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Geburt mit Plastikmutter

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Von: Eva Pfeiffer

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Alle Augen auf »Simone«: Prof. Yvonne Stephan, Andrea Funke und Prof. Ivo Meinhold-Heerlein (vorne, v.r.) zeigen den frisch gebackenen Studentinnen, wie die Simulationspuppe für die Hebammenausbildung funktioniert. Foto: Pfeiffer © Pfeiffer

Angehende Hebammen werden in Gießen künftig an THM und JLU ausgebildet. Dabei kommt auch »Simone« zum Einsatz - eine Simulationspuppe

Gießen . »Ich kann schon das Köpfchen sehen«, sagt Prof. Yvonne Stephan, während die werdende Mutter unter den Schmerzen stöhnt und röchelt. 15 Studentinnen verfolgen gebannt die Geburt, kurz darauf ist es auch schon so weit: Das Baby ist da und es ist - eine Puppe. Denn Yvonne Stephan hat hier keine echte Schwangere betreut, sondern eine lebensgroße Simulationspuppe, die auf den Namen »Simone« getauft wurde. Mit ihr werden die 15 angehenden Hebammen auf ihr späteres Berufsleben vorbereitet.

Das Lernen an der Simulationspuppe ist ein Teil des neuen Bachelor-Studiengangs Hebammenwissenschaften, der seit diesem Wintersemester gemeinsam vom Fachbereich Gesundheit der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM), dem Fachbereich Medizin der Justus-Liebig-Universität (JLU) sowie dem Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) als verantwortlicher Praxiseinrichtung angeboten wird.

Akademisierung als Chance

Dass die Ausbildung künftig nicht mehr an der Hebammenschule stattfindet, ist eine Konsequenz des Hebammenreformgesetzes, das 2020 in Kraft getreten ist. Die Gießener Hebammenschule führt noch zwei laufende Kurse zu Ende, danach ist ein Eintritt in den Beruf nur noch über ein Studium möglich. Nach ersten Sorgen habe man die Akademisierung als Chance gesehen, betont Prof. Ivo Meinhold-Heerlein, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am UKGM in Gießen. »Es ist eine logische und gute Entwicklung, dass der Beruf heute auf akademische Grundlagen gestellt wird.« Die Qualität der Ausbildung steige, auch weil tiefere Einblicke in die freiberufliche Praxisarbeit vorgesehen sind - eine deutliche Verbesserung, findet die freiberufliche Hebamme Nicole Becker.

Innerhalb eines Jahres habe man den Studiengang entwickelt und akkreditiert, berichtet Leiterin Stephan. Die Abschlusszeugnisse werden gemeinsam von JLU und THM vergeben. Gießen ist neben Frankfurt und Fulda einer von drei Standorten in Hessen für die akademisierte Hebammenausbildung. Ab dem kommenden Jahr sollen stets zum Wintersemester 30 Studierende starten, für den Beginn wurde die Zahl auf 15 begrenzt.

Gewollt hätten jedoch viel mehr: Rund 120 Personen hatten sich um ein Studium beworben, 65 wurden zu einem Gespräch eingeladen. Auf einen Numerus clausus habe man bewusst verzichtet, erzählt Studiengangsleiterin Stephan. Denn Schulnoten alleine sollen nicht ausschlaggebend sein, Bewerber müssen auch ihre Motivation für den Beruf darlegen, teamfähig sein, aber gleichzeitig Führung übernehmen können. Das nächste Bewerbungsverfahren beginnt im Februar.

Dass der Beruf der Hebamme bislang ein »Frauenberuf« ist, wird auch bei den Bewerbungen deutlich: Denn diese kamen ausschließlich von Frauen. Gleiches spiegelt sich auch in den Gesamtzahlen für Deutschland wieder: Unter den rund 26 000 Hebammen in Deutschland gibt es laut Andrea Funke, Leiterin der Gießener Hebammenschule, nur eine Handvoll Männer.

Was treibt die 15 jungen Frauen an, die sich gegen viele Konkurrentinnen durchgesetzt haben? Studentin Miriam, die selbst bereits Mutter ist, will verhindern, dass Schwangere keine Geburtshelferin finden und deshalb in eine Klinik ausweichen müssen, auch wenn sie vielleicht eine Hausgeburt bevorzugen würden. Bei der Geburt ihres ersten Kindes in Berlin sei es bereits schwierig gewesen, eine Hebamme zu finden, nach dem Umzug nach Hessen habe sich die Suche in der zweiten Schwangerschaft aber noch komplizierter gestaltet. Letztlich habe sie rund 50 Kilometer entfernt eine Hebamme gefunden. »Das kann ja wohl nicht wahr sein«, ärgert sich die Studentin.

»Hebamme ist auch ein feministischer Beruf«, findet ihre Kommilitonin Moja. Sie hofft, dass mit der Akademisierung auch eine Aufwertung einhergeht. Doch so oder so sei es ihr Traumjob: »Als Hebamme sehe ich mich auch noch in 40 Jahren. Von einem Bürojob könnte ich das nicht sagen.«

»Ich finde es faszinierend, wie nah man einer fremden Person werden kann«, sagt Beatrice, die vor Studienbeginn ein Praktikum in einem Kreißsaal absolviert hat. Schon als Teenagerin habe sie Hebamme werden wollen - auch wenn es die eine oder andere negative Reaktion zu ihrem Berufswunsch gegeben habe.

Ein Praktikum vor dem Studium ist keine Pflicht, »aber wir empfehlen es«, so Andrea Funke, die neben der Schulleitung nun auch die akademische Ausbildung begleitet. Die Arbeit rund um Schwangerschaft und Geburt sei »ein sehr sensibles, emotionales Thema. Ich muss schauen, ob das zu mir passt und ob ich es aushalten kann«.

Künftig sollen Studierende der Hebammenwissenschaften und der Humanmedizin bereits in der Ausbildung zusammengebracht werden und nicht erst später im Kreißsaal aufeinander treffen, berichtet Ivo Meinhold-Heerlein. Bislang seien das »zwei Parallelwelten«, teils gebe es Missverständnisse. Eine gemeinsame Ausbildung sei eine Chance, um Vertrauen herzustellen und für einen gleichen Kenntnisstand zu sorgen.

Zurück zu Simulationspuppe »Simone«. Nach der komplikationslosen »Geburt« auf dem kleinen Hebammen-Campus in der Senckenbergstraße wird sie von Studiengangleiterin Yvonne Stephan erstmal mit einer Decke versorgt. Die nächste Übung kann aber schon ganz anders aussehen, denn mit Hilfe des dazugehörigen Computerprogramms kann »Simone« auch schwierige Geburten simulieren - und selbst ein paar Liter Kunstblut lagern im Schrank, damit die angehenden Hebammen auf möglichst jede Situation vorbereitet werden.

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