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Das große Salzlager auf dem Gelände des Stadtreinigungs- und Fuhramts ist gut gefüllt.

Eis und Schnee

Für den Winter gewappnet

Wie der Winterdienst der Stadt Gießen auf Eisglätte und Schneefall vorbereitet ist und im Ernstfall vorgeht.

Gießen . Die vergangenen Tage haben es wieder einmal deutlich gezeigt: Fällt Regen auf gefrorenen Boden, kann er sich binnen Minuten in gefährliches Glatteis verwandeln. Beim Winterdienst der Stadt Gießen ist man allerdings schon seit einigen Wochen auf glatte oder verschneite Straßen und ähnliche Szenarien vorbereitet. Das Salzlager auf dem Gelände des Stadtreinigungs- und Fuhramts in der Schlachthofstraße ist mit mehreren Hundert Tonnen prall gefüllt. Fünf Großstreuer-Fahrzeuge, 15 Kleinstreuer, zwölf Handkolonnen zu je zwei Personen und maximal circa 180 Mitarbeiter fünf verschiedener städtischer Ämter und der Mittelhessischen Wasserbetriebe (MWB) stehen bereit, sobald sie gebraucht werden beziehungsweise wenn die Wettervorhersage es verlangt. Sei es nun am Tage, frühmorgens oder mitten in der Nacht. Wie die Einsätze organisiert sind, was dabei gestreut wird und noch so einiges mehr erklärt im Gespräch mit dem Anzeiger der für den Winterdienst im Stadtreinigungs- und Fuhramt zuständige Abteilungsleiter Andreas Krämer.

Begonnen haben die Vorbereitungen wie jedes Jahr mit einer Winterdienstbesprechung der Einsatzleiter. Dieser schließt sich die Einweisung der Mitarbeiter durch einen externen Experten und dessen Prüfung aller Fahrzeuge und Geräte an. Wobei Groß- und Kleinstreuer zum Teil erst einmal umgerüstet werden mussten. »Ein großer Streuer ist im Sommer als Wasserwagen für das Gartenamt unterwegs«, berichtet Krämer, der zugleich stellvertretender Leiter des Stadtreinigungs- und Fuhramts ist. Ein Kleinstreuer hingegen ist zum Beispiel auch in der warmen Jahreszeit im Einsatz, um mithilfe des passenden Werkzeugs Unkraut zu entfernen. Darüber hinaus wurden zahlreiche orangefarbene Silos mit Salz gefüllt und an verschiedenen Stellen des Stadtgebiets und in den Ortsteilen von Allendorf bis Wieseck aufgestellt. Daraus können sich dann auch die Mitarbeiter der Handkolonnen, die mit Schippen und Streueimern unterwegs sind, bedienen.

Festgelegte Touren und 1700 Stellen im Stadtgebiet

Während die fünf Großstreuer, aufgeteilt auf genauso viele Stadtbereiche, die stark frequentierten Straßen von Eis und Schnee befreien, gibt es für Kleinstreuer und Handkolonnen insgesamt 27 festgelegte Touren. Die Straßen der Priorität eins werden vor denen der Priorität zwei, also den weniger verkehrswichtigen und gefährlichen, abgearbeitet. »Ein Durchgang dauert circa drei Stunden, abhängig von Schneehöhe, Glätte und Temperatur. Wenn es ganz heftig wird, muss danach die Tour von vorne begonnen werden«, erläutert Krämer die Vorgehensweise. Die in Extremfällen 180 alarmierten Mitarbeiter werden auf zwei Schichten zu je 90 aufgeteilt, die wiederum von bis zu 17 Einsatzleitern gemanagt werden.

Neben den stärker genutzten Radwegen, »auf die wir ein besonderes Augenmerk legen«, so Krämer, kümmern sich die Mitarbeiter unter anderem um alle wichtigen Überwege. Wohingegen bei den 22 Schulen sowie rund ums Rathaus und bei anderen öffentlichen Gebäuden die jeweiligen Hausmeister zuständig seien. Für Kleinstreuer und Handkolonnen sind sage und schreibe 1700 Stellen auf Karten der Stadtbereiche gekennzeichnet, die es nach und nach abzuarbeiten und zu dokumentieren gilt. Bislang per Papier und Stift, allmählich zieht aber auch hier GPS, das digitale Positionsbestimmungssystem, ein. »Bis der Berufsverkehr einsetzt, ist alles schon erledigt«, beschreibt er den gewünschten Ablauf. Den Einsatzleitern obliegt es, bei Kontrollfahrten nachzuschauen, ob irgendwo doch noch Nachbesserungsbedarf besteht.

Um über Wetterveränderungen frühzeitig informiert zu sein, nutzt man gleich mehrere Quellen. Zum einen den Straßeninformationsdienst des Deutschen Wetterdiensts (DWD) mit Schnee-/Regen-Radar und Kältemeldeanlagen. Letztere erhalten ihre Temperaturwerte durch Bodensensoren in bestimmten Straßen. »Einer davon befindet sich in der Licher Straße«, weiß der Fachmann. Außerdem sind die Kaltluftschneisen im Stadtgebiet bekannt, wie etwa die in der Wieseckaue, im Verlauf der Lahn oder entlang der Bahnlinie von Kleinlinden Richtung Bahnhof. »Am gefährdetsten aber sind die Brücken, da diese schneller auskühlen«, sagt der stellvertretende Amtsleiter.

