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Gang durch die Hölle

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Bei der Traumatherapie wird auch dieser Infinity Cube, ein verstellbarer Würfel, eingesetzt. Foto: Rolf K. Wegst © Rolf K. Wegst

Um traumatisierten Menschen besser zu helfen, hat die Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Gießen ein besonders wirksames stationäres Konzept entwickelt.

Gießen. Flashbacks, Albträume und kaum zu kontrollierende Gefühle: Um traumatisierten Menschen besser zu helfen, hat die Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Gießen ein besonders wirksames stationäres Konzept entwickelt.

Die alte Holzbank unter den Obstbäumen am Rand des Klinik-Geländes hat ihre Wut erlebt. Gemeinsam mit Therapeutin Desislava Todorova war sie hier, hat aufplatzende Plastikbecher auf die Bank geschmettert, die einmal sogar komplett umflog. Heute sitzt sie ganz entspannt auf den Holzlatten und freut sich, noch einmal zu Besuch in der Klinik zu sein.

Jahrelang hatte Melanie Fischer (Name geändert) gehofft, sie könne ihre Hölle erfolgreich verdrängen. Und als sie - zunächst in einer ambulanten Therapie - daran rührte, wurde es erst einmal schlimmer. Um ihre innere Not weniger zu spüren, wurde sie zur Marathonläuferin und nahm 30 Kilogramm ab, während sie wie ein Schlot rauchte. Als sie im Mai vergangenen Jahres erstmals auf Station 7 der Klinik ankam, zitterte sie am ganzen Körper und hatte extreme Schmerzen im unteren Bauch.

Welches Trauma sie erlitten hatte, erzählte sie nicht beim ersten Aufenthalt, sondern erst Monate später. Melanie Fischer war zehn, als ihr Zuhause aus den Fugen geriet. Erst trennten sich die Eltern. Die Mutter verließ die Familie und dann wurde auch noch die Großmutter krank, die ihr ein Halt gewesen war. Was sie aber erst nach Monaten in der Klinik verriet: Sie wurde drei Jahre lang missbraucht. Als Mädchen schaltete Fischer in eine Art Überlebensmodus: »Ich dachte: Wenn ich nicht daran denke, dann existiert es nicht«, sagt die heute 32-Jährige. Und so habe sie gelebt, »ohne darüber nachzudenken, was passiert, wenn es Abend wird«. Mit 13 gelang es ihr, sich aus der Familie zu befreien. Sie alarmierte das Jugendamt, kam in eine Pflegefamilie. Vom Missbrauch sagte sie nichts. In den darauffolgenden Jahren machte sie einen Schulabschluss, heiratete, bekam drei Kinder und wurde Erzieherin mit der Abschlussnote eins. Sie habe versucht, sich etwas Neues aufzubauen, sagt sie im Rückblick: »Innerlich war ich total kaputt.« Aber erst mit 30 wurde ihr klar, dass sie ihr Leben »aufräumen« müsse.

Die dreifache Mutter ist eine von mehr als 100 Trauma-Patienten, die jedes Jahr auf Station 7 aufgenommen werden. Viele haben sexuellen Missbrauch und Gewalt erlebt. Meist kommen sie erst Jahre nach den Geschehnissen, wenn es ruhiger wird in ihrem Leben. Die Vitos Klinik in Gießen ist eines der wenigen psychiatrischen Krankenhäuser mit einer Station, die auf Menschen mit Traumafolgestörungen spezialisiert sind. Und die Patienten werden nach einem neuen dreistufigen Therapiekonzept behandelt, das der Ärztliche Direktor Prof. Michael Franz gemeinsam mit der Psychotherapeutin Dr. Sara Franz entwickelt hat. Vereinfacht gesagt, werden die Betroffenen von Anfang an - bereits in der ersten Krisenphase - traumaspezifisch behandelt.

