Gefährlicher Geschwindigkeitsrausch, langsame Mühlen und "faule Eier"

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Der 18. Geburtstag ist wahrlich ein guter Grund zu feiern, es auch mal "krachen" zu lassen. Endlich erwachsen, zumindest auf dem Papier, winken ganz neue Freiheiten. Eigene Wege gehen, eigene Entscheidungen treffen, so richtig durchstarten... Jene Zwillingsbrüder, die sich am frühen Sonntagmorgen mit den PS-starken Schlitten des Vaters (Wusste der davon?

) in Gießen ein illegales Autorennen lieferten - nur wenige Stunden, nachdem sie dieses Ziel erreicht hatten und vom begleiteten Fahren ab 17 "befreit" waren - haben es damit allerdings deutlich übertrieben. War das nun der Euphorie ob der Volljährigkeit geschuldet, Übermut oder die Sehnsucht nach dem Adrenalinkick? Von Reife und der Eignung, ein Fahrzeug zu lenken, zeugt dieses Verhalten jedenfalls nicht, auch wenn glücklicherweise nichts passiert zu sein scheint und niemand verletzt worden ist. Aber dieses Risiko fährt bei einem solchen Wettstreit im Geschwindigkeitsrausch natürlich immer mit.*Dass teure, hochmotorisierte Boliden zu nächtlicher Stunde in höchstem Tempo durch die Straßen jagen, ist längst nicht nur ein Phänomen, das in Großstädten beobachtet werden kann. "Wir haben mehrere Ermittlungsverfahren in diesem Zusammenhang in den vergangenen Monaten im Stadtgebiet von Gießen sowie im Umland registriert", bestätigt Jörg Reinemer, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen, gegenüber dem Anzeiger. Ob insgesamt ein Anstieg zu verzeichnen sei, lasse sich zwar erst seriös im nächsten Jahr beantworten. Tendenziell sei aktuell indes eine Zunahme festzustellen. Auffällig, aber auch nicht wirklich überraschend: Zumeist handele es sich um junge Männer, "die in einigen Fällen erst wenige Monate ihren Führerschein haben".*Um rücksichtlosen Fahrern wirksam zu begegnen, ist in Gießen die "Arbeitsgruppe Tuner, Poser und Raser" ins Leben gerufen worden. Die zuständigen Beamten haben dabei neben den Rasern zudem diejenigen Personen im Blick, die ihre Pkw unzulässig aufmotzen. Zielgerichtet werde - auch mit Zivilstreifen - an bestimmten Punkten kontrolliert und in Gesprächen versucht, an die Verantwortung zu appellieren, so Reinemer. Ob das die Sprache ist, die verstanden wird? Mit "gut zureden" ist es möglicherweise oft nicht getan. Daher ist es absolut richtig gewesen, dass verbotene Rennen nicht mehr bloß eine Ordnungswidrigkeit, sondern seit 2013 einen Straftatbestand darstellen: mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder Geldstrafe als Konsequenz. Kommt es zu einer Gefährdung oder gar einem Personenschaden sind bis zu zehn Jahre drin. Ebenfalls kann eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) angeordnet und die Fahrerlaubnis entzogen werden. Letzteres ist bei so manchem Testosteronbolzen wohl das wirkungsvollste Mittel, weil es Autofreaks besonders empfindlich schmerzt. Den Zwillingen konnte laut Jörg Reinemer übrigens kein Führerschein abgenommen werden - den hatten sie nämlich noch gar nicht abgeholt respektive gegen die bisher für das begleitete Fahren gültige Prüfungsbescheinigung ausgetauscht. Sie haben jedoch ohnehin eindrucksvoll bewiesen, dass sie besser noch eine ganze Weile auf ihren "Lappen" verzichten sollten.*Die Stadt Gießen freute sich seinerzeit über die "avantgardistische Architektur", die "bewusst im Gegensatz zum sonstigen Stadtbild" konzipiert worden war. Auch im Jubiläumsband zum 400. Geburtstag der Gießener Universität hieß es 2007, dass der Gebäudekomplex "noch heute durch die Kühnheit und Geschlossenheit des Entwurfs" überzeuge. Fachleute mag die 1959 im Beisein von Bundespräsident Theodor Heuss eingeweihte Alte Universitätsbibliothek mit ihren strengen Linien und klaren Formen sowie dem damals gewiss innovativen Charakter in der Tat noch immer faszinieren. Doch abgesehen davon gibt der Bau in der Bismarckstraße allein von außen schon sehr lange ein eher jämmerliches Bild ab. Trotzdem wird erneut nur auf den "hohen Sanierungsstau" verwiesen und ein Sanierungskonzept angekündigt - wie zuletzt bereits 2015 und 2019. So langsam, wie die öffentlichen Mühlen mahlen, wird dieser Zustand also vermutlich noch eine Weile andauern. Da verwundert es auch nicht, auf eine Anfrage dieser Zeitung beim Hessischen Landesamt für Denkmalpflege nach fast zwei Wochen noch immer keinerlei Reaktion erhalten zu haben.*Eine eindeutige Reaktion hat das Land Hessen dagegen gezeigt, als es einem jungen Polizisten die Übernahme in den Staatsdienst verweigerte. Das Verwaltungsgericht Gießen hat diese Entscheidung in dieser Woche bestätigt. Und das ist völlig nachvollziehbar. Grund sind eindeutig rassistische und menschenverachtende Chats. Der 34-Jährige bestreitet zwar einerseits, davon gewusst zu haben, und erklärt andererseits, er habe vielmehr das Geschäftsgebaren eines Waffenherstellers anprangern wollen. Nicht zu vergessen, dass er sich generell stark für hilfsbedürftige Menschen einsetze und sehr an anderen Kulturen interessiert sei. Das mag so sein. Klar distanziert hat er sich von dem verbreiteten Schund aber auch nicht. Angesichts der Erfahrungen der vergangenen Monate innerhalb der hessischen Polizei und der damit verbundenen Negativschlagzeilen reicht dann schon der geringste Zweifel, um vorsichtig zu sein und sich nicht sehenden Auges noch ein "faules Ei" ins Nest zu legen.

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