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Gegen das Alleinsein

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Freuen sich auf den Neustart des »Café Nachtlicht«: Sönke Müller, Julia Kistner und Marco Auernigg (v.l.). © Pfeiffer

Wenn die Gedanken kreisen, kann es helfen, nicht alleine zu sein - mit dieser Idee war das »Café Nachtlicht« im Januar 2020 gestartet. Nach der Pandemie-Pause gibt es nun einen Neustart.

Gießen . Wenn einem am Wochenende die Decke auf den Kopf fällt oder seelische Sorgen schwer wiegen, kann ein Gespräch helfen - oder auch ein stummes Zusammensitzen bei einer Tasse Kaffee. Hauptsache, nicht alleine sein. Mit dieser Idee war das »Café Nachtlicht« im Januar 2020 gestartet. Doch schon knapp drei Monate später musste es seine Türen wegen der Corona-Pandemie wieder schließen. Gemeinsam die Freizeit verbringen, das ging nur noch in kleinster Runde oder digital. Am 7. Mai nun soll es den zweiten Startschuss für das »Café Nachtlicht« geben - und hoffentlich keine Pandemie-bedingte Unterbrechung mehr.

Er habe »sehr damit gehadert, dass die professionellen Einrichtungen Freitagmittag zumachen«, sagt Marco Auernigg, der im Kreis-Gesundheitsamt als Sachgebietsleiter Sozialpsychiatrischer Dienst und Betreuungsbehörde sowie als Psychiatriekoordinator arbeitet. »Als gäbe es am Wochenende keinen Bedarf für psychische Hilfe.« Auernigg hatte die Idee für das Café und im Freiwilligenzentrum für Stadt und Kreis den passenden Unterstützer gefunden.

Und obwohl das Café nur rund ein Vierteljahr geöffnet war, wurde es seitdem offenbar schmerzlich vermisst. »Es hat viele Nachfragen gegeben«, berichtet Sönke Müller vom Leitungsteam des Freiwilligenzentrums. Sogar eine Liste wurde deshalb geführt mit Gästen, die benachrichtigt werden wollten, wenn das »Nachtlicht« wieder öffnet. »Die Pandemie hat das Vereinsamen befördert«, weiß Auernigg. Gleichzeitig seien die Barrieren, Hilfe zu bekommen, größer geworden, weil niedrigschwellige Angebote »von jetzt auf gleich nicht mehr vorhanden waren«.

Wer ab Mai dem »Café Nachtlicht« wieder einen Besuch abstatten möchte, der muss sich allerdings auf neue Räumlichkeiten einstellen. Statt in der Ludwigstraße ist es nun in der Walltorstraße 17 angesiedelt. Hintergrund ist der Umzug des Freiwilligenzentrums in das DGB-Haus. Zwar hat das Café nun weniger Platz zur Verfügung, ist dafür aber noch zentraler gelegen, die Bushaltestelle am Marktplatz ist nur wenige Gehminuten entfernt. Das ist Auernigg wichtig: »Wir brauchen einen Ort, der nicht stigmatisiert« - mittendrin soll es sein, statt abgeschoben an den Ortsrand. Und wenn es doch mal zu eng werden sollte, besteht die Möglichkeit, das Café bis in das Foyer des DGB-Hauses zu erweitern. Bei schönem Wetter will man zudem den Außenbereich nutzen.

Die Möbel sind mit umgezogen aus der Ludwigstraße, auch die Theke steht bereits. »Coffee Bay« und »Siebenkorn« werden weiterhin für kalte und heiße Getränke sowie Snacks sorgen. Damit sich auch Menschen mit kleinem Geldbeutel den Abend im »Café Nachtlicht« leisten können, sind die Preise entsprechend niedrig angesetzt. Kaffee oder Tee sind beispielsweise für 50 Cent zu haben. Alkohol wird übrigens nicht ausgeschenkt, er ist ebenso tabu wie andere Drogen.

Von den zu Beginn rund 30 ehrenamtlichen Helfern sind dem Café 18 auch in der Pandemie treu geblieben. Langfristig hoffen die Organisatoren, neue Helfer gewinnen zu können, um die Belastung der Freiwilligen gering zu halten. Wer Interesse hat, kann sich melden unter projekte@freiwilligenzentrum-giessen.de.

In den ersten drei Monaten nach dem Neustart ist das Café stets am ersten und dritten Samstag eines Monats zwischen 18 und 0 Uhr geöffnet, danach will man wieder wöchentlich Gäste begrüßen. Die Entscheidung, die Tage zu Beginn zu reduzieren, habe man nicht ohne Bauchgrummeln getroffen, räumt Auernigg ein. Schließlich wolle man ein verlässliches Angebot schaffen: »Wenn es einem nicht gut geht, kann man sich nicht aussuchen, an welchem Samstag man Hilfe braucht.«

Die Ehrenamtlichen sind übrigens nicht nur dafür da, dass der Café-Alltag läuft, sondern sollen den Gästen auch ein Ohr leihen. Psychotherapeutin Dr. Sara Lucke hat ihnen dafür Grundlagen der Gesprächsführung vermittelt. Weitere Schulungen für neue Helfer sind vorgesehen. Das »Nachtlicht« ist allerdings nicht gedacht für Menschen, die sich in einer akuten Krise befinden, die stationär aufgefangen werden muss. Die Ehrenamtlichen wüssten jedoch, wo sie im Notfall Hilfe für Betroffene suchen können, so Auernigg.

Die Freiwilligen seien übrigens ebenso bunt gemischt wie die Gäste, erzählt Sönke Müller. Teils seien es Psychologiestudierende, teils Menschen aus unterschiedlichen sozialen Berufen. Rund ein Viertel engagiere sich aufgrund eigener Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen.

Zur Eröffnung am 7. Mai - einmalig ist Beginn erst um 19 Uhr - plant das Gießener Aktionsbündnis für Seelische Gesundheit eine besondere Leseaktion im »Café Nachtlicht«: Besucher sind eingeladen, ihr Lieblingsbuch mitzubringen und eine Passage vorzulesen, die ihnen persönlich Kraft spendet. Wer etwas vorlesen möchte, kann sich vorab anmelden unter info@seelischegesundheit-giessen.de, Mitglieder des Aktionsbündnisses stellen ebenfalls ihre Lieblingspassagen vor - und vielleicht, so die stellvertretende Vorsitzende Julia Kistner, fasse dann auch mancher Gast spontan den Mut.

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