1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Frühestens in vier Jahren geht’s los

Erstellt:

giloka_1706_adenauer_170_4c
Marodes Bauwerk: Die Fahrbahn der Adenauer-Brücke ist bereits verengt und für Schwerlastverkehr tabu. Foto: Schäfer © Schäfer

Die marode Konrad-Adenauer-Brücke in Gießen wird einem vierspurigen Neubau weichen, doch nach derzeitigem Planungsstand ist damit erst zwischen 2026 und 2029 zu rechnen.

Gießen. Von wegen: »Das wird kein Never-Ending-Projekt«, wie die ehemalige Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz vor drei Jahren noch versprochen hatte. Die Konrad-Adenauer-Brücke wird einem vierspurigen Neubau weichen, doch bis der steht, dürften nach einem am Mittwoch veröffentlichten Appell deutscher Klimawissenschaftler keine Benziner und Diesel mehr die Lahn queren. Die hatten nämlich gefordert, bis spätestens 2030 den Verbrennermotor aus dem Verkehr zu ziehen.

Wie Claus-Peter Balser vom Tiefbauamt nun bei einer Online-Informationsveranstaltung der Stadt Gießen ausführte, kann der Bau der neuen Brücke nach derzeitigem Planungsstand frühestens zwischen 2026 und 2029 erfolgen. Das heißt, Autofahrer aus dem Westen, die in die Stadt einpendeln, müssen noch mindestens vier Jahre mit Fahrbahnverengungen und Geschwindigkeitsbeschränkungen leben - immer vorausgesetzt, dass sich der Zustand der Konrad-Adenauer-Brücke nicht noch weiter verschlechtert, denn die ist ohnehin schon marode genug, wie Stefan Hoffmann-Heise vom Tiefbauamt eingangs in Erinnerung rief.

Der jahrzehntelange Kontakt mit Streusalz hat nicht nur Beton großflächig abplatzen, sondern auch tragende Teile korrodieren lassen. Zudem haben die Schwingungen des ständig zunehmenden Schwerlastverkehrs den Beton mürbe gemacht. Bei einer Untersuchung im Jahre 2018 erhielt die Brücke die Note 3,5.

Alarmstufe Gelb auf der Brücke

Was in der Schule noch befriedigend bis ausreichend wäre, bedeutet bei Straßenbauern Alarmstufe Gelb. Denn bei einer Note von 4,0 führt an einem sofortigen Abriss kein Weg mehr vorbei.

Um das Risiko weiterer Schäden zu senken, ist die Brücke seit dem 22. Oktober 2020 für den Schwerlastverkehr über 3,5 Tonnen gesperrt. Der wird seitdem über die Rodheimer Straße geführt. Außerdem wurden die Fahrbahnen auf der Brücke auf 2,10 Meter verengt und es darf dort nur noch mit Tempo 30 gefahren werden.

Anlass für die Online-Info-Veranstaltung (an der rund 30 Bürger teilnahmen) ist der Beginn des Planfeststellungsverfahrens am 20. Juni mit Anhörung und Offenlegung des Plans für den im November 2019 von der Stadtverordnetenversammlung beschlossenen Brückenneubau.

Dass die neue Brücke weitgehend ausgeplant ist, war auch der einzige Kritikpunkt in der kurzen Diskussion, die sich an die Ausführungen der Experten anschloss. Dass sich die Zahl der in die Stadt führenden Fahrspuren von zwei auf vier verdoppeln werde, war im Vorfeld mehrfach als nicht mehr zeitgemäß kritisiert worden, selbst wenn beiderseits Radwege eingeplant sind. Bürgermeister Alexander Wright (Grüne) beruhigte, dass man trotz abgeschlossener Planung später noch über geänderte Fahrbahnmarkierungen künftige Verkehrsströme nachsteuern könne. Weitere Verzögerungen wären da eher kontraproduktiv. Wright: »Wenn wir noch länger warten, dann klopft irgendwann die Schiersteiner Brücke bei uns an.«

Tiefbauamtsleiter Peter Ravizza verteidigte den vierspurigen Ausbau der Adenauer-Brücke ausdrücklich. Erklärtes Ziel der Planung sei es, künftig mehr Verkehr auf die Konrad-Adenauer-Brücke zu lenken, um die Rodheimer Straße und den Verkehrsknoten Oswaldsgarten nachhaltig zu entlasten. Letzterer sei der am stärksten belastete Verkehrsknoten im ganzen Stadtgebiet, und auch in der Rodheimer Straße werde der Verkehr durch neue Wohngebiete im Westen der Stadt aller Voraussicht nach noch weiter zunehmen.

»Wir liegen da bereits jetzt im Bestand über der Belastungsgrenze«, betonte Ravizza, zumal Prognosen bis zum Jahr 2030 mit einem Zuwachs von 1500 Fahrzeugen täglich in dem Bereich rechnen würden. Ein Trost bleibt geplagten Autofahrern: Während der ganzen Bauzeit bleibt die Brücke befahrbar. Während zunächst die beiden südlichen Fahrspuren errichtet werden, bleibt die alte Brücke in Betrieb. Sie wird erst abgerissen, wenn der Südteil fertiggestellt und der Verkehr über ihn geleitet werden kann.

Stehen wird die neue Brücke dann auf vier Pfeilern im Lahnbett. Während des Baus wird im Brückenbereich temporär Erde für die Baufahrzeuge im Flussbett aufgeschüttet, aber für Kanuten und andere Wassersportler bleibe die Lahn während der Bauarbeiten befahrbar, beruhigte Balser.

Während man bei bestehenden Brückenbauten von einer Lebensdauer von rund 70 Jahren ausgehe, die die Konrad-Adenauer-Brücke aber nicht mehr erreichen wird, wie Ravizza ergänzte, plane man bei Neubauten mit einer Lebensdauer von 200 Jahren. Ob die neue Brücke wirklich noch 2230 stehen wird, ist freilich ebenso ungewiss wie ihre Kosten. Die waren einmal auf 22 Millionen Euro angesetzt, von denen die Stadt Gießen sieben Millionen zu tragen hätte, da das Land Hessen etwa 70 Prozent der Kosten tragen wird. Allerdings dürfte diese Kalkulation angesichts der hohen Inflation kaum zu halten sein. Nur zur Erinnerung: 2010 war die Stadt von rund neun Millionen Euro für einen Brückenneubau ausgegangen.

Auch interessant