox gefördert werden. Dabei handelt es sich um eine Art Briefkasten, in die der Nachwuchs Fragen einwirft, die ihn beschäftigen, die dann wiederum Ausgangspunkt für ein »entdeckendes Gespräch« im Unterricht werden, bei dem im Vorfeld keine richtige Antwort feststeht. Wichtig sei, die Fragen nicht zu bewerten.

Auch Kinder- und Jugendbücher oder Fernsehserien wie »Der Krieg und ich«, deren Entstehung von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU fachlich begleitet wurde, könnten zum Anlass genommen werden, um über Krieg und Flucht ins Gespräch zu kommen.

Offene Nachdenkgespräche seien derzeit jedoch eher selten Teil des Unterrichts, weil sie nicht planbar seien, sagte Seifert. Lehrer müssten es zudem aushalten können, dass auch sie keine Antworten liefern können. Doch gerade mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen werde das Philosophieren mit Kindern immer wichtiger.

Die Vortragsreihe »Fachdidaktiken im Spiegel lebenslangen Lernens« ist eine Kooperation zwischen der JLU und dem Hessencampus Mittelhessen. Ziel ist es, die gemeinschaftliche, einrichtungsübergreifende Weiterbildung der Lehrkräfte, wechselseitiges Verständnis für spezifische Herausforderungen und die gemeinsame Orientierung an aktueller Forschung in der pädagogischen Praxis zu fördern.

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