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Frohe Kunde in düsterer Zeit

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Zu den Raritäten der Wildbienenfauna des Botanischen Gartens zählt die Geflügelte Kegelbiene (Coelioxys alata). Bisher gab es für Hessen nur einen einzigen Fund aus dem Jahr 1854. Seither gilt die Wildbienenart als verschollen beziehungsweise ausgestorben. Im Sommer 2021 wurde sie jedoch im Botanischen Garten auf Habichtskraut nachgewiesen. © Hans Bahmer

Gießen . Das Gefühl kennt jeder. Jener Glückszustand, der sich einstellt, wenn man etwas findet, was eigentlich als verschollen gilt. Und genau das ist jetzt den beiden Biologen Hans Bahmer und Dr. Ulrich Frommer passiert. Bei der Aufarbeitung ihrer Wildbienenbeobachtungen dieser Saison aus dem Botanischen Garten stießen sie auf Coelioxys alata.

Hinter diesem wissenschaftlichen Namen (latinisiert: coelia = »Bauch«, oxys = spitz, lat. »alata« = geflügelt) verbirgt sich die Geflügelte Kegelbiene. Die Weibchen zeichnen sich durch einen kegelförmigen Hinterleib mit flügelartiger Verbreiterung aus. Ihre Erstbeschreibung geht auf das Jahr 1853 zurück. Für Hessen wurde diese Wildbienenart bisher ein einziges Mal nachgewiesen. Das ist allerdings schon ein gutes Weilchen her. Genau genommen 167 Jahre.

Extrem selten

Im Jahr 1854 fiel das Insekt dem Entomologen Schenk aus Weilburg auf. Die rare Wildbiene gilt als extrem selten und wird in der Roten Liste der Bienen Hessens in der Kategorie 0 aufgeführt. Und das bedeutet verschollen beziehungsweise ausgestorben. Das etwa zwölf Millimeter große Insekt, das sich wie die ganze Gattung durch einen kegelförmigen Hinterleib auszeichnet, konnte im Sommer im Botanischen Garten im Sandtrockenrasen auf dem Blütenstand des Doldigen Habichtskrautes beim Trinken von Nektar beobachtet werden. Über die Lebensweise des seltenen Gastes ist wenig bekannt. Man kann aber davon ausgehen, dass er, wie die anderen zwölf einheimischen Arten der Gattung, ebenfalls als Schmarotzer unterwegs ist. Kegelbienen versorgen ihre Nachkommen nicht mit selbstgesammeltem Blütenstaub, sondern der Nachwuchs entwickelt sich in den Nestern von Wirtsbienen.

Bienen, die diese Lebensart pflegen, werden als Kuckucksbienen bezeichnet. Bei Kegelbienen handelt es sich beim Wirt meistens um Blattschneiderbienen. Zunächst wird der mit Blättern verschlossene Nesteingang von dem Schmarotzerweibchen mit dem spitzen Hinterleib durchstoßen. Anschließend wird ein Ei in die mit Pollen gefüllte Brutkammer gelegt. Die ausschlüpfende Larve ernährt sich nicht nur von dem Blütenstaub, sondern bringt den Nachwuchs der Wirtsbiene mit ihren kräftigen Kiefern um die Ecke.

Als praktizierender Parasit hat sich die Geflügelte Kegelbiene nach heutiger Erkenntnis auf die Holz-Blattschneiderbiene (Megachile ligniseca) spezialisiert, die für Hessen ebenfalls als gefährdet gilt. Die Geflügelte Kegelbiene ist aber nicht die einzige ihrer Gattung, die bisher im Botanischen Garten gefunden wurde. Bereits 2013 entdeckten die beiden Biologen die Stacheltragende Kegelbiene (Coelioxys echinata), die, in einen im Wind schwankenden Roggenhalm verbissen, seelenruhig schlief. Auch diese Kegelbiene ist in der Roten Liste aufgeführt. Und zwar in der Kategorie »Gefährdung unbekannten Ausmaßes«. Angesichts der täglichen Horrormeldungen in den Medien sind die Funde der beiden Wildbienen-Raritäten im Stadtzentrum Gießens doch eine frohe Kunde in einer düsteren Zeit.

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