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Geflüchtete erhalten freien Eintritt

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In Gießen feierte der Traditionszirkus am 30. Juli ein fulminantes Comeback. Auch die Folgevorstellungen waren gut besucht. Die Familie beschloss daher, ihren geplanten Aufenthalt zu verlängern.

Gießen . Drei Jahre lang befand sich die Zirkusfamilie Barelli coronabedingt im Winterquartier im Betonwerk Pfeiffer in Burgwald-Ernsthausen. In Gießen feierte der Traditionszirkus am 30. Juli ein fulminantes Comeback. Auch die Folgevorstellungen waren so gut besucht, dass sich die Familie dazu entschloss, ihren zunächst bis zum 28. August geplanten Aufenthalt zu verlängern. Bis 18. September will man nun das Publikum auf dem Festplatz in der Marburger Straße 308 mit modernem Zirkus begeistern.

In achter Generation

Möglich gemacht hat das Michael Kraft, Geschäftsführer des Autohauses Neils und Kraft, der dem Circus Barelli den Platz kostenfrei zur Verfügung gestellt hat. Nicht immer hatte die Artistenfamilie so viel Glück. »Corona hat uns ganz schön zu schaffen gemacht«, erzählt Ashley Barelli, die in achter Generation im Familienunternehmen mitarbeitet. Man habe sogar vor Kaufhäusern auf der Straße gestanden, um Geld für Tierfutter zu sammeln.

Trotz aller Bemühungen musste sich die Artistenfamilie - bestehend aus Familienoberhaupt Harry Barelli, seinen Kindern Timmy, Ramona und Franz, Schwiegertochter Salima sowie den Enkeln Ashley, Francesco und Anthony - von einigen Mitarbeitern sowie zwei Kamelen, Ponys und Eseln trennen. Das war besonders bitter, zumal die Geschwister erst am 1. März 2019 - nach einem schweren Schicksalsschlag - den eigenen Zirkus unter der Leitung von Timmy Spindler-Barelli wieder aufleben ließen.

Schwierige Personalsuche

»Als der erste Lockdown kam, hatten wir gerade eine Vorstellung in Frankenberg«, erinnert sich Ashley. »Wir mussten abbrechen und unsere internationalen Artisten sind in ihre Heimatländer zurückgereist.« Schwierig sei es nun, qualifiziertes Personal zu finden. So habe die Zirkuskapelle vor Corona aus zwölf Personen bestanden. »Alle Künstler kamen entweder aus Russland oder der Ukraine«, erzählt sie. Einzig Schlagzeuger Ali sei bisher zurückgekommen. »Es hat viel Mühe gekostet, ihn aus der Ukraine zu holen. Die meisten unserer ehemaligen Bandmitglieder dürfen nicht ausreisen, einige wurden sogar einberufen.«

Viel Geduld und Telefonate hat es auch gebraucht, Jaroslaw Kucherenko und seiner Freundin Anna Artemenko die Einreise aus der Ukraine nach Deutschland zu ermöglichen. »Timmy hat mir das Leben gerettet«, freut sich Kucherenko, der aus Kharkov (Charkiw) - der zweitgrößten Stadt in der Ukraine - stammt. Mit Timmy Spindler-Barelli habe er vor dem Corona-Ausbruch bereits einmal zusammengearbeitet.

Drei Tage war das junge Paar mit dem Auto unterwegs, bis es beim Circus Barelli angekommen ist. Während Jaroslav Kucherenko als Jongleur arbeitet, ist Anna Artemenko Luftakrobatin. »Zirkus ist mein Leben«, sagt der 22-Jährige, der selbst aus einer Zirkusfamilie stammt. Aktuell arbeiten seine Eltern in Kiew für eine Firma, die Kaffeemaschinen herstellt. »In Kiew ist es unruhiger als in Kharkov, wo ich wohne«, weiß er. Sein Bruder und dessen Frau leben aktuell in Schweinfurt. »Einen Tag vor Ausbruch des Krieges ist er aus gesundheitlichen Gründen nach Istanbul und dann weiter nach Deutschland gereist«, erklärt Kucherenko.

