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Freispruch für den Angeklagten

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Am Amtsgericht Gießen wurde der Prozess um den Vorwurf der sexuellen Nötigung verhandelt. Die Verhandlungen waren teils begleitet von Tumulten. Symbolfoto: Mosel © Jasmin Mosel

Der Prozess um eine mögliche sexuelle Nötigung in Gießen endete mit einem Freispruch für den 25-jährigen Angeklagten. Die Aussage des mutmaßlichen Opfers war zu lückenhaft.

Gießen (fley). Der Prozess um eine mögliche sexuelle Nötigung endete mit einem Freispruch für den 25-jährigen Angeklagten. Ihm konnte nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden, seine frühere Partnerin an einem Morgen im Oktober 2020 gegen deren Willen zu sexuellen Handlungen gezwungen zu haben.

Die Verhandlungen waren begleitet von Tumulten, offenen Fragen und vielen Ungereimtheiten. Letztlich stand Aussage gegen Aussage. Es gebe keine direkten Zeugen der mutmaßlichen Tat und die Angaben der jungen Frau zum »Kerngeschehen« seien lückenhaft, erklärte der Vorsitzende des Schöffengerichts, Dr. Dietrich Claus Becker, in der Urteilsbegründung. Das aber sei »keine belastbare Grundlage für eine Verurteilung«.

Freiheitsstrafe gefordert

Staatsanwalt Markus Schneider sah dagegen durch die Beweisaufnahme bestätigt, dass es sich sogar um mehr als eine sexuelle Nötigung gehandelt habe. Daher forderte er in seinem Plädoyer, den Übergriff als Vergewaltigung zu werten und eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und vier Monaten zu verhängen. Gleichwohl sei ihm bewusst, dass es vor allem auf die Glaubwürdigkeit des Opfers ankomme. Er selbst habe daran keine Zweifel. »Aber es waren keine Zeugen dabei und objektive Beweise liegen nicht vor«, räumte er ein. Das rechtsmedizinische Gutachten hatte den Vorwurf zuvor weder belegen noch verwerfen können. Die Frau, die auch als Nebenklägerin auftrat, war zwei Tage nach dem Vorfall in der Uniklinik untersucht worden.

Allerdings habe keine männliche DNA sichergestellt werden können. Dies lasse dadurch erklären, dass sie zu diesem Zeitpunkt ihre Periode hatte und Zellen schlichtweg »hinausgespült« worden seien.

Verteidiger Henner Maaß erachtete die Schilderungen zu der vorgeworfenen Tat als wenig glaubhaft und unzureichend für eine Verurteilung. »Das reicht nicht, was sie hier haben. Wenn wir den Anspruch der Staatsanwaltschaft ernst nehmen, dann ist das argumentativer Treibsand«, so Maaß, der ebenfalls hervorhob, dass objektive Beweise fehlten. »Ich kann mir vorstellen, dass viele Ränkespiele gemacht wurden.« Sein Mandant könne deshalb nur freigesprochen werden.

»Alles, was wir haben, ist die Aussage der Nebenklägerin und das, was der Angeklagte und die Nebenklägerin Dritten gesagt haben«, führte der Vorsitzende in der Urteilsbegründung aus. Auch die Auffassung von Staatsanwaltschaft und Nebenklage, dass die junge Frau »ohne Belastungseifer sei«, teile das Gericht nicht. Sie habe den 25-Jährigen als eindimensionalen Menschen beschrieben, der außer an Party und Frauen an nichts weiter habe denken können. Zudem sei sie durch ihre Freunde massiv beeinflusst worden.

»Das Opfer war maßgeblich fremdgesteuert, was den Weg der Anzeige angeht. Beeinflussungen und Manipulationen durch Dritte sind nicht auszuschließen«, betonte Becker. Zugleich zweifle das Schöffengericht an der Darstellung einer Zeugin, der gegenüber der Angeklagte einen sexuellen Übergriff angeblich gestanden habe.

Ein Großteil der Aussagen im Prozess stammten «aus dritter oder vierter Hand«. Bei dieser Sachlage sei eine Verurteilung nicht möglich, verdeutlichte der Vorsitzende und stellte klar: »Die Aufgabe, die wir hier haben, ist schwer genug. Wir sind kein patriarchalisches Gericht, das immer für Männer entscheidet.« Die Verantwortung für das Urteil trage er selbst und niemand sonst.

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