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»Gefahr für uns wird unterschätzt«

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Was sind Putins Kriegsziele? Nach zwei Wochen scheint es den russischen Truppen gelungen zu sein, im Süden eine Landverbindung zwischen der Krim und den Separatisten-Gebieten an der russischen Grenze zu schaffen. Im Norden schieben sich zwei Stoßkeile auf Kiew zu und drohen, die Stadt einzukesseln. Auffällig ist, dass sich die Kämpfe bislang weitgehend auf den russisch geprägten Osten konzentrieren. Gelb markiert sind humanitäre Fluchtkorridore für die Zivilbevölkerung. Grafik: dpa © Red

Ehemalige Angehörige der Bundeswehr aus Gießen und Umgebung schätzen die militärische Lage in der Ukraine ein. Die Meinungen gehen dabei durchaus auseinander.

Gießen. Seit einer guten Woche tobt nun schon der Krieg um die Ukraine. Während unsere Medien ausführlich über das Schicksal der Flüchtlinge berichten, die zu Tausenden in den westlichen Nachbarländern Schutz suchen, oder man viel über die sich täglich überbietenden Sanktionen gegen den Aggressor lesen kann, bleiben die Berichte über das eigentliche Kriegsgeschehen seltsam vage und verschwommen.

Da, wo der »Rauch des Krieges« besonders dicht wabert und das eigentliche Geschehen verhüllt, ist naturgemäß viel Platz für Fake News und Propaganda. Da wurde etwa in den sozialen Medien der »Ghost of Kyiv« gefeiert, der sechs russische Jets abgeschossen haben soll. Die seine Heldentaten dokumentierenden Handy-Videos entpuppten sich indes bei näherer Betrachtung als Ausschnitte aus Computerspielen, was mindestens genauso viel über Medienkompetenz sagt wie über die Leistungsfähigkeit moderner Grafikchips.

Wir haben heimische Militärs und ehemalige Bundeswehrangehörige um eine Einschätzung der militärischen Lage in der Ukraine gebeten, was indes gar nicht so einfach war. Aktive Dienstgrade dürfen sich grundsätzlich nicht zu aktuellen politischen Fragen äußern, aber auch Reservisten unterliegen der Militärgerichtsbarkeit, wie der Erste Vorsitzende der Reservistenkameradschaft Gießen, Leutnant der Reserve (d.R.) Peer Schade, auf Anfrage mitteilte.

»Es läuft nicht »

Auskunftsfreudiger weil bereits im Ruhestand war dagegen Oberstleutnant d.R. Hans-Peter Hess, Sektionsleiter Gießen der Gesellschaft für Wehr und Sicherheitspolitik (GfW). Seiner Einschätzung nach lassen die Vormarschrichtungen der russischen Armee vermuten, dass Putin die Ukraine entlang des Dnjepr, dem großen Strom der Ukraine, spalten wolle, um vielleicht den russisch geprägten, orthodoxen Osten des Landes vom ukrainischen katholischen Westen abzuspalten, doch: »Es läuft nicht«. Seit Tagen blieben seine Armeen vor Kiew stehen und auch der Angriff von der Krim habe sich bislang kaum in die Tiefe des Landes entfalten können. Hess, der sich regelmäßig mit anderen ehemaligen Bundeswehroffizieren trifft, sagt, die meisten teilten seine Verwunderung über den zähen Vormarsch der russischen Armee. »Wir hatten als Soldaten eine andere Erwartung an eine moderne Armee«. Ob das zögerliche Vorgehen allerdings Unvermögen oder vielleicht doch Kalkül sei, darüber gingen die Einschätzungen in seinem Bekanntenkreis auseinander. Russland habe zwar viele Kampfpanzer, die könne man aber kaum in den großen Städten der Ukraine zum Einsatz bringen. »Schicken sie Panzer in eine feindliche Stadt, dann werden die aus jedem Kellerloch abgeschossen.«

Hess bedauerte, dass er selbst von der Bundeswehr kaum Informationen erhalte. Leider habe man jetzt auch »Russia Today« abgeklemmt. Um sich aber eine halbwegs verlässliche eigene Meinung zu bilden, müsse man auch russische Medien sehen, denn »Propaganda verbreiten hier wie in jedem Krieg beide Seiten«.

Hauptmann d.R. Oliver Psotta, der Sektionsleiter Gießen der Gesellschaft für Sicherheitspolitik ist, warnt davor, die Abwehrerfolge der Ukraine zu überschätzen. Da würden viele Berichte von der ukrainischen Seite gestreut, die einer Überprüfung nicht standhielten, nichtsdestoweniger in deutschen Medien verbreitet würden. In englischen oder amerikanischen Medien zeige sich die Lage für Kiew dagegen düsterer.

Dass der russische Einmarsch so langsam vonstatten geht, schreibt Psotta auch der schlechten Moral der einfachen Soldaten zu, die mit unzulänglichem Material, teilweise noch aus den Zeiten des Kalten Krieges, in die Ukraine geschickt worden seien; wohl in der irrigen Annahme, dass sie zumindest im Osten des Landes eher als Befreier denn als Besatzer empfangen würden.

»Ich fürchte, dass die russische Seite die Samthandschuhe ausziehen wird, um doch noch ihre Ziele zu erreichen«, meint der Diplom-Ingenieur. Die Gefahr, dass die Nato und damit auch Deutschland in diesen Krieg hineinrutschen könnten, wird nach Psottas Auffassung hierzulande unterschätzt. »Im Prinzip haben wir uns ja bereits in diesen Konflikt eingemischt. Wir liefern in einem laufenden Krieg tödliche Waffen an eine Seite. Putins Drohung mit Konsequenzen für seine Gegner, »wie diese sie in ihrer Geschichte noch nie erlebt« hätten, müsse man ernst nehmen. Sollte die Nato in den Krieg hineingezogen werden, »wird das für uns nicht so schön«.

Schlecht ausgebildet und informiert

Ganz anders sieht das Jürgen Marschinke, Vorsitzender des Traditionskreises »Raketenartilleriebataillon 52 und Begleitbatterie 5«, die früher in der ehemaligen Steubenkaserne stationiert gewesen waren. Dass der Krieg in der Ukraine zu einem Krieg zwischen der Nato und Russland eskalieren könnte, schließt nicht nur der frühere Oberstabsfeldwebel aus, sondern auch »andere hochkarätige Kameraden«.

Marschinke glaubt, dass der Krieg viel länger dauern und verlustreicher für Russland werden wird, als Putin gedacht habe. Viele russische Soldaten seien offenkundig ebenso schlecht ausgebildet wie informiert und völlig unvorbereitet auf das, was sie in der Ukraine erwarte. Am Ende aber werde gleichwohl ein russischer Sieg stehen. »Diese Materialschlacht kann die kleine ukrainische Armee nicht gewinnen.«

Dass Deutschland Panzerabwehrwaffen und Flugabwehrraketen an die Ukraine liefert, hält Marschinke für richtig, aber diese Unterstützung komme viel zu spät. »Hätte man die Ukraine dagegen frühzeitig mit Defensivwaffen ausgerüstet, hätte das wohl Putin von einem Angriff auf das große, aber militärisch unterlegene Nachbarland abgehalten.« Marschinkes bitteres Fazit: »Unsere Politik war da viel zu naiv und blauäugig und das schon seit Jahrzehnten.«

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