Der junge Mann vermisst seine Familie und sein bisheriges Leben in der Ukraine sehr. Im Gegensatz zu den Barellis, die ausschließlich in ihren Wohnwagen leben, hat er in seiner Heimat in einem Appartement gewohnt. »Ich weiß nicht, was kommen wird. Aber ich bin den Barellis sehr dankbar, dass ich bei ihnen arbeiten darf.«

»Die meisten Artisten kommen aus Russland oder der Ukraine«, betont Ashley Barelli. Denn dort gäbe es - im Gegensatz zu Deutschland - richtige Zirkusschulen. »Es gibt zwar auch eine in Berlin, das ist aber eine reguläre Schule, die auch Artistik anbietet.«

Aus der Ukraine Geflüchtete erhalten im Circus Barelli freien Eintritt. »Es tut uns unendlich weh, wenn wir daran denken, was diese Menschen ertragen müssen, dass sie von heute auf morgen zum Teil alles verloren haben und nun um ihre Männer, Väter, Söhne und Brüder, die einberufen wurden, fürchten müssen. Diese Menschen möchten wir für ein paar Stunden von ihren Sorgen ablenken«, betont Ramona Barelli.

Im Circus Barelli hat jeder seinen eigenen Aufgabenbereich. Während Timmy für Comedy und Technik zuständig ist, kümmert sich Franz als erster Stallmeister um die rund 70 Tiere. Ramona ist Luftakrobatin und regelt gleichzeitig die Büroarbeiten und Salima reitet die Hohe Schule und ersetzt aktuell den Kapellmeister. Auch die 16-jährige Ashley arbeitet schon kräftig mit, ist zuständig für die Kasse, die Tiere und hat einen Auftritt mit Hula-Hoop-Reifen. Die jüngsten Enkel Francesco (10 Jahre) und Anthony (acht Jahre) schnuppern nur in den Ferien ein wenig Zirkusluft.

In Gießen treten die Barellis in kleinerer Besetzung auf. Rund 50 Künstler(innen) und Helfer(innen) sind dabei. Während ihre Wohnwagen in Gießen bleiben, fahren abends fast alle Mitarbeiter nach Ernsthausen zurück. »Eine Person bleibt vor Ort, um auf die Tiere aufzupassen«, erklärt Ashley. Dass es den Tieren - Kamelen, Dromedaren, Alpakas, Pferden, Hunden und dem Esel - gut geht, hat das Veterinäramt Gießen schon zweimal bestätigt. »Alle unsere Tiere haben Namen«, erzählt die junge Frau. So heißen die Kamele beispielsweise Shakira, Tamara oder Suleika, der Esel Manolito und eines der Alpakas hört auf den Namen Heidi.

»Vor rund zehn Jahren hatten wir auch noch Raubtiere. Das finden wir aber nicht mehr gut«, betont die 16-Jährige, die im vergangenen Jahr ihren Realschulabschluss an ihrer Stammschule in Frankenberg gemacht hat. Weniger Verständnis hat sie dafür, dass es vor Corona zum Teil auch Proteste gegen den Auftritt von Haus-Nutztieren im Zirkus gegeben hat.

80 Jahre alte Kutsche bemalt

Die Coronapause hat die Familie Barelli unter anderem dafür genutzt, den historischen Oberlicht- und Schindelwagen neu zu bemalen. Die etwa 80 Jahre alte Kutsche sei schon vom Urgroßvater benutzt worden. »Wir haben aber auch nie aufgehört, zu trainieren«, betont Ashley Barelli. Dennoch sei es anstrengend gewesen, wieder ins normale Zirkusleben zurückzukehren.

Mit einer von Ramona Barelli in die Wege geleiteten Privataudienz bei Papst Franziskus wurde Harry, Timmy und Franz Barelli 2021 eine besondere Ehre zuteil. An diesen Besuch werden sie noch lange denken. »Wir wollen immer reisen, Zirkus machen und den Menschen Freude bringen«, erklärt Ashley am Ende des Interviews und man merkt: Sie ist ein echtes Zirkuskind und stets mit Herzblut bei der Sache.

Vorführungen des Circus Barelli: mittwochs und donnerstags (Familientage): 16 Uhr/freitags und samstags 16 Uhr und 19.30 Uhr/sonntags (Muttitag, freier Eintritt für Mütter in Begleitung eines ihrer minderjährigen Kinder um 15 Uhr) 11 Uhr und 15 Uhr.

Kartenreservierungen unter 0178/2544902 oder an Vorstellungstagen von 11 bis 12 Uhr sowie eine Stunde vor Vorstellungsbeginn an der Zirkuskasse. Die Hüpfburgenwelt ist mittwochs bis freitags von 14 bis 18 Uhr und am Wochenende von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

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Ashley Barelli betreut unter anderem die Alpakas. Foto: Zielinski © Zielinski

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