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»Gegen Zwangseinweisung und Fixierungen«: Betroffene und Angehörige treffen sich zu einer Demo vor dem Tor der Vitos-Klinik in der Licher Straße.

»Gegen Missstände und Zwang«

Gießen. »Darmstädter klagt gegen Klinik. Spritze zerstörte mein Leben«, berichtete die Frankfurter Rundschau im Oktober vergangenen Jahres. Im Januar 2021 hieß es dann: »Mann stirbt nach Behandlungsfehler in Heppenheimer Psychiatrie.« Betroffene und Angehörige demonstrierten nun auch am Eingang der Vitos-Klinik in der Licher Straße »gegen Missstände und Zwang in der Psychiatrie«.

Diese Missstände seien sofort zu überprüfen und ein »Schutz für Probanden und Patienten vor Sanktionen und Bestrafungen« zu gewährleisten, so die Forderung in dem Einladungsflyer. Außerdem seien »Psychiatrieopfer« zeitnah zu entschädigen und Zuwendungen der Pharmakonzerne an Ärzte offenzulegen. Menschen dürften nicht »als Ware missbraucht werden«. Vor den Vitos-Kliniken in Haina und Wiesbaden war der Unmut bereits kundgetan worden. Die Einrichtung in Heppenheim steht als nächstes auf der Liste.

Dorthin hatte sich der jetzt 41-jährige Marco Müller aus Darmstadt wegen Angststörungen aufnehmen lassen, erzählt seine Bekannte Tatjana von Janso, die diese Kundgebung angemeldet hat. Bei der Demo war er im Rollstuhl zugegen. Ihm sei ein Neuroleptikum gespritzt worden - mit der Folge, dass er eine Gehstörung bekommen habe. Obwohl sie die Klinik darüber informiert habe und jene Nebenwirkung auch im Beipackzettel aufgeführt sei, habe er eine zweite Spritze mit demselben Wirkstoff (Zuclopenthixol) erhalten. »Danach hat sich sein Zustand so verschlechtert, dass er seitdem komplett im Rollstuhl sitzt«, so von Janso. »Und keiner der in den folgenden Jahren aufgesuchten Ärzte konnte helfen.« 2019 hätten sie die Klinik verklagt. »Ein Sachverständiger war bisher noch nicht da.« Eine Petition an den Hessischen Landtag sei noch nicht beantwortet.

Aus Wiesbaden war Petra Creighton angereist. Ihr 33-jähriger Sohn werde wegen einer Psychose fixiert. Er habe vor einigen Jahren einem Kontrahenten bei einer Auseinandersetzung die Rippen gebrochen. Der Prozess mit 37 Verhandlungstagen habe mehr als zweieinhalb Jahre gedauert. Dabei sei festgestellt worden, dass er schuldunfähig sei. Ihr Vorwurf: »Es gibt keine Resozialisierung und ich darf ihn noch nicht einmal besuchen.«

Ute Lehmann (58) aus Roßdorf bei Darmstadt wiederum erzählt, »am eigenen Leib jahrelang das Martyrium in der Psychiatrie« erfahren zu haben. Zunächst seien an ihr neue Neuroleptika »ausprobiert« worden. »Nach anderthalb Jahren kam ich raus, weil die Krankenkasse nicht mehr zahlen wollte.« Seitdem habe sie epileptische Anfälle und mit Traumata zu kämpfen. Obendrein seien ihr im Jahr 2000 alle sieben Kinder weggenommen worden. Beim achten Kind habe man sie zu einer Abtreibung zwingen wollen.

Am Standort Gießen gibt es zum einen die Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Gießen - eine Klinik für Erwachsenenpsychiatrie, in der Menschen mit allen Formen psychischer Erkrankungen behandelt werden. Zum anderen ist in der Licher Straße eine Außenstelle der Vitos-Klinik für forensische Psychiatrie Haina angesiedelt. Dabei handelt es sich um eine Vollzugsbehörde, die für die Behandlung »erwachsener psychisch kranker Rechtsbrecher« des Bundeslandes Hessen sowie für die vorläufige Unterbringung zuständig ist.

»Für beide Kliniken gilt, dass alle Therapieangebote auf wissenschaftlich anerkannten Konzepten und Methoden basieren. Die Wahrung der Rechte von Patienten auf Grundlage der einschlägigen Gesetzesgrundlagen nehmen beide Betreiber - sowohl die Vitos Gießen-Marburg, als auch die Vitos Haina - sehr ernst«, betont Susanne Richter-Polig von der Vitos-Unternehmenskommunikation auf Anfrage des Anzeigers. Die Klinik für forensische Psychiatrie unterliege zudem durchgehend Kontrollen und Berichtspflichten gegenüber verschiedenen Gremien. »Auch in der Erwachsenenpsychiatrie gibt es Kontrollinstanzen. Beide Kliniken erfüllen ihre Aufgaben jederzeit entsprechend den gesetzlichen Vorgaben«, so Richter-Polig. Es gebe in psychiatrischen Kliniken teilweise - aufgrund der Schwere von Erkrankungen oder einer möglichen Gefährdung - durchaus Zwangsmaßnahmen wie zum Beispiel Fixierungen. »Diese erfolgen jedoch stets nach strengen gesetzlichen Vorgaben und nur nach richterlicher Anordnung.«

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