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Der Gießener Andreas Graf mit Sohn Julius und Pia Meier von der Firma Seidel in der Ratesendung mit Kai Pflaume.

Gelebte Solidarität rührt zu Tränen

Gießen. Fernseh-Publikumsliebling Jörg Pilawa hatte Tränen in den Augen und schämte sich dieser nicht, als am Tag vor Silvester in der XXL-Ausgabe der beliebten Quizshow »Kaum zu glauben!« die Geschichte des 39-jährigen Gießeners Andreas Graf Thema war. »Solidaritätszuschlag« hatte Moderator Kai Pflaume dem aus Pilawa, Bernhard Hoëcker, Stephanie Stumph und Hubertus Meyer-Burckhardt bestehenden Rateteam der NDR-Sendung als Hinweis gegeben - doch auch mit diesem Tipp konnten sie das Rätsel nicht lösen.

Gut für Andreas Graf, denn so gewann er 1000 Euro. Seine Geschichte, bei der seine eingereichte und von der Geschäftsleitung zerrissenen Kündigung eine große Rolle spielt, hatte nicht nur Pilawa ergriffen.

Bereits im Februar 2018 hatte der Gießener Anzeiger über jene Aktion der Firma Seidel in Fronhausen berichtet, die anschließend weltweit für Aufmerksamkeit sorgte und nun Thema in der NDR-Sendung war. Der Sender kündigte die Folge an mit den Worten »Tränen der Rührung garantiert«. Und so war es auch, ging es doch in gleich zwei Geschichten darum, wie auf sensationelle Weise schwerkranken Kindern geholfen wurde. Eine davon war die von Andreas Graf und seinem Sohn Julius.

»Was manche Menschen können oder erleben - das ist wirklich kaum zu glauben! Kai Pflaume zeigt erstaunliche Geschichten - und die sympathischen Menschen hinter diesen Geschichten«, hatte der NDR diese erste nachweihnachtliche Folge überschrieben.

Sympathisch kamen auch Andreas Graf, sein Sohn Julius und Personalchefin Pia Meier rüber, die ins Studio gekommen waren. Auch in einem Filmeinspieler waren sie zu sehen, der ihre Geschichte skizzierte. Dass diese nichts mit dem in Gießen geborenen Til Schweiger zu tun hat, wie zunächst Meyer-Burckhardt mutmaßte, war den Fernsehzuschauern bereits bekannt. Denn diese wurden gleich zu Beginn der Runde darüber informiert, was das Rateteam ergründen sollte. »Andreas (39): Als mein kleiner Sohn schwer erkrankte, schenkten mir meine Kollegen 3300 Überstunden, damit ich mich über ein Jahr um ihn kümmern konnte«, war für die Zuschauer eingeblendet worden.

Während der sieben Minuten dauernden Raterunde konnte das Rätsel nicht gelöst werden. Damit ging der Gewinn von 1000 Euro auf sein Konto. Und just als die Raterunde beendet und Pflaume das Rätsel auflösen wollte, da war es Hoëcker, der dieses enthüllte.

Es folgte ein fast dreiminütiger Filmbeitrag, in dem über die Geschichte von Andreas und Julius Graf berichtet wurde: »Was wahre Solidarität bedeutet, das erleben Julius und sein Vater Andreas Graf aus Gießen auf ganz besondere Weise«, begann der Film. Dieser zeigte auf, dass der dreijährige Julius im Februar 2016 an Leukämie erkrankte und Arbeitskollegen dem Facharbeiter Instandhaltung Überstunden spendeten, damit sich dieser ein Jahr lang um seinen Sohn kümmern konnte.

»Jetzt ist Julius gesund und munter«, berichtete ein glücklicher Vater, der im Film seinen Sohn auf einem Gabelstapler durch die Produktionshalle des Firmengebäudes fuhr. »Da bricht erst einmal die Welt zusammen.«, schildert Graf die damalige Situation, als er Tag und Nacht im Krankenhaus bei seinem Sohn verbrachte, Überstunden abbaute und seinen Jahresurlaub nahm.

Als alles aufgebraucht war, bat er Personalchefin Pia Meier um ein Gespräch und überreichte ihr seine Kündigung. Noch fünf Jahre nach dieser Begebenheit war Meier im Filmbeitrag den Tränen nah, als sie von der zerrissenen Kündigung mit den Worten berichtete: »Jemand mit so einer Geschichte, der kündigt nicht seinen Arbeitsplatz sondern sein Arbeitsplatz sorgt bitte dafür, das er bleiben kann«.

Gemeinsam mit Betriebsrat und Geschäftsführung findet Meier ›die‹ Lösung und alle 650 Mitarbeiter machten mit, spendeten 1600 Überstunden, die dann von der Geschäftsleitung verdoppelt wurden. »Alle 650 Mitarbeiter für Julius« lautete das Motto der innerbetrieblichen Aktion und Graf ist heute noch dankbar, weil ausnahmslos jeder etwas gegeben hat. »Der Zusammenhalt, dass der so existiert, das ist, was mich am meisten bewegt hat. Die Welt braucht viel mehr von solchen Aktionen«, so Graf.

»Das ist gelebte Solidarität. Das war einfach unglaublich was ihr da getan habt«, zeigte sich Pflaume begeistert beim abschließenden Studiotalk mit Meier und Graf. »Das war eine tolle Idee, die sicherlich auch Anstoß zum Nachdenken bietet«.

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