Melanie Fischer hat einen dicken rosafarbenen Aktenordner dabei. Darin stecken die drei Hefter für die drei Therapiestufen: Der gelbe Hefter steht für die Zeit der akuten Krise, in der sie sich so weit stabilisierte, dass eine weitere psychotherapeutische Behandlung möglich war. In dieser Phase gehe es auch darum, Suizidgefährdung abzuwenden, sich nicht mehr selbst zu verletzen und wieder regelmäßig zu essen und zu trinken, berichtet Todorova.

Fischer stellte in dieser Zeit ihren ersten sogenannten »Notfallkoffer« zusammen. Bei ihr stecken ein Motorikwürfel, ein Igelball, Haargummis und eine Salbe darin. Am wichtigsten war ihr eine Wärme-Salbe mit Cayenne-Pfeffer, die brennt, wenn man heiß duscht oder badet. Andere nutzen scharfe Gerüche wie Ammoniak, Chili-Bonbons, Tabasco oder Knetbälle. Diese »Skills« helfen den Patienten, von ihrem hohen Spannungslevel herunterzukommen, ohne sich selbst zu verletzen. In der zweiten Phase, in der eine ausführliche Diagnostik folgte, lernte sie weitere Strategien zur Krisen- und Stressbewältigung. Die meisten Trauma-Patienten können die Exposition, die in der dritten Phase folgt, erst mit diesen »Skills« aushalten. Dann geht es nämlich darum, das Traumata noch einmal durchzuarbeiten und zu bewältigen.

Melanie Fischer hat viele Zeichnungen aus dieser Phase. Zum Beispiel die von der Frau mit den Schmetterlingsflügeln auf nur einer Seite des Rückens - die andere Seite blieb verdeckt. Detailliert sollte sie die schlimmsten Erfahrungen aufschreiben, vorlesen und musste sich - als Teil der Therapie - immer wieder damit konfrontieren: »Man geht wirklich durch die Hölle«, sagt Fischer. Doch je länger sie sich damit befasst habe, umso mehr Distanz habe sie bekommen. »Irgendwann begreift man, dass es Vergangenheit ist«, sagt sie.

Seit 2020 erprobt die Klinik das neue Konzept auf der Trauma-Station und hat sehr gute Erfahrungen gemacht. Der Unterschied sei riesig, sagt die therapeutische Leiterin der Station, Desislava Todorova. »Die Patienten stecken nicht mehr jahrelang in Krisenschleifen«, ergänzt Oberarzt Dr. Nikolaus Galland. Allerdings durchlaufen nicht alle Patienten das komplette Programm. Zwischen den drei Phasen gehen die Patienten immer wieder für drei bis vier Wochen nach Hause, um ihre neuen Fähigkeiten im Alltag zu erproben. Und, wo es möglich ist, entscheiden sich manche dann für eine ambulante Therapie.

Aber auch die Krisen-Patienten profitieren von denen, die schon weiter fortgeschritten sind. Sie erleben am Beispiel der anderen, dass man Wege finden kann, mit dem Trauma umzugehen. Zum Behandlungsmodell gehört zudem intensive Teamarbeit. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Pflege, der Sozialarbeit sowie der Physio- und der Ergotherapie sind speziell geschult. »Das Konzept funktioniert nur, wenn alle an einem Strang ziehen«, erklärt Galland.

Inzwischen ist Melanie Fischer wieder bei ihrem Mann und ihren drei Kindern. Sie hat auch ihren Job als Erzieherin in einer Kinderkrippe wieder aufgenommen - allerdings nur noch als halbe Stelle. Es geht ihr so gut mit ihrer Familie und ihrem Beruf, dass sie ihr Notfallset kaum braucht. Wenn sie unruhig wird, reicht es, auf einem Bordstein zu balancieren. Die Armbänder, die sie in der Klinik knüpfte, hat sie allerdings nicht mehr ausgezogen. Die längst verblassten schwarzen, gelben, weißen und blauen Bänder erinnern sie daran, wie schlecht es ihr teilweise ging und wie gut es geendet ist. »Das hat etwas Tröstliches«, sagt sie. »Man kann das Leid gut lindern«, weiß Oberarzt Galland: »Ungeschehen machen kann man es nicht.« Foto: Rolf K. Wegst

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Todorova © Red

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