1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Für ein modernes Leben auf dem Land

Erstellt:

Von: Felix Müller

gikult_aussiedler_160922_4c
Ein typischer Aussiedlerhof. Fotos: Bode, Müller © Bode, Müller

Gießen (lix). Sogenannte Aussiedlerhöfe sind in vielen Teilen Hessens ein prägendes Element der Kulturlandschaft. Inmitten von Feldern, weit weg vom Dorfkern aufgebaut - doch wie sind sie entstanden? Dr. Matthias Bode aus Marburg begab sich am Mittwochabend mit seinem Vortrag im Alten Schloss auf Spurensuche. Dabei spielten Themen wie Modernisierung, die deutsche Teilung oder der »grüne Plan« eine tragende Rolle.

Wie viele Aussiedlerhöfe in Deutschland existieren, vermochte der vom Oberhessischen Geschichtsverein (OHG) zu diesem Vortrag eingeladene Geschichtslehrer nicht zu beantworten. Die Literaturlage sei »sehr dünn«. Die Bedeutung dieser Höfe wurde dank seines Referats dagegen deutlich: Durch mehr Ackerfläche, rationales Arbeiten und Optimierung durch Maschineneinsatz sollte den Bauern »ein modernes Leben im eigenen Familienbetrieb« möglich werden.

Doch wie so oft liegen Vorstellung und Realität weit auseinander. Ihren Ursprung fand die Idee im Jahr 1919, als der Gedanke einer Bodenreform in Form eines »Reichssiedlungsgesetzes« in die Tat umgesetzt werden sollte. Wer das Land bearbeite, »sollte es auch schuldenfrei besitzen und nicht Pächter von Großgrundbesitzern sein,« heißt es dort. Ein Gesetz, das bis heute gültig ist. Es sah die Bildung gemeinnütziger Unternehmen vor, die Land zu Siedlungszwecken erwerben und weitergeben durften. Doch es dauerte drei Jahrzehnte, bis das »Projekt Aussiedlerhöfe« in Deutschland erfolgreich starten konnte. Als Vorbild dienten in den 1930ern die niederländischen Nachbarn, die mit dem Landgewinnungskonzept »Zuiderzeewerken« das neu entstandene Ijsselmeer trockenlegten, um die landwirtschaftliche Nutzung auszudehnen.

Der deutsche Reichskanzler Heinrich Brüning sah im landwirtschaftlichen Siedlungswesen die Lösung für die Weltwirtschaftskrise. Ungenutztes Land in Ostpreußen sollte als Nutzfläche herhalten, unproduktive Betriebe sollten zusammengeschlossen werden. Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg trugen die Ideen erste Früchte. Durch die Auswirkungen des Krieges war die Rückständigkeit auf dem Land groß, es fehlte an Maschinen und Ackerfläche, vieles war zerstört. »Hinzu kam die Not der unzähligen Flüchtlinge«, berichtete Bode. Aus dieser Not wurde versucht, eine Tugend zu machen, indem man die Vertriebenen eingliederte, ihnen Land und Höfe gab. So entstanden Strategien, um die Landwirtschaft in Deutschland und Hessen zu fördern: Der grüne Plan sowie der Hessen-Plan, die beide Anfang der 50er Jahre entstanden. Ersterer stellte ein Förderprogramm dar, um mit Strukturen im ländlichen Raum die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen. Der Hessen-Plan war ein Entwicklungsprogramm für »Wohnen, Soziales, Kultur, Wirtschaft und Verkehr.« Außerdem sah dieser vor, Familienbetriebe zu stärken und den Lohn anzugleichen.

»Das Einkommen eines Industriearbeiters sollte so hoch sein wie das eines Landwirts«, fügte Bode hinzu, der seit 2007 an der Elisabeth-Schule in Marburg unterrichtet. Beides mündete im »Landwirtschaftsgesetz«, welches 1955 verabschiedet wurde und der Landwirtschaft die Teilnahme an der fortschreitenden Entwicklung ermöglichte.

In der sowjetisch besetzten Zone wurde zwar das gleiche Ziel verfolgt: die Landwirtschaft für das Maschinenzeitalter zu rationalisieren. Jedoch mit einem anderem Ansatz. Ab 1952 kam es zur »Kollektivierung«, verteilter Besitz wurde zusammengeführt und Betriebe zusammengelegt, um große Felder zu schaffen und den Maschineneinsatz zu optimieren.

»So wurden die Bauern gleich zu Arbeitern gemacht, wohingegen im Westen die Landwirte die Chance bekamen, auf ihrem eigenen Land zu wirtschaften.« Seitdem wurden laut »Zeit« etwa 20000 »Aussiedlungen« in Deutschland vorgenommen, wobei alleine zwischen 1956 und 1959 über 3000 Aussiedlerhöfe in Hessen entstanden sein sollen. Zahlen, die »mit Vorsicht zu genießen sind«, wie Bode sagte. Sein Fazit: »Der Bauer durfte Bauer bleiben und musste nicht in die Stadt ziehen, um die Vorzüge der Moderne genießen zu können. Jedoch gelingt das heutzutage nur jenen Landwirten, die genügend Land haben, um profitabel arbeiten können.« Dies sei von »Ort zu Ort unterschiedlich« und könne nicht pauschalisiert werden, auch aufgrund von fehlenden Quellen.

gikult_bode_160922_4c
Matthias Bode © Felix Müller

Auch interessant