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Frieden. Alle beten für ihn

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Der ukrainische Generalkonsul fand eindringliche wie bewegende Worte und erhielt viel Applaus. © Leyendecker

Gießen. Für den ukrainischen Generalkonsul in Frankfurt, Vadym Kostiuk, war der Gang auf die Bühne der Kundgebung auf dem Berliner Platz am Samstag von Emotionen geprägt. Neben dem ukrainischen Repräsentanten und weiteren Rednern war ebenfalls der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier erschienen, um seine Solidarität zu bekunden. Ermöglicht hatten die Teilnahme Frederik Bouffier von der CDU und Lawrence de Donges-Amiss-Amiss, Präsident der Deutsch-Englischen Gesellschaft Gießen, der seit Jahren mit dem Generalkonsul befreundet ist.

»Liebe Freunde, seit zehn Tagen ist unser gemeinsames Europa unter dem Angriff Russlands. Durch schrecklichen Vernichtungskrieg gegen mein freies und friedliches Volk hat Russland eine Zäsur gemacht und ins Gute und Böse geteilt. Der Krieg. In meinem Land herrscht Krieg«, begann der 47-jährige Ukrainer. Es sei ein heimtückischer, sinnloser, verheerender, perfider und infamer Angriffskrieg inmitten Europas, so Kostiuk. »Das ist jetzt unsere gemeinsame Realität. Menschen werden getötet, Raketen treffen Häuser und Kindergärten, Krankenhäuser und Friedhöfe. Die Opfer des Holocaustmahnmals wurden diese Woche zum zweiten Mal umgebracht. Von Putin«, unterstrich der Generalkonsul.

Das alles geschehe unter dem Motto der »Entnazifizierung der Ukraine«, deren Präsident Selenskyj aus jüdischer Familie stamme und zum Vorbild eines echten Staatsmannes für sehr viele europäische Politiker werden müsse. »Der Frieden. Alle beten für ihn. Der Frieden wird von ukrainischen Frauen, Kindern und Familien gesucht, die in Notunterkünften sitzen. Er wird von ukrainischen Soldaten gesucht, die selbstlos jedes Stück unseres Landes verteidigen. Noch am Mittwoch vorige Woche waren Friede und Sicherheit in Europa eine Selbstverständlichkeit. Heute kann sich niemand mehr sicher fühlen«, erklärte der Generalkonsul weiter.

Die von Putin geführte Russische Föderation habe lautstark ihre Absichten angekündigt. Jegliche Regeln und Vereinbarungen, wie etwa das Minsker Abkommen, werden missachtet. »Der Feind kennt keine Grenzen. Russlands Hauptwaffen sind keine Atomraketen. Das Arsenal, was sie stark macht, sind Lügen, Heuchlerei, Angst und Straflosigkeit«. Dagegen kann und müsse gekämpft werden, unterstrich Kostiuk. Die Gleichgültigkeit, Russlands willige Gehilfin, könne mehr zerstören, als es jede Waffe könne. »Der Freund. Der Freund beweist sich in schwierigen Zeiten. Gott hat die Ukraine mit Freunden gesegnet. Uns wird geholfen. Aber unsere Freunde binden sich an die Regeln und Beschränkungen, während der Feind die Regeln nicht anerkennt«. Jede Minute des Aufschiebens spiele Russland in die Hände. Es sei Zeit für Entschlossenheit, Einheit und blitzschnelles Handeln. »Das ist der einzige Weg, um zu gewinnen. Andernfalls wird Russlands Appetit, unsere Freunde zu verzehren, immer größer«.

Kostiuk verlangte Taten, statt leere Worte, vor allem vonseiten der westlichen Politik. »Macht endlich den Luftraum über der Ukraine dicht!«. Er appellierte an die Anwesenden, aus den Erfahrungen der Ukraine zu lernen, damit es keine weiteren bitteren Erfahrungen gäbe. »Die Ukraine hat acht Jahre gewarnt und gefordert. Acht Jahre wurden unserer Warnungen wurden nicht ernst genommen. Ukrainer und Ukrainerinnen haben einen starken Glauben. Sie verlassen sich auf ihre Verteidiger und Freunde. Die Ukrainer haben die Hoffnung, die ihnen die Kraft und das Vertrauen zum Sieg gibt. Die Ukrainer lieben das Leben, aber ihr Land und ihre Freiheit noch mehr. Meine mutigen Landsleute opfern ihr Leben, um unsere Heimat zu schützen«, bekräftigte der Generalkonsul. Das sei nicht nur der Kampf der Ukraine, sondern auch der Kampf um das Schicksal Europas und der Demokratie in Europa. Dieser Kampf, so Kostiuk, werde in der Ukraine ausgefochten. »Die meisten weigern sich, ihre Häuser zu verlassen, denn das ist unser Land. Wir stoppen die Panzerkolonnen mit bloßen Händen und produzieren Molotow-Cocktails in Massen«. Es gäbe eine vollständige Konsolidierung in der ukrainischen Gesellschaft. Es gebe einen Zusammenhalt, der in Europa nur selten festzustellen sei. »Ich finde, die ukrainische Zivilbevölkerung und Armee verdienen große Bewunderung und Beachtung«. Kostiuk dankte den Anwesenden für alles, was sie getan haben oder noch tun werden, sobald die ukrainischen Flüchtlinge ihren Weg nach Mittelhessen fänden. »Die Ukrainerinnen und Ukrainer sollen bald wieder einen friedlichen Himmel sehen. Ich bedanke mich für die unterstützenden Worte, für alle Gesten der Solidarität und vor allem für die Taten. Ich begrüße die Bereitschaft der deutschen Städte, Ukrainer aufzunehmen, die vorübergehend Zuflucht vor dem Krieg suchen. Ich danke dafür«. Eindringlich bat Kostiuk: »Bitte organisiert für meine geflüchteten Landsleute Unterbringungsmöglichkeiten und Transportmöglichkeiten, auch von den Bahnhöfen. Wir wären euch sehr dankbar dafür. Lernt uns besser kennen und ihr werdet sehen, dass wir mit Russland wenig gemeinsam haben und noch weniger haben wollen. Sie wissen, dass die Wahrheit mit der Ukraine ist. Und sie wissen, dass die Welt mit der Ukraine ist. Es gibt uns die Kraft, diese Tortur in Würde zu ertragen«.

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