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Fragil und fraglich ist das Glück

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Michel Houllebecq ist der bedeutendste Chronist der Gegenwart. © dpa

Der erste Satz ist wie ein Peitschenhieb. Wer große Literatur an ersten Sätzen zu erkennen glaubt, der ist hier richtig: »An manchen Montagen Ende November oder Anfang Dezember fühlt man sich, besonders als Alleinstehender, wie im Todestrakt.« Weiter heißt es: »Die Sommerferien sind längst vorbei, das neue Jahr ist noch weit weg; das Nichts ist ungewohnt nah.

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So beginnt Michel Houllebecq seinen neuen Roman »Vernichten«, dessen demonstrativ martialischer Titel den Leser zunächst zu täuschen gedenkt, denn der Schrecken umschleicht ihn nur in Andeutungen, die sich erst mit fortschreitender Lektüre verdichten - bis zur Vernichtung.

(Ver-)dichtung bis zur Vernichtung

Das Jahr 2027: Paul Raison reüssiert als Spitzenbeamter im französischen Wirtschaftsministerium, er unterstützt den Kandidaten Bruno im Wahlkampf, lebt mit seiner Frau Prudence in einer gemeinsamen Wohnung, obgleich sie sich entfremdet haben. Eine unbekannte Aktivisten-Gruppe treibt ihr Unwesen, verbreitet Videos mit Gräueltaten, von denen unklar ist, ob sie so geschehen oder nur perfekt nachgestellt sind. Bruno Juge, Wirtschafts- und Finanzminister, Pauls Vorgesetzter, beispielsweise wird darin hingerichtet. Mit einer Guillotine. Das Video wird ins Netz gestellt. Ein Fake. Grausam realitätsnah. Und so wie diese Hinrichtung Paul als Fake begegnet, so schreibt auch Houllebecq die Geschichte eines Lebens als Fake. Und wir fallen auf ihn herein. Gemächlich, fast langatmig entfaltet der Autor in der ersten Hälfte des Romans ein Szenario zwischen Essen gehen in Paris, Sitzungen im Parteibüro, Spaziergängen durch den Parc de Bercy oder einer Fahrt in die französische Provinz, in der sein Vater mit dessen zweiter Frau lebt. Aber wir lesen weiter, gefesselt vom mäanderndem Erzählstil. In Erwartung des Skandalons, das Michel Houllebecq doch eingeschrieben scheint? Hilflos wie Bruno mit auf den Rücken gefesselten Händen, warten wir darauf, dass das Fallbeil seiner Sprache als Urteil uns vernichtet. Doch es fällt nicht.

Ein fast schon biederes Leben

Es geht um Paul, sein fast schon biederes Leben in der französischen Gegenwart. Seine Mutter, eine Künstlerin, ist überraschend gestorben, sein Vater, ein ehemaliger Geheimdienstler, dämmert, dies ist eine zentrale Stelle der ersten 300 Seiten, nach einem Gehirnschlag im Wachkoma, sein Bruder, der ... - nein, alles wird hier nicht verraten.

Verdichtung der Ereignisse auf dem Weg zur Vernichtung, die diesem Werk den Namen gab? Houllebecq betreibt ein Vexierspiel mit seinen Lesern. Auch mit der Kritik, die den neuen Roman »altersmilde« nennt. Oder wie der in Frankreich lebende Literaturwissenschaftler Jürgen Ritte schreibt: »Man könnte das Buch mit einer Bauchbinde versehen, die lauten müsste: Houllebecq oder die Möglichkeit des Glücks.« Ein Glück freilich, das fraglich ist. Und höchst fragil. Fragil wie die gegenwärtige Gesellschaft, deren bedeutendster Chronist der am 26. Februar seinen 66. Geburtstag begehende Franzose geworden ist. Meisterhaft gelingt es ihm auch in seinem bisher umfangreichsten Werk, die Zeitläufte mit all ihren Irrungen und Wirrungen wie in einem Film ablaufen zu lassen, vor dessen Kulisse das ganz persönliche Schicksal des Paul Raison verhandelt wird.

Und, als das ins Zentrum der Geschiche rückt, nach etwa der Hälfte des Romans, nimmt »Vernichten« in Erzähltempo und Stil noch einmal Fahrt auf. Am Ende dann doch ein Meisterwerk. Houllebecq hat auch diesmal wieder mit dem Leser und dessen Erwartungshaltung gespielt - und gewonnen. Das Buch klingt nach, fügt sich erst nach dem letzten Satz zum großen Ganzen, versteht sich gewissermaßen erst dann von selbst. Jede Seite war dafür notwendig. Erst mit dem letzten Satz verklingt der Peitschenhieb. Vielleicht gibt’s ja doch noch was neben der Vernichtung. Zum Beispiel: große Kunst.

Michel Houllebecq: Vernichten. 624 Seiten. 28 Euro. Dumont.

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