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Fußball als Tor in die Geschichte

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Der »Football History Walk« machte mit seiner transportablen Videoleinwand auch am Gießener Bahnhof Station. Foto: An die Wand gespielt © An die Wand gespielt

Zehntklässler der Friedrich-Ebert-Schule waren unterwegs in die deutsch-deutsche Vergangenheit - per Stadtspaziergang und einem Gespräch mit einem prominenten Fußballer.

Gießen . Was haben zwei Lastenfahrräder, der ehemalige Fußballprofi Norbert Nachtweih und die Klasse 10 Ra der Friedrich-Ebert-Schule (FES) in Gießen-Wieseck gemeinsam? Sie alle waren Teil eines bemerkenswerten Projektes, dass nun einen Abend lang an mehreren Stellen in der Stadt präsentiert wurde und auf viel positive Resonanz gestoßen ist.

Es ist sicher nicht ganz einfach, Schüler einer 10. Klasse heute für die deutsch-deutsche Geschichte zu interessieren. Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik liegt schließlich schon mehr als drei Jahrzehnte zurück. Da wurde den Lehrkräften an der FES die Idee des »Football History Walk« vom hiesigen Schulamt nähergebracht. Es geht darum, das Interesse der Jugendlichen an diesem Thema über den Fußball zu wecken und sich in einem mehrtägigen Workshop unter professioneller Anleitung damit auseinanderzusetzen. Das Ganze mündete schließlich in eine öffentliche Präsentation der Ergebnisse im Rahmen eines Stadtspaziergangs. »An die Wand gespielt« lautet das Motto. Und das ist wörtlich zu nehmen, denn an ausgesuchten Fassaden Gießens wurden Filme vorgeführt. Flankiert wurde das Projekt zudem durch eine eigene Website. Die für das Projekt ausgewählte Klasse 10 Ra wurde dafür eine Woche lang vom regulären Unterricht freigestellt.

Und was die insgesamt 22 beteiligten Schüler in gerade einmal vier Tagen im Jugend- und Kulturzentrum Jokus auf die Beine gestellt haben, beeindruckt. Davon konnte man sich schon bei den Dreharbeiten mit dem ehemaligen Fußballprofi Norbert Nachtweih ein Bild machen. Der Gast ist als junger Fußballer aus der DDR geflüchtet und fungierte für den Workshop als Zeitzeuge. Die Umsetzung dieses Interviews wurde so perfekt vorbereitet, dass sich Klassenlehrerin Katrin Finkelmeyer und ihre für das Fach Geschichte zuständige Kollegin Regina Schulz im Grunde diskret im Hintergrund halten konnten.

Nicht minder professionell war die Präsentation vor wenigen Tagen, die von der 10 Ra in wechselnden Rollen moderiert wurde. Rund 50 Besucher waren gekommen, darunter Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher, der es als Anerkennung begreift, das Gießen zu den wenigen auserwählten Orte zählt, an denen dieses Projekt realisiert wird.

Vom ehemaligen Notaufnahmelager im Meisenbornweg, wo Nachtweih 1976 selbst eini-ge Tage verbrachte, führte der Weg über den Bahnhofsvorplatz und den Parkplatz des Hotels Köhler bis zur Goetheschule. Zur Aufführung kamen sowohl das am Vortag aufgezeichnete Interview mit Nachtweih als auch von den Schülern gesichtetes Archivmaterial sowie ein Kurzfilm.

In der Summe wurde so eine spannende Geschichte erzählt, die vom Weggehen wie vom Ankommen in einer neuen Umgebung handelt und zeigt, wie auch der Fußball helfen kann, seinen Platz im Leben zu finden. Wie viel die Geschichte der deutschen Teilung mit den Erlebnissen und Erfahrungen der Jugendlichen von heute zu tun haben kann, wurde deutlich, als die 16-jährige Mohadeseh in der Anmoderation fast schon beiläufig erwähnte, auch sie sei mit ihrer Familie geflüchtet.

Im Anschluss wurde die Klasse förmlich mit Lob überschüttet. Geschichtslehrerin Schulz freute sich: »Das war einfach toll. Die Schüler sind über sich hinausgewachsen und haben sich Dinge zuge-traut, die ich nie erwartet hätte. Das war Teamwork, wie es sein soll.« Die Stellvertretende FES-Schulleiterin Annegret Roggenkamp zeigte sich »stolz, dass wir solche Schüler an unserer Schule haben«.

Und die Schüler? Marie (16) und Marina (15), die gemeinsam die Einführung des Abends übernommen hatten, berichteten, sie »hätten viel gelernt, zum Beispiel wie man solche Texte schreibt.« Nur zu verständlich, dass sich eine Mutter wünschte, solche Projekte müsse es an der Schule öfter geben.

Bleibt noch die Rolle der Lastenfahrräder zu klären. Die kamen zum Einsatz, um die für die Projektion der Filme erforderliche Technik von einer Station zu nächsten zu transportieren. Das klappte hervorragend.

Wer den Football History Walk in Gießen verpasst hat: Die Ergebnisse gibt es im Internet unter www.andiewandgespielt.de.

Der Football History Walk findet im Schuljahr 2022/23 in insgesamt sechs deutschen Städten statt. Dabei steht vor Ort jeweils ein anderer thematischer Aspekt der einstigen deutsch-deutschen (Fußball-)Wirklichkeit im Mittelpunkt. Initiatoren des Projektes »An die Wand gespielt« sind der Berliner Verein Brot & Spiele sowie die Kooperative Berlin. Unterstützt wird das Projekt durch Mittel des Bundes sowie die Bundesstiftung Aufarbeitung.

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