Fragwürdige Sicherheit und viel Verschwendung

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Es geht allmählich abwärts - und das ist gar nicht so schlimm, wie es zunächst klingt. Denn gemeint sind damit natürlich die Inzidenzwerte, die im Landkreis wie vielerorts sinken (wobei es ausgerechnet in der Stadt Gießen zuletzt wieder deutlich aufwärts gegangen ist, jedenfalls in Sachen Corona-Zahlen). Klar, dass dann sofort die Hoffnung aufkeimt, es könne so schnell und so viel wie möglich geöffnet und gelockert werden.

Mit der Rückkehr zu "Click & Meet" (also dem Einkaufen mit Terminvereinbarung) ist zumindest ein nicht nur vom heimischen Einzelhandel herbeigesehnter Schritt getan worden, gerade rechtzeitig vor dem "langen" Wochenende mit Brückentag. Ja, sogar der Sommerurlaub ist plötzlich zum Greifen nah. Es besteht die Aussicht auf Sonne, Strand und echte statt bloß "erste, zweite und dritte" Wellen. Auch, weil der anfangs stotternde Impf-Motor mit immer mehr Tempo ins Laufen kommt.*Doch bei allem Verständnis, dass es nach über 14 Monaten Pandemie auch die Zuversicht vermittelnde Perspektive aufs Reisen und weitere Freiheiten braucht, irritiert es schon, wenn das, was zunächst ausdrücklich von der Ständigen Impfkommission beim Robert-Koch-Institut empfohlen worden ist, plötzlich gewissermaßen aufgeweicht und dafür dann auch noch offensiv geworben wird, um die Urlaubspläne zu "retten". So kann mittlerweile das Intervall zwischen den zwei Impfdosen mit AstraZeneca auf vier Wochen verkürzt werden, obwohl bisher stets zu zwölf Wochen geraten worden ist, um den vollen Impfschutz zu erzielen. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen lautet das Motto daher nach Pfingsten "Wer will, der kann!". Man fühlt sich an "Alles muss raus" oder "Wer will, wer will, wer hat noch nicht" oder irgendwelche anderen Jahrmarktschreiereien erinnert: "Seien Sie dabei, jedes Los gewinnt!" Als gelte es, den bisher vielfach abgelehnten "Ladenhüter" (Wen wundert's angesichts des permanenten Hin und Her!?) mit allen Mitteln anzupreisen und unters Volk zu bringen. Es bleiben jedenfalls Zweifel, ob hier nicht eine fragwürdige Sicherheit leichtfertig in Kauf genommen wird.*Eine in vielerlei Hinsicht gute Nachricht kam von Lebenshilfe Gießen und Landeswohlfahrtsverband: In der Frankfurter Straße 12 soll bis August eine inklusive Vortagsbäckerei entstehen. Das schafft nicht nur weitere Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung, sondern lenkt auch einmal mehr den Blick auf ein Dilemma dieser Zeit - die ausgeprägte Verschwendung von Lebensmitteln, in diesem Fall konkret von Brot, Brötchen und Kaffeestückchen. Sage und schreibe 1,7 Millionen Tonnen an Backwaren landen in Deutschland jedes Jahr ungegessen im Müll, hat die Umweltorganisation WWF in einer Studie herausgefunden. Der überwiegende Teil davon geht auf private Haushalte zurück, gefolgt von Bäckereien und Handel. Oder anders ausgedrückt: Die Ernte von rund 398 000 Hektar Ackerland wird verschwendet. Das entspricht in etwa einer Fläche, die ungefähr die Größe von Mallorca und dem Bundesland Hamburg umfasst. Außerdem werden unnötige 2,46 Millionen Tonnen Treibhausgase ausgestoßen. Doch offensichtlich wird ein solches Angebot geradezu erwartet. Schließlich soll das Sortiment immer möglichst vielfältig und rund um die Uhr frisch sein. Und dass die Retouren der überschüssigen Ware laut WWF als Verluste steuerlich geltend gemacht werden können, sorgt auch nicht unbedingt für Anreize, bei der Produktion einen Gang runterzuschalten. Letztlich ist es an den Verbrauchern selbst, ihr Verhalten zu überdenken und die eigenen Ansprüche zurückzuschrauben. Aber ob das in unserer Überflussgesellschaft wirklich gelingen kann?*Positive Beispiele für einen bewussteren Umgang mit Konsum und Lebensmitteln gibt es ja durchaus. Die 33 Saisongärten, die auf der Hardt in Gießen zurzeit wieder nach Herzenslust bepflanzt und dann später abgeerntet werden können, gehören zweifellos dazu. Was nachhaltiges Einkaufen betrifft, ist aber sicher auch der Weltladen, in dem Anfang Mai Sua Dahlke die verantwortliche Koordination von Katrin Schlechtriemen übernommen hat, zu nennen. Die Nachfrage nach fair gehandelten und unter vernünftigen sozialen, ökologischen und ökonomischen Bedingungen hergestellten Produkten scheint jedenfalls zu existieren, wie der seit dem Umzug in die Schulstraße um 250 Prozent gewachsene Umsatz beweist. Gleichzeitig zeigt dieser Anstieg sehr eindrücklich, wie wertvoll für Geschäfte eine gute Innenstadtlage mit Laufkundschaft ist.*Die weiterhin ziemlich "geplünderten" Regale in den tegut-Märkten haben dagegen weniger mit Kundenanstürmen oder Corona-Ängsten zu tun, sondern sind vielmehr Folge eines Cyberangriffs auf das Unternehmen Ende April. Und das wirkt sich offenbar noch immer auf die Logistik aus beziehungsweise führt vereinzelt zu Engpässen bei der Warenverfügbarkeit. Es ist schon erstaunlich, gar beklemmend, wie abhängig wir überall von einer funktionierenden IT-Infrastruktur sind. Aber immerhin: Klopapier soll Beobachtern zufolge noch genug vorhanden sein.

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