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Gefühl der tiefsten Zerrissenheit

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Von: Rüdiger Dittrich

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Hans-Jürgen Wirth Psychoanalytiker © Red

Professor Hans-Jürgen Wirth spricht über psychologische Folgen und Ursachen des Kriegs in der Ukraine. Der Vortragssaal des Horst-Eberhard-Richter-Instituts in Gießen war überfüllt.

Gießen . Am Ende der Veranstaltung wurde deren Notwendigkeit noch einmal vollends vor Augen geführt. Denn auch im überfüllten Vortragssaal des Horst-Eberhard-Richter-Instituts in der Ludwigstraße tauchte angesichts des russischen Krieges gegen die Ukraine die Debatte auf, die die Deutschen seit Beginn des Angriffs im Februar 2022 umtreibt. »Mein erster Gedanke war, wehrt euch nicht, es wird alles verschlimmern«, so die Position eines sich zu Wort meldenden, dem ein anderer widersprach, aber dabei seine ganze Zerrissenheit in Worte fasste: »Ich bin schon immer Teil der Friedensbewegung, deren maßgeblicher Initiator Horst-Eberhard Richter war, ich habe Zivildienst geleistet und war auch 1981 bei der Demonstration gegen den Nato-Doppelbeschluss und für einseitige Abrüstung dabei, aber dieser Angriff und die Brutalität des Vorgehens treiben mich um, wir müssen die Ukraine unterstützen.«

Große Resonanz

Damit war die erste Frage im von Prof. Hans-Jürgen Wirth initiierten Vortrag »Zeitenwende: Psychologische Ursachen und Folgen des Ukrainekriegs«, der am Mittwochabend auf enorme Resonanz stieß, mitbeantwortet. Denn der erste Teil befasste sich mit der Bedeutung des »mich erschütternden Geschehens« (Wirth) für Deutschland.

Der Gießener Psycho-Analytiker nahm Bezug auf eine Umfrage des »Allensbach-Institutes« vom Mai 2022, die eine »dramatische Veränderung« der Stimmung der Deutschen zu Russland und zur Friedens- und Abrüstungspolitik diagnostiziert. Anhand von Vergleichen mit früheren Erhebungen kommt die verantwortliche Demoskopin Renate Köcher darin zu einer klaren Einschätzung, die man schlagwortartig unter zwei Überschriften stellen kann: In den 80er-Jahren »redeten alle nur vom Frieden« - so auch der Titel eines Buches von Horst-Eberhard Richter, heute sei die Haltung mit »wehrhafter Frieden« angemessen beschrieben.

In Zahlen ausgedrückt: Ende der 80er-Jahre waren 60 Prozent der Deutschen für einseitige Abrüstungsschritte, im Mai 2022 waren es nur noch 32 Prozent. Wirth diagnostiziert für die Gegenwart »eine völlig andere Stimmung« in der Bevölkerung. So seien 1989 lediglich 38 Prozent der Westdeutschen der Überzeugung gewesen, man könne durch Abschreckung einem Angriff Russlands vorbeugen, heute sind es 62 Prozent, die eine »Stärkung der eigenen militärischen Mittel« vertreten.

Was allerdings nicht bedeute, dass Deutschland nicht auch weiterhin auf Dialog, Zusammenarbeit und Ausgleich setze. Es gebe in Deutschland nach wie vor keine »militaristische Stimmung, die Bevölkerung ist nicht kriegslüstern oder bellizistisch gestimmt«. Aber die Hinwendung zu einer Position der Stärke, die nicht die grundsätzliche »friedensbewegte Mentalität« in Frage stelle, aber dafür nicht mehr auf der Illusion aufbaue, dass das Gegenüber immer eben auch friedfertig sei, die sei ablesbar.

