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Freundeskreis im Zeugenstand

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Ein Gießener soll seine Ex-Freundin sexuell genötigt haben. Er schweigt zu den Vorwürfen. Nun müssen gemeinsame Bekannte und Kollegen erneut vor Gericht aussagen.

Gießen (fley). Einem 25-jährigen Gießener wird vorgeworfen, seine Ex-Freundin nach einer privaten Feier sexuell genötigt zu haben. Konkret soll er in einer Nacht im Oktober 2020 das mehrfache »Nein« der Frau ignoriert, sie ausgezogen und sich auf sie gelegt haben. Während die 27-Jährige ihren früheren Partner im Prozess vor einem Schöffengericht des Amtsgerichts schwer belastet und sogar der Vergewaltigung beschuldigt, schweigt der Angeklagte. Nun wurden gemeinsame Bekannte der Parteien teils bereits zum zweiten Mal als Zeugen gehört. Die vorgeworfene Tat hat keiner von ihnen beobachtet. Vielmehr sollen sie die Beziehung des einstigen Paares beschreiben - privat wie beruflich, denn alle arbeiteten zudem gemeinsam in einer Gießener Bar.

»Bester Freund« und »Frauenheld«

»Ich glaube Ihnen kein Wort. Nichts davon, was sie gesagt haben, glaube ich Ihnen ansatzweise«, nahm Verteidiger Henner Maaß eine Zeugin ins Kreuzverhör. Wenige Minuten zuvor hatte die 26-jährige Studentin Angaben über ihre Freundschaft zum Angeklagten gemacht und sich dabei aus Sicht des Rechtsanwalts immer wieder in Widersprüche verstrickt. Sie beschrieb den Angeklagten als »besten Freund und große Bezugsperson«. Zum Bruch sei es allerdings gekommen, als er lieber zu einer flüchtigen Bekannten gegangen sei, anstatt die Familie der 26-jährigen kennenzulernen. Die Freundschaft sei nach dem Zwischenfall oberflächlich geworden »Seine Frauenbekanntschaften standen über unserer Freundschaft. Für mich war das einfach alles ein Vertrauensbruch, auch mit meiner Familie. Der Angeklagte ist eben ein Frauenheld«, schilderte die Studentin. Über das Verhalten anderen Frauen gegenüber hat sie viel Negatives zu erzählen. »Wenn er eine Frau wollte, dann hat er sie bekommen. Das war eher eine Jagd nach Frauen. Er hat geprahlt, wie viele Frauen er schon hatte«. Maaß intervenierte erneut und fragte, wie es denn sein könne, dass sie den Angeklagten als besten Freund bezeichnete, aber gleichzeitig von seinen Frauengeschichten angewidert war. Für den Verteidiger klang das alles unglaubhaft, weshalb er die Bedeutung der Freundschaft bezweifelte.

Auch weitere Zeugenvernehmungen verliefen ähnlich komplex. Der Mitbewohner des mutmaßlichen Opfers schilderte, dass er die Geschehnisse der fraglichen Nacht lediglich aus Sicht der Frau und basierend auf ihren Aussagen schildern könne.

Über Anzeige lange diskutiert

An genaue Details konnte er sich allerdings nicht mehr erinnern. In der Wohngemeinschaft sei im Nachgang lange darüber diskutiert worden, ob der Vorfall wirklich zur Anzeige gebracht werden solle, da der Angeklagte eben auch ein guter Bekannter gewesen sei.

Ein 28-Jähriger, der zum damaligen Zeitpunkt mit dem mutmaßlichen Opfer liiert war, hatte erst Tage später erfahren, wen seine Freundin überhaupt beschuldigt. »Sie war in einem schlechten psychischen Zustand«, ließ er von einem Dolmetscher übersetzen. Von den früheren Partnerschaften seiner Freundin habe er schlichtweg nichts wissen wollen. »Erst nach dem Erlebnis sagte sie mir, welche Beziehung sie zu ihm hatte«, führte der 28-Jährige aus.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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