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Ganz besonders gewöhnlich

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Ich ist ein Anderer - aber wer? David Moorbach macht in dem neuen Gießener Solostück eine umfassende Verwandlung durch. Foto: Friese © Friese

Vom Zwang, etwas Besonderes zu sein: David Moorbach überzeugt mit dem Schauspielmonolog »Ichichich« in der taT-Studiobühne.

Gießen. Noch nie, so hat es den Anschein, waren die Menschen so von ihrer vermeintlichen Individualität besessen wie heute. So ist das in alle Welt verschickte Selfie zum Ausdruck unserer digitalen Epoche geworden, in der sich jeder und jede permanent ins beste Licht zu rücken versucht - im Urlaub, beim Konzert, selbst am Mittagstisch. Doch wo rührt dieses unablässige Kreisen um die eigene Person eigentlich her? Was macht es aus? Und welche Folgen hat es? Das sind Fragen, mit denen sich das Stück »Ichichich« des Bremer Dramatikers Marc Becker, Jahrgang 1969, beschäftigt. Am Donnerstagabend feierte das »Monodrama« in der Inszenierung von Lukas T. Goldbach seine Uraufführung auf der taT-Studiobühne.

Das Ich ist in diesem Fall der Schauspieler David Moorbach. Als namenloser Allerweltstyp steht das Gießener Ensemblemitglied zu Beginn des Theaterabends in Unterhemd und Unterhose auf der karg ausgestatteten Bühne (Maik Wendrich). Quasi ein Prototyp des Durchschnitts, der sich hier vorstellt. So erzählt er von einem seiner gleichförmigen Büroarbeitstage, den er wegen akuter Langeweile in einem Wachsfigurenkabinett ausklingen ließ. Doch dort, wo sonst nur prominente Menschen - »Sportler, Politiker, Wissenschaftler oder Massenmörder« - in Wachs gegossen ausgestellt sind, begegnete er überraschend auch einem Abbild seiner selbst.

So sucht Moorbachs Figur fortan ausnahmslos und zunehmend hysterisch nach ihrem Besonderen im belanglosen Allgemeinen. Dabei sorgt das Treffen mit dem Doppelgänger zunächst noch für ein Gefühl der Euphorie. Denn auch wenn er nicht weiß, warum er überhaupt in dem Wachsfigurenkabinett zu sehen ist, »irgendetwas werde ich einst tun oder getan haben. Etwas erfinden oder erobern oder etwas anderes. Und dann wird allen klar sein, welch große Bedeutung ich habe«, ist dieser Mann überzeugt. Ich bin zu sehen - also bin ich. So geht das Stück sein Thema systematisch an. In gut nachvollziehbaren Wendungen versucht der Ich-Erzähler das Rätsel um sein zweites Ich zu lösen, ohne das Museum aber (aus Angst vor der Bedeutungslosigkeit) gleichzeitig noch einmal zu betreten.

Musik und Rollcontainer

Doch natürlich handelt es sich bei »Ichichich« nicht um einen Leseabend, bei dem allein ein Text präsentiert wird, sondern um Theater. Und so bauen Moorbach und Regisseur Goldbach immer wieder amüsante kleine Kabinettstückchen ein, mit denen die Überlegungen der Figur unterbrochen werden. Vor allem Musik spielt dabei eine große Rolle. Los geht es mit dem 80er-Jahre-Dudelhit »Hip to be square« von Huey Lewis, den der Schauspieler beim Ankleiden ebenso gewitzt auf die Bühne bringt, wie später Stücke von Queen, Lou Reed oder Radiohead. Manchmal vollführt er zur Musik vom Band ein paar skurrile Tanzschritte, mal singt er auch selbst - was zugleich immer auch seine jeweilige Gemütsverfassung illustriert.

Hinzu kommen im Laufe des Abends ein Bürostuhl, mit dem sich der Schauspieler ziemlich flott über den Bühnenboden zu bewegen weiß, sowie ein Rollcontainer, aus dem er eine Vielzahl von Requisiten herausbefördert. Es sind theatrale Mittel, mit denen er dem Text ein illustratives Element hinzufügt. Und mit denen er zeigt, welch äußere und innere Verwandlung er in diesen rund 75 Minuten Spielzeit durchläuft.

Seine anfängliche Euphorie weicht zunächst der Hybris, dann aber bald großer Skepsis, ob seine offensichtliche Berühmtheit nicht auch ihre Schattenseiten hat. Ob er die Öffentlichkeit meiden muss. Ob er von anderen Menschen für ihre Zwecke ausgenutzt wird. Ob die neue Beziehung zu seiner Bürokollegin auf ihrer Berechnung beruht. Ob es nicht doch besser wäre, unbekannt zu sein.

Moorbach, einem der souveränsten Mitglieder des aktuellen Gießener Schauspielensembles, gelingt es, dabei die Bühne ganz alleine auszufüllen. Er strahlt, zweifelt, hadert und verzweifelt in diesem lohnenden Stück, das eine Erkenntnis der Figur zu einem Phänomen unserer Zeit destilliert: »Nichts weiter als gewöhnlich zu sein, ist das Schlimmste, was man sein kann«. Und so versucht noch das gewöhnlichste Ich - frei nach dem französischen Dichter Arthur Rimbaud - verzweifelt, ein anderer zu sein.

Es gibt nur noch eine weitere Vorstellung: am 8. Juli um 20 Uhr in der taT-Studiobühne.

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