Interessant dabei, dass die originär der Friedensbewegung entstammenden Grünen viel klarer und schneller eine auch militärische Unterstützung der Ukraine anmahnten als die SPD. Wirth machte aber deutlich, dass deren Veränderung vom Pazifismus zur Wehrhaftigkeit schon seit dem Kosovo-Krieg im Gange sei, als Joschka Fischer 1999 angesichts des Völkermordes in Ex-Jugoslawien sagte: »Nie wieder Krieg muss ergänzt werden um nie wieder Auschwitz.« Für den Psychoanalytiker ist die Wandlung der Grünen keine so große Überraschung, wenn man deren Genese betrachte: »Die Grünen haben libertäre und anarchistische Wurzeln, Menschenrechte waren immer schon ihr Antrieb«, während die SPD viel mehr in der Tradition der Aussöhnung mit Russland stehe und grundsätzlich Sympathie für die sozialistische Idee habe. Während die Grünen sich von der »Heroisierung pazifistischen Märtyrertums« abgewandt hätten, falle es der SPD schwerer, ihr »nostalgisches Gefühl der Solidarität mit Russland und dem sozialistischen Ideal« zu begraben.

Was zu Wirths zweitem Vortragsteil führte, der sich mit der »kollektiven narzistischen Kränkung der Russen nach Auflösung der UdSSR« befasste, die Putin als »größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts« verstehe. Die Hinwendung der meisten Staaten des ehemaligen Bündnisses »Warschauer Pakt« zu Nato, Westeuropa und eben auch dem westlichen Lebensstil, beschreibt Wirth als »Kränkung des Großgruppennarzissmus«, der sich auf ein seit dem 18. Jahrhundert sich manifestierenden Gefühl der Unterlegenheit angesichts einer prosperierenden westlichen Welt setze.

Narzisstische Kränkung Russlands

Und dann wendet sich auch noch das »kleine Brudervolk Ukraine« all dem zu, was Putin verachtet: Die Werte des Westens, die dessen Gefolgsmann und ehemalige russische Präsident Dmitri Medwedew als im besten Falle »dekadent« beschreibt, im übelsten Falle aber mit »Schweinen, Missgeburten und Kakerlaken« vergleicht. Eine Entmenschlichung im Übrigen, die System hat und der systemimmanenten »sadistischen Gewalt« des russischen Millitär-apparates entspreche. Was so weit geht, »Sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe«, von den Genfer Konventionen geächtet und zumeist »auf untere Ränge« im Kriegseinsatz beschränkt, nicht sanktioniert, sondern im Gegenteil sogar von Vorgesetzten befördert werde. Schon vor Kriegsbeginn habe Putin im Beisein von Frankreichs Präsident Emanuel Macron die Zeile zitiert, »ob es dir gefällt oder nicht, du wirst dich fügen müssen, meine Schöne«. Wirths Schluss daraus: Russland hat versäumt, den Verlust seiner einstigen Größe angemessen gesellschaftlich aufzuarbeiten und zu betrauern, dafür aber die Wut und den Hass, der narzisstischen Kränkung entspringend, kultiviert. Der Traum von »imperialer Größe« bleibt, angestachelt auch durch die Figur des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenski, der nicht nur westlichen Lebensstil verkörpert, sondern auch stets mit Sprachgewandheit und sogar in Bedrohung mit Humor (»wir sind die Schöne, aber ob wir uns fügen müssen, glaube ich nicht«) zu kontern weiß.

Bleiben wird von diesem Krieg kurzfristig die Gefahr, dass er sich ausweitet, hinterlassen wird er langfristig zudem zwei zutiefst und über Generationen traumatisierte Völker. Am Ende war es eine junge Ukrainerin, die den Kriegsausbruch schon in Deutschland erlebte und nun in Gießen ukrainische Kinder betreut. Sie wisse von Frauen, denen von russischen Soldaten gesagt worden sei: »Ich werde dich jetzt zehnmal vergewaltigen, bist du nie wieder Lust hast, ukrainische Kinder zu machen.« Totaler Zusammenbruch der Kultur, totale Vernichtung. Uns bleibt einzig die Frage: Was tun?

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Das Leiden der Kinder: Ein kleiner Junge sitzt vor einem Bus neben Taschen am Transitzentrum Ya-Cherson, das die aus der Region Cherson evakuierten Flüchtlinge im Südosten der Ukraine unterstützt. Fotos: dpa/privat © dpa/privat

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