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Für den Döner geht´s um die Wurst

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Eine echte Wert-Auslage: Wer sich solch ein opulentes Schlachtmahl gönnen will, wie hier an einer Fleischertheke angeboten, der muss immer tiefer in die Tasche greifen. Symbolfoto: Bodo Schackow/dpa © Red

Ständig steigende Fleischpreise werden für viele Schnellimbisse in Gießen zur Existenzbedrohung. Betreiber rechnen mit zahlreichen Schließungen, sollte diése Entwicklung anhalten.

Gießen. Die Sonne knallt vom blauen Himmel, die Laune steigt mit der Quecksilbersäule und bestes Grillwetter weckt bei vielen Zeitgenossen fleischliche Gelüste. Und doch ist in diesem Frühling alles anders. Die Inflation frisst sich durch alle Lebensbereiche. Besonders hart trifft sie aber Fleischprodukte. Seit Juli vergangenen Jahres sind die weltweiten Fleischpreise im Durchschnitt Monat für Monat um 15 bis 20 Prozent gestiegen, vermeldet das statistische Bundesamt.

Das bestätigt auch der stellvertretende Obermeister der Fleischerinnung Mittelhessen-West, Carlos Zach-Zach, (vielen auch als Betreiber der Gießener Institution »Woscht-Anna« bekannt). So habe sich der Rindfleischpreis binnen weniger Wochen verdoppelt.

Das bestätigt Cumali Dalkilic vom türkischen Restaurant »Keyf-i Mangal« im Asterweg. Der Gastronom´lebt seit 32 Jahren in Deutschland, »aber so einen Preisanstieg habe ich in Deutschland noch nicht erlebt. Um die Jahrtausendwende habe damals in seiner Marburger Pizzeria eine Pizza mit sechs verschiedenen Belägen 12 Euro gekostet und nach der Euro-Einführung dann 5,86 Euro. »Die Zahl habe ich mir gemerkt. Versuchen Sie heute mal eine anständige Pizza für 6 Euro zu bekommen.«

Nahezu verdoppelt

Die Großhandelspreise änderten sich mittlerweile fast täglich». Er nennt ein Beispiel: Der Zehn-Liter-Kanister Speiseöl hätte in der Metro immer 11 Euro gekostet. Aktuell betrage er 35 Euro. Bei hundert Litern Öl pro Woche, die an seinem Grill verbraucht würden, sei das keine Kleinigkeit. Der Preis für Kalbfleisch habe sich nahezu verdoppelt und der für ein Kilo Lamm sei im letzten Jahr von 6,50 Euro auf 8,75 Euro geklettert. Wollte er seine Mehrkosten an die Kunden weitergeben, müsste seine Spezialität, der Grillteller, statt 17 Euro 22 Euro kosten. »Aber das kann ich nicht machen, dann kriegen die Kunden einen Schock und bleiben zu Hause. Zudem würde ihn allein das Drucken einer neuen Speisekarte 2000 Euro kosten. Also beiße man die Zähne zusammen und halte durch, wohlwissend dass das nicht unbegrenzt geht.

In dieser Zwickmühle stecken auch die vielen Fastfoodläden in Dalkilics Nachbarschaft. Im »Dönerdreieck« ist der Preis für die fleischgefüllte Teigtasche bereits von 4 auf 5 Euro gestiegen. Einige Betreiber lassen im Gespräch bereits durchblicken, dass sie bald an einer weiteren Preiserhöhung auf 6 oder 6,50 Euro nicht herum kommen. Nun ist der Döner aber wie die Bratwurst Kleine-Leute-Essen. Und das kann man nicht für 10 oder 12 Euro an den Mann oder die Frau bringen. Dalkilic erzählt, das es vor einigen Wochen bereits ein Krisentreffen der Gießener Dönerbudenbetreiber gegeben habe.

