+
Am ersten Tag ging es im neuen Impfzentrum des Kreises in der Galerie Neustädter Tor noch eher geruhsam zu. Doch das dürfte sich schon bald ändern. Ein Großteil der Termine vor Silvester ist bereits vergeben.

Für ein paar Spritzen mehr

Gießen. Nur wenige Impfwillige verlieren sich am Mittwoch um 14 Uhr in der weiten Halle in der Galerie Neustädter Tor, in der der Landkreis, die Johanniter und das Deutsche Rote Kreuz (DRK) eine Impfstraße aufgebaut haben. In der sollen jeden Tag bis zu 500 Menschen erst- und zweitgeimpft oder geboostert werden. Plus ein paar Spritzen mehr, wenn nötig, betont Udo Liebich, als Büroleiter von Landrätin Anita Schneider mit der Koordination der Impfaktivitäten betraut.

Am ersten Tag herrscht hier wohl nur die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm.

Bereits in den ersten fünf Stunden waren 2600 Impftermine vergeben. Wer noch keinen hat, muss sich beeilen. Bis zum Jahresende sind im Impfzentrum in der Shopping Mall nur noch 1500 weitere Termine frei.

Auch den Luxus der Wahlfreiheit, den Impflinge im Kreis noch im Sommer genießen durften, ist bis auf Weiteres passé. Wer sich jetzt vor dem Corona-Virus schützen will, muss mit dem »Rolls Royce unter den Impfstoffen« (Jens Spahn) vorliebnehmen, sprich »Moderna«, der 90 Prozent der zur Verfügung stehenden Impfdosen ausmacht. Die 1070 Dosen BioNTech pro Woche sind vor allem für die reserviert, für die das »Moderna«-Vakzin keine Empfehlung hat, also Menschen unter 30 und Schwangere, erklärt Chrsitian Beetz, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Marburg-Gießen.

Beschimpfungen

Bis zum Wochenende sollen erst einmal nur 200 Menschen im neuen Impfzentrum behandelt werden, damit sich die Handlungsabläufe einspielen und die Mitarbeiter Routine gewinnen. Ab Montag will man dann »Volllast« fahren.

Wichtig: Geimpft werden kann in der Galerie - im Gegensatz zur Impfbox am Kirchenplatz - nur nach vorheriger Terminvereinbarung, und die kann nur online erfolgen. Das hat im Vorfeld bei einigen Zeitgenossen für böses Blut gesorgt. Liebich zitiert aus einer E-Mail voll wüstester Beschimpfungen. Die stammt aber offenbar nicht von einem Coronaleugner oder Querdenker, sondern von einem Zeitgenossen, der vordergründig gegen die Ungleichbehandlung wettert, eigentlich aber selbst wohl nur schneller dran kommen möchte.

Beetz verteidigt die Reservierungspflicht. Das Angebot in der Galerie richte sich bis Ende des Jahres vor allem an ältere und vulnerable Gruppen, also Menschen über 60, Schwangere und Vorerkrankte. Denen wolle man die mitunter langen Wartezeiten in der Kälte vor der Impfbox ersparen. Jüngeren Menschen sei es dagegen durchaus zuzumuten, für die Boosterung etwas anzustehen.

Am Sonntag beginnt in Reiskirchen dann eine Impftour durch die Bürgerhäuser im Kreis. In bis zu drei gleichzeitig kann man sich dann zwei Tage lang wohnortnah - und ohne Voranmeldung - immunisieren lassen. Dann zieht die Karawane weiter ins nächste DGH. Bis zu 3780 Menschen könnte man so pro Woche erreichen - falls genug Impfstoff vorhanden ist. Dessen aktuelle Reglementierung bereitet den beiden Verantwortlichen zurzeit die größten Sorgen. »Wir erhalten derzeit nur 60 Prozent der Impfdosen, die wir bestellt haben«, sagt Liebich.

Weiterhin täglich bis 22 Uhr geöffnet ist die Impfambulanz im Watzenborner Weg. Ab 8. Dezember steuert zudem der Impfbus des Kreises in einem neu getakteten Fahrplan vor allem die kleineren Dörfer wie Climbach oder Niederkleen an, um auch dort lebende und nicht so mobile Menschen erreichen zu können.

So will man jede Woche zweieinhalb Prozent der Kreisbevölkerung den Pieks verpassen. 860 tägliche Impfungen seien die »sportliche« Vorgabe der Landesregierung. Sich selbst habe man aber die Zielmarke 1550 gegeben, sagt Liebich.

Unrealistisches Ziel

Das ist freilich keinem falschen Ehrgeiz geschuldet, sondern dem Umstand, dass die Hausärzte, die noch im Sommer einen Großteil der Impfkampagne bestritten hatten, jetzt als unterstützender Faktor ausfallen würden. Jahreszeitlich bedingt seien deren Wartezimmer derzeit mit anderen Patienten »vollgelaufen«. »Wir schaffen es nicht die Impfzahlen des Sommers zu wiederholen«, prophezeit Beetz. Die Vorgaben des Landes nennt er denn auch »unrealistisch«.

Auch so haben die Impfteams des Kreises eine Herkulesaufgabe zu schultern, auch logistisch. An bis zu zehn Standorten gleichzeitig sind die Helfer in den gut drei Wochen vor Weihnachten im Einsatz. Liebich bricht deshalb ausdrücklich eine Lanze für seine Kollegen in den Planungsstäben, die oft von sechs Uhr morgens bis Mitternacht im Einsatz seien.

In den nächsten Wochen kommt auf die Impfteams noch eine weitere Herausforderung zu. Mit der Zulassung des Kinderimpfstoffs haben sie es mit einer besonders empfindlichen Zielgruppe zu tun. Der Aufwand, ein womöglich verängstigtes Kind zu impfen, ist ungleich höher als bei einem impfwilligen Erwachsenen, betont Beetz. Darum sollen die jüngsten Impflinge auch nicht in der Galerie geimpft werden. Hier favorisiere man Ortstermine in den Kindertagesstätten.

Das könnte Sie auch interessieren