1. Startseite
  2. Stadt Gießen

»Furcht ist kein guter Ratgeber«

Erstellt:

giloka_1308_schmidt_ebp__4c_2
Seit 2014 ist Jens Schmidt SWG-Vorstand. Den Konzern sieht er gut aufgestellt - trotz der Belastung durch die massiv gestiegenen Energiepreise auf dem Markt. Foto: Pfeiffer © Pfeiffer

Hohe Gaspreise und das Sparen vor dem Winter: Jens Schmidt, kaufmännischer Vorstand der Stadtwerke Gießen, rechnet nicht damit, dass Privathaushalten der Gashahn abgedreht wird.

Gießen . Durch den Krieg in der Ukraine könnte Gas zu einem knappen Gut werden, die Preise sind bereits jetzt massiv angestiegen. Der Städtebund befürchtet durch die Krise auch massive Auswirkungen auf die Stadtwerke in Deutschland. Im Interview spricht Jens Schmidt, kaufmännischer Vorstand der Stadtwerke Gießen (SWG), über regenerative Energiequellen, das Problem der Strom- und Gassperren und warum er nicht damit rechnet, dass Privathaushalten der Gashahn abgedreht wird.

Wie sehr fürchten Sie sich vor dem kommenden Winter?

Gar nicht. Furcht ist kein guter Ratgeber. Wenn überhaupt, sehe ich einige Themen, die man vorher tun sollte, sowohl privat als auch dienstlich. Aber ich gehe nicht davon aus, dass Endkunden bei der Gasversorgung abgeschaltet werden.

Wieso sind Sie sich da so sicher?

Neben dem gesetzlichen Schutz ist es so: Wenn Sie eine Gasheizung im Keller haben und wir liefern kein Gas mehr, dann schaltet sich ihre Heizung ab. Sie schaltet sich aber nicht mehr an, wenn wir wieder Gas liefern. Ein Installateur muss sie wieder in Gang setzen, die Leitung muss überprüft werden... Es ist ein relativ diffiziler Prozess, der bei jedem einzelnen Haushalt gemacht werden müsste.

Im »Notfallplan Gas« ist vorgesehen, dass im Fall der Fälle erstmal die Industrie abgeschaltet werden würde. Kommen Gewerbekunden schon jetzt auf Sie zu, gibt es Panik?

Panisch sind sie nicht, aber wir sind in Diskussionen mit diversen Kunden, was passieren könnte. Wir sind im Moment in der zweiten Notfallstufe, eine Gasmangellage wurde nicht ausgerufen. Für den Endkunden ist also eigentlich nichts passiert, außer der Aufruf zum Energiesparen und erste Preissteigerungen. Tritt die dritte Stufe in Kraft, sind wir als Stadtwerke Gießen im Wesentlichen aus den Prozessen raus und die Bundesnetzagentur würde uns mitteilen, wie viel Gas eingespart werden muss.

Würde die Einsparung gleichmäßig verteilt werden oder ist der Betrieb, der besonders viel Gas verbraucht, zuerst dran?

Wahrscheinlich wäre es so, dass man für große Verbraucher einzeln abschaltet. Man würde aber auch mit Augenmaß darauf schauen, wer Gas dringend braucht und wer auch auf Öl umstellen kann. Aber die Frage ist, ob es zu dieser Stufe überhaupt kommt.

Es gab bereits viele Apelle, Gas zu sparen, hinzu kommen die gestiegenen Preise. Zeichnet sich ab, dass der Gasverbrauch niedriger ausfällt?

Das können wir nicht messen. Denn wir haben von unseren Kunden nur einmal im Jahr einen Zählerstand und unterjährig bekommt man Änderungen nicht mit. Was wir aber feststellen, ist, dass die Anzahl der Hausanschlüsse beim Gas sinkt. Im vergangenen Jahr wollten noch signifikant viele Leute von Öl auf Gas umsteigen. Das ist jetzt zurückgegangen. Dafür ist die Zahl der Fernwärme-Anschlüsse signifikant gestiegen.

