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Frauen schreiben anderes

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Nicole Seifert hat drei Jahre lang ausschließlich Literatur von Frauen gelesen. © Ulla Hahn-Grimm

Gießen. Am stärksten ist das Buch da, wo es persönlich wird. »Als ich zwölf war, fing ich an, ein Büchertagebuch zu führen, in dem ich aufschrieb, was ich las.« Mit diesen Zeilen beginnt das Buch »Frauen Literatur«. Das Wort Frauen ist dabei durchgestrichen. Autorin Nicole Seifert war am Internationalen Frauentag zu Gast beim Literarischen Zentrum Gießen (LZG) im Netanya-Saal.

Es war ein Abend ganz im Sinne von Literatur und Gleichberechtigung, moderiert von Nadyne Stritzke (Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Justus-Liebig-Universität) als Kooperationspartnerin. Ein Grußwort sprach Katharina Lorenz, Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der JLU.

Stritzke betonte nach zwei Jahren Pandemie, dass sich die Ungleichheiten während der Krise verschärft hätten. Die Gewalt gegen Frauen habe zugenommen. Homeoffice und Familienarbeit hätten die Frauen in ihrem Bestreben nach Selbstständigkeit zurückgeworfen. Doch als Literaturwissenschaftlerin habe sie »die tiefe Überzeugung, dass Literatur die Welt verändern kann«. JLU-Vizepräsidentin Katharina Lorenz nannte zwei geschichtsbestimmende Daten auf dem Weg zur Gleichberechtigung: 1918 wurde das Frauenwahlrecht eingeführt, 1949 das Grundgesetz. »Heute ist uns mehr denn je bewusst, wie fragil diese demokratischen Prinzipien geworden sind.«

Ihr Gast Nicole Seifert, geboren 1972, ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und gelernte Verlagsbuchhändlerin. Sie hat einige Jahre in den USA gelebt und arbeitet heute als Übersetzerin und Autorin in Hamburg. 2019 wurde ihr Blog »Nacht und Tag«, der sich ausschließlich mit Schriftstellerinnen beschäftigt, mit dem Buchblog-Award des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Die Ausgangsfrage

Ihre Ausgangsfrage für das aktuelle Buch: »Wo liegt überhaupt das Problem?« Im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten sind unter den Autoren mittlerweile viele Frauen zu finden. Ihre Werke werden mit renommierten Buchpreisen ausgezeichnet, sie bestimmen das literarische Leben, sind von Buchmessen und Lesungen nicht mehr wegzudenken. Doch der schöne Schein trüge. Von vielen Autorinnen sei erst gar nicht zu hören, weil die Buchverlage sowie anschließend Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehredaktionen eine entsprechende Vorauswahl treffen, ist sie überzeugt. Vom Deutschunterricht bis zum Germanistikstudium sei der Anteil an Autorinnen noch immer gering, und so lernten Leserinnen und Leser von Anfang an: Was literarisch wertvoll ist, stamme von Männern.

Nachdem Nicole Seifert drei Jahre lang ausschließlich Literatur von Frauen - Klassiker wie Zeitgenössisches - gelesen hat, ist für sie klar: Die oft zitierte Qualität ist nicht das Problem. Ihre provokante These lautet: »Wir verpassen das Beste, wenn wir in unseren Bücherregalen nicht endlich eine Frauenquote einführen.«

Einen wichtigen Anteil dieses Lese- und Diskussionsabends nahm dabei die Frage ein: Weibliches Schreiben, gibt es das überhaupt? »Ästhetisch betrachtet ist das nicht der Fall, darüber herrscht in der Literaturwissenschaft längst Einigkeit«, sagt Seibert. Es gebe keine Genres, die Frauen besser oder schlechter beherrschen als Männer und es gibt auch keinen biologisch erklärbaren geschlechtsspezifischen Umgang mit Sprache.

Anders verhalte es sich mit dem Inhalt, weil Frauen unter gänzlich anderen Bedingungen lebten und immer noch leben als Männer, schon weil die Erwartungen an die Geschlechter bis heute so unterschiedlich seien. »Und genau darüber schreiben Autorinnen«, betont Nicole Seifert. »Sie beschreiben, wie sie zum Verstummen gebracht werden, dass sie sich im eigenen Leben fremd fühlen oder sie erzählen gar vom eigenen Verschwinden.«

Als exemplarisches Beispiel führt sie die Erzählung »Die gelbe Tapete« der Amerikanerin Charlotte Perkins Gilman aus dem Jahr 1892 an. Und verweist auf die beiden »legendären amerikanischen Literaturwissenschaftlerinnen Sandra M. Gilbert und Susan Gubar«, die in ihrem für die »feministische Literatur grundlegenden Gemeinschaftswerk« darlegten, dass die Frauenfiguren amerikanischer Autoren aus dem 19. Jahrhundert entweder als »Engel oder Monster« dargestellt werden. Auch vielen der Germanistinnen im Publikum waren die zitierten Amerikanerinnen unbekannt, doch die genannten Muster kennt man in Europa auch, wenngleich die Frauen hier eher als »Huren oder Heilige« gesehen werden.

Am Ende appellierte die Autorin, die Produktionsbedingungen für Frauen zu verbessern. »Wie wäre es also mit Quoten bei Stipendien und Zuschüssen? Wie wäre es, wenn die vielen Förderprogramme die Lebensumstände von Autorinnen, die auch Eltern kleiner Kinder sind, bewusst berücksichtigen?« Denn gegen strukturelle Probleme »helfen nur strukturelle Veränderungen. Auch Leserinnen könnten dazu beitragen«, ist Seifert überzeugt.

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