Seit November seien die Fleischpreise im Einkauf um 30 Prozent gestiegen, sagt auch Mehmed Ali Bayram, von »Mega Tandur« in der gleichen Straße. Darum habe er im März den Preis für den Standard-Döner um einen Euro anheben müssen. »Dadurch haben die Menschen aber nicht mehr Geld, dass müssen sie ja schon an den Tankstellen lassen«, weiß der Inhaber des Dönergrills. Er ist sich sicher: »Wenn die Entwicklung so weitergeht, dann geht in Gießen 60 Prozent der Gastronomie kaputt.«

Teure Wurstzipfel

Schon ganz andere Krisen hat die Gießener Traditionsmetzgerei Zach erlebt. Bereits der Ur-Ur-Großvater von Inhaber (und Bruder des bereits erwähnten Innungsobermeisters) Maurice Zach-Zach war Metzger und hatte 1885 eine Metzgerei im Egerland gegründet. Derzeit merke er noch keine Veränderungen im Kundenverhalten. Wer beim Fleischer einkaufe, setze auf Qualität und müsse nicht auf den Cent schauen. Dennoch sei die derzeitige Preisentwicklung brutal. So habe sich der Preis für eine Naturdarm-Pelle für eine Bratwurst von 10 auf 30 Cent erhöht. Beim »Licher Frühlingserwachen hätten bereits die ersten Stände die Bratwurst für 4 Euro verkauft.

Weniger betroffen von den durch die Decke gehenden Fleischpreisen sind die Supermärkte. Amed Turgut vom Turgut--Supermarkt in der Marburger Straße beobachtet, dass sích das Kaufverhalten seiner Kundschaft ändert. »Wer früher Hähnchen aß, greift jetzt zu Reis und wer früher 10 Kilo Fleisch im Monat konsumiert, belässt es jetzt bei 5.«

Weniger zahlt er deswegen allerdings nicht. Der Preis für die Zehn-Kilo-Kiste Hähnchenschenkel sei binnen zweier Monate von 13,99 Euro auf 23,99 geklettert und das Kilo Hackfleisch koste jetzt 8,29 statt 5,50 vor drei Monaten, rechnet Turgut vor. »In einer Stadt wie Gießen merke man schon, dass weniger Fleisch konsumiert werde. »Wir haben hier viele Mini-Jobber und Transferempfänger«.

Opfer Mittelschicht

Sorgen machen Turgut aber mehr noch als die hohen Fleischpreise die Zahlen an den Zapfsäulen. »Wir hatten früher viele Kunden aus dem Umland. Für einige von denen rechnet sich ein Einkauf jetzt nicht mehr. Unser Einzugsgebiet wird kleiner.

»Inflation trifft zuerst die Mittelschicht«, meint Carlos Zach-Zach von der Fleischerinnung, »wer sich ab und an mal ein gutes Stück Fleisch vom Metzger gegönnt hat, wird das künftig seltener tun,«

Cumali Dalkilic bestätigt diese Einschätzung. Er weiß, was eine anhaltende hohe Inflation anrichtet aus der Türkei. »Die Armen spüren sie am wenigsten. Die hatten ohnehin nie Geld, und die Reichen profitieren oft sogar von solch einer Entwicklung. Inflation zerstört vor allem den Mittelstand und das untergräbt auf Dauer den sozialen Frieden«.

Von der Politik wünscht sich der Gastronom wie andere, mit denen wir gesprochen haben, Steuersenkungen, vor allem bei Benzin und beim Strom. »Das würde zum Beispiel die hohen Kosten für die Kühlung senken«. Zach-Zach hofft auf eine Ausweitung der Agrarflächen im Land, um Importausfälle zu kompensieren.

Kriegsherr Putin ist übrigens nicht die einzige Ursache für die aktuelle Preisentwicklung. Díe Fleischpreise steigen weltweit bereits seit einem Jahr und ein Ende ist nicht in Sicht.

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