Dabei ist auch der Fernwärmepreis deutlich gestiegen. Wieso wollen die Leute trotzdem wechseln?

Dass Fernwärme ein Teil zur Lösung der Energiewende ist, hat sich herumgesprochen. Bei zentralen Erzeugungsanlagen werden wir schneller in der Lage sein, auf regenerative Energien umzustellen, als es der Verbraucher in seinem Hauskeller machen kann. Außerdem können wir bereits jetzt fast 50 Prozent der Wärme regenerativ erzeugen, unter anderem mit unseren Thermischen Reststoffbehandlungs- und Energieverwertungsanlagen (TREA).

Der Städtebund hat davor gewarnt, dass die aktuelle Situation dramatische Auswirkungen auf die Stadtwerke haben könnte, bis hin zu Insolvenzen. Wie schätzen Sie die Situation in Gießen ein?

Wir sind finanziell gut aufgestellt. Ein Problem für alle Energieversorger ist der Zeitverzug, wenn wir Gas zu sehr hohen Preisen kaufen müssen und das Geld erst später von den Kunden wieder bekommen. Wir rüsten uns und bauen unsere liquiden Mittel weiter aus, wir versuchen weitere Finanzierungsquellen zu erschließen. Gleichzeitig arbeiten wir mit den Verbänden darauf hin, dass es Moratorien auch für Stadtwerke gibt, wir also bei einer vorübergehenden negativen Eigenkapitalbasis nicht sofort Insolvenz anmelden müssten. Was aus unserer Sicht nicht passieren darf, wäre ein Moratorium für Strom- und Gassperren für Kunden. Denn alles, was die Kunden nicht bezahlen, das fehlt uns. Aber wir müssen trotzdem den Gaslieferanten bezahlen. Das ist auch nur begrenzt machbar.

Die SWG sparen bereits Gas ein durch die teilweise Schließung des Badezentrums Ringallee. Gibt es weitere Bereiche für die Gießener, in denen sich etwas ändern könnte? Wie sieht es zum Beispiel mit dem Westbad aus?

Die Schließung des Westbads ist nicht geplant. Das würde auch keine Einsparungen bringen, weil die Beheizung hier über ansonsten nicht nutzbare Abwärme erfolgt. Wir sparen auch hier bei uns, es gibt zum Beispiel kein Warmwasser mehr auf dem Gelände. Das sind Kleinigkeiten, die sich in Summe läppern. Im Winter wird es spannend, wenn die Raumwärme steigt. Ich hoffe, wir können dieses Thema hochhalten bis in den Herbst. Auch Strom zu sparen, ist ein wichtiger Punkt, denn in Deutschland wird ein Teil des Stroms durch Gas erzeugt.

Welche Ideen für regenerative Energiequellen haben Sie bei den SWG?

Konkret geplant ist im Leihgesterner Weg beim Heizkraftwerk Gießen die Investition in eine Intelligente Kraft-Wärme-Kopplungsanlage, eine Großwärmepumpe an der Lahn. Auch Klärschlammverbrennung ist ein Thema. Kurzfristig schauen wir, welche Erzeugungsanlagen können wir mit alternativen Brennstoffen stärker in der Erzeugung einsetzen. Wir lagern entsprechende Stoffe, hauptsächlich Öl, aber auch Holz, Ersatzbrennstoffe für die TREAs. Da sind wir dran, uns zu rüsten.

Ein Blick in die Glaskugel: Wie entwickeln sich die Gaspreise in den nächsten Monaten?

Ich erwarte, dass sie sich auf dem jetzt hohen Niveau stabilisieren. Vielleicht sinken sie ein wenig, aber es wird keine deutliche Entlastung geben. Wo soll sie herkommen? Ich sehe auch nicht, dass Russland wieder auf 100 Prozent hochfährt. Putin hat einen Joker, nämlich »Nord Stream 1«. Ich persönlich erwarte, dass die Gaslieferungen hier kurz vor dem Winter gestoppt werden, um uns noch mehr in die Ecke zu drängen, die Preise werden hoch bleiben. Ich gehe davon aus, dass der Staat irgendwann interveniert.

Auch interessant