Beim Streu- und Taumittel in den fünf Großfahrzeugen setzt der Gießener Winterdienst auf ein Gemisch aus Natriumchlorid (NaCl), besser bekannt als Kochsalz, und Magnesiumchlorid (MgCl2). Letzteres wird als Lauge erst auf dem Streuteller der Fahrzeuge aus Tanks beigemischt. Es umhüllt das Trockensalz und sorgt dafür, dass dieses »nicht klumpt und besser auf der Straßenoberfläche haftet«, erläutert Krämer. Zusätzlich ist ein Bitterstoff enthalten, damit niemand auf die Idee kommt, das Ganze auch noch zu essen. Das Salz bestehe hierbei gleichermaßen aus großen und kleinen Körnern, »um einen möglichst guten Effekt zu erreichen, wenn sie sich in das Eis reinfressen«.

Verteilt wird das FS30 genannte Gemisch nach dem Prinzip »So viel wie nötig, so wenig wie möglich«. Das reiche von zehn Gramm Salz pro Quadratmeter bei normalen Winterverhältnissen bis zu 40 Gramm bei heftigem Schneefall oder dicker Eisschicht. »Unsere Mitarbeiter kennen ihre Touren und wissen aus Erfahrung, welche Dosierung jeweils notwendig ist«, sagt der Winterdienstleiter. Wobei ihm natürlich bewusst ist, dass gerade Salz für Bäume und andere Gewächse nicht allzu gut ist. Wenngleich dieses Material am besten geeignet sei, »die Verkehrssicherheit zu gewährleisten«. Und so würden hier »zwei Herzen in unserer Brust schlagen«.

Beim Blick auf die in den vergangenen 15 Jahren verbrauchten Salz- und Laugenmengen ist zu sehen, dass die Zahlen je nach Winter sehr unterschiedlich sind. Beispielsweise wurde 2010/11 mit 1121 Tonnen NaCl und 156 Tonnen MgCl2 sehr viel benötigt, während es 2013/14 mit 50 beziehungsweise 26 Tonnen recht wenig war. Seit 2015 erfolgt die Auswertung nach Jahrgängen, wobei etwa für 2019 insgesamt 130 Tonnen NaCl und 53 Tonnen MgCl2 verzeichnet wurden. Die allgemeine Annahme in der Bevölkerung, die Winter würden aufgrund des Klimawandels von Jahr zu Jahr weniger heftig ausfallen, bestätigt sich zumindest in dieser Auflistung nicht. Split kommt übrigens überhaupt keiner zum Einsatz, »weil wir es eher mit Eis und überfrierender Nässe zu tun haben«, erläutert Andreas Krämer.

Sollten Bürger Fragen oder Wünsche haben, können sie sich ans Winterdiensttelefon unter der Rufnummer 0641/306-1639 wenden. Außerhalb der Amtszeiten ist ein Anrufbeantworter geschaltet. Laut Krämer habe der städtische Winterdienst etwaige Probleme aber »zu 99,9 Prozent schon vorher auf dem Schirm«. Denn dort steht man in engem Kontakt mit der Müllabfuhr sowie den Leitstellen der Polizei und Feuerwehr, die sich gegebenenfalls melden. Typische Probleme, mit denen es die Winterdienstkräfte immer wieder zu tun bekommen, sind Falschparker oder zugeparkte Straßen etwa in Kurvenbereichen, wo dann kaum noch ein Durchkommen möglich ist. Darüber hinaus müssten die Mitarbeiter überhaupt erst einmal bei schlechten Straßenverhältnissen von Zuhause an ihrer Arbeitsstelle ankommen, um von dort mit Fahrzeugen und Streumaterial zu den Touren aufzubrechen. Sollte dies dann auch noch zur Zeit des Berufsverkehrs sein, »kann es passieren, dass auch wir im Stau feststecken«.

Verantwortung von Eigentümern und Autofahrern

Wie der stellvertretende Amtsleiter hervorhebt, »leistet die Stadt Gießen ihren Winterdienst über die gesetzlichen Pflichten hinaus«. Abgesehen davon gelte weiterhin »der Appell an die Eigenverantwortung«. So müssten Eigentümer einerseits dafür sorgen, dass die öffentlichen Bürgersteige vor ihren Grundstücken geräumt oder gestreut sind. Zum anderen sollte sich jeder Verkehrsteilnehmer über die Witterungsbedingungen informieren und eine längere Anreisezeit einplanen. Für Autofahrer sei es besonders wichtig, rechtzeitig Winterreifen aufgezogen zu haben. »Wenn erstmal ein Fahrzeug am Berg quersteht, kann dies schnell das gesamte System zum Kippen bringen«, betont Krämer.

Drunter stellen, Salz einfüllen und losfahren: Die Großstreuer sind schnell wieder einsatzfähig.

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