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Gelandet in der Realität

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Klaus Weise (rechts) stellte zusammen mit Moderator Hans-Jürgen Linke seinen Debütroman über die eigene Kindheit vor. © Czernek

Eine Kindheit zwischen DDR und Bundesrepublik: Der Theatermacher Klaus Weise stellte seinen Debütroman beim LZG vor.

Gießen. Es geht um die Flucht einer Familie aus der DDR, geschrieben aus der Sicht eines Kindes. »Dazu gibt eigentlich gar nichts. Das hat mich ermutigt, den Roman zu schreiben«, erklärte Klaus Weise bei der Vorstellung seines Romans »Sommerleithe - Wortbegehung einer Kindheit« am Mittwochabend beim Literarischen Zentrum Gießen (LZG).

Weise ist ein bekannter Theaterregisseur, der an zahlreichen Bühnen im ganzen Land inszeniert als Intendant und die Häuser in Oberhausen und Bonn als Intendant geleitet hat. In Gießen war er auch schon, als er vor rund 40 Jahren als Gast bei »Bunbury« von Oscar Wilde Regie führte. Das verriet er dem Moderator und Journalisten Hans-Jürgen Linke, mit der er zusammen sein Erstlingswerk dem Publikum näherbrachte.

Einfach Kost ist es jedenfalls nicht, denn schon der Titel »Wortbegehung« bedarf einer Erläuterung, die der 70-jährige Autor gerne lieferte: Das Werk ist eine Art Autofiktion, in der Weise seine Kindheitserlebnisse von 1958 bis in die frühen 1960er verarbeitete, allerdings sind die Kapitel nicht chronologisch aneinandergereiht, sondern durcheinandergewirbelt. Schließlich funktionierten Erinnerungen ja auch nicht chronologisch, erklärte Weise. Auch den ein oder anderen philosophische Exkurs hat er in das Buch gepackt. »Das geht bei einer solchen Konstruktion, denn auch hier steht ein Konzept dahinter.« Als versierter Theatermann weiß er, wie man Spannung aufbaut.

Der Roman erzählt die Geschichte seiner Kindheit: Weise wurde 1951 in Gera geboren und wohnte in einer Straße mit dem schönen Namen Sommerleithe. »Für mich war die DDR als Kind ein Paradies. Wir hatten alles, was man damals für Geld kaufen konnte.« Daher verbindet er mit dem Straßennamen auch ein Stück Geborgenheit, aus der er 1958 herausgerissen wurde, denn seine Eltern hatten beschlossen, aus der DDR zu fliehen. Den Kindern wurden diese Pläne aber verschwiegen. So dachten sie, es ginge - wie jedes Jahr - in die Sommerfrische an der Ostsee, doch stattdessen flogen sie von Berlin nach Hannover und landeten in der ganz anderen Realität der Bundesrepublik.

»Auf einmal waren wir nichts mehr. Einfache Flüchtlinge, Menschen zweiter und dritter Klasse.« Nachdem die Familie für einige Zeit in Frankfurt unterkam, wo das Kind Probleme mit der hessischen Mundart hatte, ging es über Umwege bis nach Mühlheim an der Ruhr. Dort wurden die Thüringer sesshaft und der Vater, der schon in der DDR eine eigene Metzgerei führte, konnte einen Betrieb übernehmen. Der Grund für die Flucht war die stetige Angst des Vaters vor einer Enteignung, zudem sei er ein Kommunistenhasser gewesen. »In der DDR hatte er ständig Asthma, das war nach der Flucht weg«, erzählte der Schriftsteller. Für den sechsjährigen Jungen, der er damals war, bedeutete diese Flucht aber einen harten Einschnitt. Mit dem Buch versucht er, diesem prägenden Ereignis ein wenig näherzukommen.

Ohne Töten geht es nicht

Breiten Raum nimmt dabei auch alles ein, was mit dem Metzgereibetrieb zu tun hatte. Sehr genau und detailliert beschreibt er auch die Arbeit im Schlachthof, denn wenn man Fleisch essen möchte, muss man vorher das Tier töten. Und für ihn als 14-Jährigen bedeutete das Miterleben dieses Vorgangs auch eine Art Initiationsritus auf der Schwelle zum Erwachsenwerden. «Trotzdem mag ich heute noch Fleisch.« Der Vorgang des Tötens habe auch eine gewisse Faszination auf ihn ausgeübt, so dass er eigentlich von der Schule abgehen wollte, um Metzger zu werden. Die Antwort des Vaters: »Man kann auch Metzger mit Abitur werden«. Doch Klaus Weises Weg führte dann doch in eine ganz andere Richtung. Er studierte in München und wurde zu einem so bekannten wie erfolgreichen Theatermacher.

Nach einem dreiviertel Jahr Arbeit an diesem Debütroman schreibt Weise nun gerade im Schreiben gerade an seinem zweiten Werks Mehr wollte er darüber aber noch nicht verraten.

Die nächste Lesung beim LZG bestreitet am Dienstag, 5. April, um 19 Uhr der Autor Carsten Henn. Er stellt in der Evangelischen Kirche Lollar-Ruttershausen seinen Roman »Der Buchspazierer« vor.

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