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Freie Bahn für Radler

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Bei Demonstrationen, die auch über den Anlagenring führten, ist in Gießen schon mehrfach für eine fahrradfreundlichere Stadt geworben worden. Archivfoto: Schäfer © Rüdiger Schäfer

Gießen . Dass der umstrittene Verkehrsversuch auf dem Anlagenring kommen wird, ist seit dem entsprechenden Beschluss der Gießener Stadtverordnetenversammlung im März 2021 klar. Nun, über ein Jahr später, ist auch absehbar, wie er im Detail aussehen soll: Eine Fahrradstraße auf dem Innenring, befahrbar in beide Richtungen, sowie zwei Spuren für Autos auf dem äußeren Ring - jedoch als Einbahnstraße.

Diese Variante empfehlen die zuständigen Planungsbüros den Gießener Kommunalpolitikern. Am Dienstagabend wurde das Gutachten im Verkehrsausschuss vorgestellt (Bericht folgt).

Fünf Varianten wurden erarbeitet. Neben der präferierten Lösung (1.1) wurde auch geprüft, den KfZ-Verkehr auf eine Spur zu beschränken und eine separate Spur für Busse vorzuhalten (1.2). Variante 1.3 sieht ebenfalls eine Fahrradstraße auf dem Innenring vor, Autos und Co. dürften hier jedoch auf den beiden äußeren Spuren in beide Richtungen unterwegs sein. Vorschlag 2.1 setzt auf Fahrradstreifen auf den äußeren Fahrspuren. Ebenso bei Variante 2.2, hier wären die Radfahrstreifen jedoch auch für den Busverkehr freigegeben.

Kaum Umbau notwendig

Die Variante 1.3, also ein Zweirichtungsverkehr für Autos auf dem äußeren Ring, sei früh vom Tisch gewesen, sagte Bürgermeister Alexander Wright (Grüne) in einem Pressegespräch vor der Ausschusssitzung. »Hier hätten wir stark in den Bestand eingreifen müssen.« Neben den Kreuzungspunkten hätten etwa auch Bushaltestellen umgebaut werden müssen. Für die bevorzugte Lösung sind dagegen laut Gutachten »nur geringe bauliche Anpassungen erforderlich, in erster Linie Markierungen«. Vollständig überarbeitet werden müssten aber wohl die Ampelprogramme.

Die übrigen Lösungen wären »teils kein Verkehrsversuch gewesen, sondern an anderen Stellen bereits gelebte Praxis«, sagte Wright. »Wir wollen aber vorangehen.« Tatsächlich bietet die Fahrradstraße auf dem Innenring laut den Planern die größte Verbesserung für den Radverkehr bei gleichzeitig hoher Verkehrssicherheit. Gefährliche Situationen, etwa wenn ein Autofahrer nach rechts abbiegen wolle und den hinter ihm kommenden Radler übersehe, würden so vermieden, betonte Wright.

Des einen Glück ist aber bekanntlich des anderen Leid. Und so weisen die Planer darauf hin, dass in der präferierten Variante die Erschließung für den KfZ-Verkehr zwar gegeben, aber mit deutlichen Einschränkungen verbunden sei. Um sicherzustellen, dass etwa Shoppingfreunde trotzdem die Geschäfte in der Innenstadt erreichen können, soll bei den Zufahrten zu den großen Parkhäusern oder Tiefgaragen abschnittsweise das Fahren in beide Richtungen erlaubt werden - etwa für die Galerie Neustädter Tor von der Sachsenhäuser Brücke, Richtung Karstadt von der Frankfurter Straße und für das Parkhaus Westanlage von der Gabelsberger Straße.

Die Auswirkungen auf den ÖPNV sollen dagegen so gering wie möglich gehalten werden. Busse dürften daher die Fahrradstraße mitbenutzen, vorhandene Haltestellen würden weiter nutzbar bleiben. Da auf Fahrradstraßen Tempo 30 gilt, sind allerdings längere Fahrtzeiten möglich. Auf dem äußeren Anlagenring soll es bei Tempo 50 bleiben. Im schlimmsten Fall, so Bürgermeister Wright, wäre ein Bus künftig drei Minuten länger unterwegs, wenn er vom Berliner Platz in die Frankfurter Straße will. Seitens der Busunternehmen, die bei den Planungen einbezogen wurden, gebe es den Wunsch nach Busbeschleunigung.

Eine Bedingung seitens der Stadt war, dass Grundstücks- oder Parkplatzzufahrten weiter erreichbar bleiben müssen. Um das zu realisieren, soll die Fahrradstraße teilweise für den KfZ-Verkehr freigegeben werden. Auch Müllabfuhr und Lieferverkehr dürften bei Bedarf ebenso wie Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr auf der Fahrradstraße fahren.

Aber nicht nur die Autofahrer, auch manche Anwohner müssen sich auf Mehrbelastung durch den Verkehrsversuch einstellen. In der Ringallee rechnet man laut Wright etwa mit einem Plus von 1000 Autos pro Tag. In der Ludwigstraße im Bereich der Liebigschule könnten sogar 2000 Autos mehr unterwegs sein. Auch für Nahrungsberg, Asterweg, Alicenstraße, Reichensand, Bahnhofstraße und Neustadt erwarten die Planer ein erhöhtes Verkehrsaufkommen. Um die drohenden »unverträglichen Mehrbelastungen« zu vermeiden, sollen Gegenmaßnahmen geprüft werden. Das könnten laut Bürgermeister etwa Einbahnstraßenregelungen oder weitere Fahrradstraßen sein.

Apropos Einbahnstraßen: Um die nordöstliche Innenstadt weiter für Autos erreichbar zu machen, soll in der Braugasse künftig das Fahren in beide Richtungen erlaubt sein. Die Einbahnstraßenregelung in der Senckenbergstraße wiederum soll umgedreht werden. Die Zu- und Abfahrt von der Ostanlage ist über Walltorstraße und Braugasse angedacht, die Zu- und Abfahrt von der Nordanlage wiederum über Dammstraße und Walltorstraße.

Widersprüchlich sind die Angaben zu den erwarteten längeren Wegstrecken für Autofahrer. In der Gutachtenpräsentation gehen die Planer von »erheblichen Umwegfahrten« durch die Einbahnstraßenregelung aus, Bürgermeister Wright sprach jedoch von einem zusätzlichen Weg im Bereich von lediglich »0,5 bis ein Prozent«. In Einzelfällen würden aber größere Umwege etwa auf dem Weg zur Arbeit notwendig. Letztendlich hofft Wright durch den Verkehrsversuch vor allem auf eines: »Mehr Leute auf das Rad zu kriegen.«

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