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Fünf Stunden unerfüllte Liebessehnsucht

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Ein Werk, in dem die Liebessehnsucht des Paares zu höchstem Ausdruck gebracht wird: die Partitur für Richard Wagners »Tristan und Isolde«. Symbolfoto: dpa © Red

Florian Ludwig und das Philharmonische Orchester Gießen glänzen mit Richard Wagners Großwerk »Tristan und Isolde«.

Gießen. Als Giacomo Puccini, der Schöpfer so unsterblicher Opern wie »Tosca«, »La Bohème« und »Madame Butterfly«, zum ersten Mal die Partitur von »Tristan und Isolde« in Händen hielt, fühlte er sich, bei aller Bewunderung, klein und unbedeutend: »Weg mit dieser Musik! Wir sind Mandolinenspieler, Dilettanten: wehe, wenn wir uns hinreißen lassen! Diese gewaltige Musik vernichtet uns und lässt uns nie mehr etwas zustanden bringen!«

Die Tür zur Moderne

Viel ist seither über dieses Werk geschrieben worden, mit dem Richard Wagner die Tür zur Moderne aufstieß. In einem schier endlosen harmonischen und melodischen Fließen wird die unerfüllte Liebessehnsucht zu höchstem Ausdruck gebracht. Es ist eine aufwühlende, von starker Erregung durchglühte Liebesmusik, die mit ständig schweifender Chromatik den Eindruck eines permanenten Suchens erreicht, ohne je ans Ziel zu gelangen. In dem Moment, in dem sich eine Spannung auflöst, entsteht eine neue, weshalb ein Kritiker einmal treffend von einer »rauschgiftigen Faszination« sprach.

In einer konzertanten Aufführung voller Klangpracht wurde das Publikum im Gießener Stadttheater am Sonntag Zeuge einer Liebesnacht, die sich zur rauschhaften Ekstase zweier tragisch Liebender steigerte. Das auf 80 Musiker angewachsene Philharmonische Orchester Gießen sowie die Gesangsdarsteller und der Herrenchor (Einstudierung: Jan Hoffmann) boten unter der Leitung von Generalmusikdirektor Florian Ludwig eine geradezu betörende Interpretation, die selbst viel umherreisenden Wagnerianern Respekt und Anerkennung abnötigen musste. Fern von jeder Effekthascherei, doch mit nie nachlassender Präzision führte der Dirigent alle Beteiligten in höchster Konzentration zu einer großartigen Leistung. Was Wunder, dass nach fünf (!) Stunden (mit zwei Pausen) langanhaltender Applaus und Bravorufe durch das Jugendstilhaus am Berliner Platz hallten.

Da Opernmusik meist nur aus dem Orchestergraben zu hören ist, entfaltet sie sich im Unterschied dazu bei konzertanten Aufführungen auf ganz besondere Weise, was gewiss auch damit zu tun hat, dass die Zuschauer die einzelnen Instrumentalisten bei ihrem Tun sehen können. Das Auge hört bekanntlich mit, und so schenkt man einzelnen Instrumentengruppen und Solisten stärker Aufmerksamkeit, als dies beim Musizieren im Graben der Fall ist.

So macht das Publikum in diesem monumentalen, normensprengenden Nachtstück Wagners, in dem die Musik unaussprechbare innere Stimmungen darstellt, mit vielerlei Details Bekanntschaft. Die zunächst in Blau, dann in Rot und Grün beleuchtete Bühne gibt die Grundstimmung vor, und Florian Ludwig lässt bei seinem bezwingenden Dirigat keine Zweifel aufkommen, dass es darum gehen muss, das Fließen seelischer Ströme zu malen. In diesem Sinne zeigt die Aufführung mit aller Deutlichkeit, dass das Orchester in diesem Seelendrama der eigentliche Motor ist. Denn meist wissen die Instrumente mehr als die Sänger und plaudern die Gefühle der Protagonisten aus. Wenn sich Tristan und Isolde das erste Mal begegnen, wogt das Orchester, das bereits mit Leidenschaft zum Zerreißen geladen ist, und zu Beginn des zweiten Aktes, wenn Isolde von Nervosität getrieben ist, gibt das Orchester Einblicke in ihre mühsam unterdrückten Gefühle. Während König Marke noch geschwätzig um Aufklärung bittet, da wissen die bebende Bassklarinette (Thomas Orthaber) und die dunkel schluchzenden Streicher bereits, dass da für ihn nichts mehr zu holen ist. Wenn weiter das Vorspiel zum dritten Akt die grauenhaften Einsamkeit Tristans ausdrückt, dann spiegelt sich dessen Melancholie auf ergreifende Weise in der Hirtenweise des Englischhorns (Alba Busco) wider. Und wenn der sterbende Tristan im Fieberwahn die Ankunft Isoldes herbeisehnt, spannen ihn - und auch die Zuhörer - die sich wiederholenden Fanfarenstöße des einlaufenden Schiffs (Holztrompete: Christine Dobmeier) auf die Folter.

Die beiden Titelpartien können nicht anders als schwierig, herausfordernd, ja mörderisch genannt werden, weil sich ihre Interpreten über Stunden gegen Orchesterfluten zu behaupten haben. Für die Gießener Aufführung konnten mit Edith Haller und Heiko Börner zwei versierte Wagnersänger verpflichtet werden, die ihre Stimmen im berühmten Liebesduett »O sink hernieder, Nacht der Liebe« wie entfesselte Stürme durch den Theatersaal fegen lassen. Edith Haller verfügt über eine schöne Mittellage, klingt aber in der Höhe etwas spitz und scharf. Sie gibt eine kraftvolle Isolde, doch am Schluss der Oper, in ihrem großen Monolog, ist ihr anzumerken, wie kräftezehrend diese Partie für sie gewesen ist.

Expressiver Heldentenor

Einen energisch vorpreschenden, expressiven Tristan bietet Heiko Börner mit seinem durchschlagskräftigen Heldentenor. Souverän ist er in jedem Augenblick Herr der Lage, singt er doch die riesige Partie (im Unterschied zu seinen Kollegen) frei aus dem Kopf. Bei der Länge der Aufführung bleibt es freilich nicht aus, dass auch bei ihm manches gestemmt und forciert klingt.

Einen sehr guten Eindruck hinterlässt Michaela Selinger als Brangäne, die mit Wärme, Stimmfülle und feinen Legato-Bögen schönen Gesang ins Spiel bringt. Keine Wünsche offen lässt auch Grga Peroš mit seinem dunkel gefärbten Bariton als Kuwenal. Als König Marke zeigt Ilkka Vihavainen, dass er mit seinem runden, wohltönenden Bass in der Tradition der großen finnischen Bässe steht. Das positive Gesamtbild runden Andreas Karasiak als Melot, Yoseph Park als Hirte und Josua Bernbeck als Steuermann ab.

Eine weitere Aufführung von »Tristan und Isolde« gibt es am 6. Februar um 16 Uhr.

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