»Gefährlich« für Allgemeinheit?

Gießen . Der Vertreter der Staatsanwaltschaft findet am Mittwochmorgen am Landgericht deutliche Worte: Aus seiner Sicht sei der 61-jährige Beschuldigte aufgrund seiner Handlungen »für die Allgemeinheit gefährlich«. Da er als schuldunfähig gilt, droht ihm jedoch keine Haftstrafe, sondern die Unterbringung in der Psychiatrie. Doch was ist alles geschehen, dass es zu einer solchen Entwicklung kommen konnte?

Um das nachzuvollziehen, geht der Blick zurück in die Monate August 2020 bis Mai 2021: Ganze fünf Mal war der Rentner in jenem Zeitraum vor und in einer Bäckerei am Marktplatz durch tätliche Angriffe auf Kunden mit in einem Fall sogar gefährlicher Körperverletzung auffällig geworden.

Im Mai hatte ihn dann ein Polizist, der selbst Opfer eines dieser Angriffe geworden war, mit Kollegen in die Psychiatrie gebracht. Dort wurde bei dem in der Gießener Innenstadt durch seine häufig lauten Ausfälle recht bekannten Mann eine schizophrene Psychose diagnostiziert. Gleichzeitig ordneten die Experten seine vorübergehende Unterbringung in der Forensischen Psychiatrie Haina an.

Als der 61-Jährige am Mittwoch gegen neun Uhr morgens von zwei Justizwachtmeistern in den großen Gerichtssaal im zweiten Stock geführt wird, macht er von Anfang an einen verwirrten Eindruck. Dazu trägt neben seinem eher ungepflegten Erscheinungsbild mit langen Haaren und langem Bart insbesondere seine meist undeutliche Aussprache bei.

Hochs und Tiefs

Auch inhaltlich vermitteln seine Aussagen und Antworten auf die Fragen des Vorsitzenden Richters Dr. Johann-Gottfried Lessing und des Staatsanwalts vielfach einen wirren Eindruck. Was in diesem Fall nicht an der Mund-Nasen-Bedeckung liegt, die von allen Anwesenden während der gesamten Dauer der Verhandlung auch im Sitzen zu tragen ist. Der Verteidiger vermutet als Grund für »die verwaschene Sprache« seines Mandanten ein »zur Beruhigung« gegebenes Medikament. Denn er kenne ihn »bereits seit über zehn Jahren«, merkt der Anwalt an und berichtet von wechselnden »Hochs« und »Tiefs« des Rentners.

Fünf dieser »Tiefs« waren es offensichtlich auch, die zu den Taten am Marktplatz geführt hatten. Es begann im August vorigen Jahres mit der bislang wohl folgenreichsten: Einem inzwischen 63-Jährigen schlug er in der Bäckerei mit einem Kofferradio mit solcher Wucht auf den Hinterkopf, dass dabei eine tiefe Platzwunde entstand, die genäht werden musste. Das Opfer sagt am Mittwoch aus, auch heute noch immer große Angst in Anwesenheit des Beschuldigten zu verspüren.

Im April dieses Jahres schlug er dann einer heute 40-Jährigen ebenfalls in der Bäckerei mit der Hand von hinten auf den Kopf, was sich nur kurze Zeit später bei einem anderen Rentner wiederholte. Bei letzterem Vorfall warf der Mann zusätzlich eine Bank in Richtung einer anderen Person und verletzte diese am Fuß. Im vergangenen Mai schließlich stürmte er auf einen Polizisten zu, nachdem dieser ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, doch der seinerzeit in den Innenstadt auch im Freien geltenden Maskenpflicht nachzukommen. Durch Nachfragen versuchen gestern der Vorsitzende Richter, seine Richterkolleginnen und der Staatsanwalt den Gründen für diese aggressiven Handlungen auf die Spur zu kommen. Hatte sich der Beschuldigte etwa provoziert gefühlt, nachdem er in mindestens zwei der Fälle von den geschädigten Kunden aufgefordert worden war, doch bitte leiser zu sprechen? Das 40-jährige Opfer hatte zudem eine Bäckereiverkäuferin gebeten, die Polizei zu rufen. Was jene aber ablehnte, da es ohnehin nichts bringe.

Krampfanfälle

Auch noch geklärt werden muss, ob der Beschuldigte, wie er mehrfach betont, freiwillig und in Absprache mit der Bäckerei für Ordnung sorge, um dafür ab und zu einen Kaffee oder ein Brötchen geschenkt zu bekommen. Die gestrigen Zeugenaussagen lassen eher vermuten, dass auch dem Geschäft die häufige Anwesenheit des Mannes, und damit wohl einhergehende Probleme, nicht so recht ist. So soll er nach Aussage des 63-jährigen inner- und außerhalb der Bäckerei häufig durch Schreien oder Umherwerfen von Dingen für Beschwerden von Kunden sorgen.

Viel über den bisherigen Lebenslauf des 61-Jährigen ist am Mittwoch nicht zu erfahren. Der Mann, der nach eigener Schilderung keine Kinder hat, jedoch einen Zwillingsbruder und eine Schwester, erzählt, als Jugendlicher »sehr optimistisch« gewesen zu sein. Nachdem er das Abitur in Höxter bestanden und den Wehrdienst als Fernmelder absolviert hatte, versuchte er sich zunächst in einem Studium in Maschinenbau und danach an der Universität Marburg in Philosophie. Beides brach er jedoch offenbar ab. In den folgenden Jahren seien bei ihm dann »Krampfanfälle bei unklarer Genese« festgestellt worden, was die dauerhafte Einnahme von Medikamenten erforderte. Zuletzt war der Mann ohne festen Wohnsitz, hatte neben seiner Rente allerdings Einkünfte aus den Mieteinnahmen eines Haus, das er mitgeerbt hatte.

Der Prozess wird Ende kommender Woche fortgesetzt. Im weiteren Verlauf soll unter anderem ein externer Gutachter zum psychischen Zustand des Beschuldigten aussagen.

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