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Gemeinschaftlich wohnen und leben

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Lothar Balling stellt den Besuchern im Garten die Photovoltaikanlage vor. Foto: Schäfer © Schäfer

»Domino« steht für »Dorf mit neuer Orientierung« und versteht sich als eine Gemeinschaft, in der sich Menschen in der Fröbelstraße 80-82 im Sinne einer »Wahlfamilie« zusammengefunden haben.

Gießen . 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen stehen für die Vision eines menschenwürdigen und nachhaltigen Lebens aller Menschen auf diesem Planeten. An sieben Tagen finden im Rahmen der Gießener »Wandeltage« dazu verschiedene Workshops, Führungen und Aktionen statt, die den nachhaltigen Wandel in Gießen zeigen sollen. Elisabeth Bergauer vom städtischen Klimaschutzmanagement und Janina Brendel von der Koordination kommunale Entwicklungspolitik wollten bei der Vorstellung einer Form des gemeinschaftlichen Wohnens in der Fröbelstraße das nachhaltige Ziel Wohlergehen erfahrbar machen.

Gelebte Hausgemeinschaft

Nichts für jeden ist dieses Wohnen in Gemeinschaft. Wo man zwar seinen abgeschlossenen Wohnbereich hat, jedoch eine Hausgemeinschaft gelebt werden soll. Wo gemeinschaftliche Treffen angesagt sind. Ab und zu gar zusammen gekocht wird. Über das friedliche Zusammenleben geredet wird. Konflikte in Gesprächen bereinigt werden. Man nicht permanent abgeschottet von Wohnungsnachbarn betulich dahinleben kann. Sondern wo gefragt ist, sich zum Miteinanderreden zu öffnen, Nachfragen zum eigenen Wohlergehen zu »ertragen«, den Alltag miteinander zu teilen, sich aufeinander einzulassen.

Wer all das nicht möchte, der kann bei »Domino« in der Fröbelstraße 80-82 nur fremdeln, sich nicht aufgehoben fühlen, ist hier also fehl am Platze. »Domino« steht für »Dorf mit neuer Orientierung« und versteht sich als eine Gemeinschaft, in der sich Menschen im Sinne einer »Wahlfamilie« zusammengefunden haben. Im Kern des Projektes steht keine bestimmte Ideologie, vielmehr geht der Ursprung auf konkrete freundschaftliche Beziehungen und den Wunsch zurück, mehr Alltag miteinander zu teilen. Die Gemeinschaft lebt von der Vielzahl unterschiedlicher Auffassungen und den Lebensentwürfen ihrer Mitglieder. Für den inneren Zusammenhalt einer Gemeinschaft wird eine grundlegende Übereinkunft und eine gemeinsame Ausrichtung gesehen. In der Überzeugung, dass für das Gelingen des Projektes - neben allen alltäglichen Aufgaben - die gewissenhafte Arbeit eines jeden an sich selbst und die Pflege des Miteinanders stehen müssen, steht dieser Zusammenhalt bei »Domino«.

Aus diesem Grund werden in regelmäßigen Abständen gemeinschaftsfördernde Wochenenden miteinander verbracht, dabei in verbindlichem Rahmen eine Atmosphäre von Wertschätzung, Achtsamkeit und Respekt realisiert. Persönliche Unterstützung kann hier ebenso erfahren werden wie das konstruktive Aufarbeiten von Konflikten, die im Zusammenleben entstehen. Für ein erfüllendes Zusammenleben werden sowohl Herausforderungen als auch gleichermaßen die unbedingte Fähigkeit und Absicht, ein schützendes Umfeld für den Einzelnen zu errichten, erachtet. Auch in turbulenten Zeiten soll »Domino« generationsübergreifend den Mitbewohnern ein Zuhause bieten.

Martin Bach, Brita Ratzel und Lothar Balling stellten das Projekt den Besuchern vor. 2010 von der Wohnbaugenossenschaft gekauft, leben in den 14 Wohnungen 20 Erwachsene und ein Dutzend Kinder. Gemeinschaftsräume gibt es im Dachgeschoss und eine Werkstatt. Einige Daten: 1500 Quadratmeter Wohnfläche auf einem dreifach so großen Areal. 1950 erbaut, bis 2005 US-Wohnsiedlung, Kosten von Kauf und Sanierung rund 2 Millionen Euro, 2011 Einzug, Finanzierung mit 35 Prozent Einlagen der Mitglieder, Rest Darlehen, Nutzungsentgelt (kalt) monatlich rund sechs Euro/m² Wohnfläche, Nebenkosten ohne Fernwärme 1,70 Euro/m², 2021 Installation einer Dach-Photovoltaikanlage.

Warum die Rechtsform einer Genossenschaft? Selbstverwaltung mit gemeinsamer Entscheidungsfindung im Konsens. Niemandem gehört seine Wohnung. Das Haus gehört allen. Für eine Wohnung beträgt die Mindesteinlage 1000 Euro. Gleiches Stimmrecht für alle Mitglieder. Nachdem in den ersten Jahren die Fluktuation insgesamt ein Drittel betragen habe, habe es nunmehr bereits sein fünf Jahren keinen Wechsel mehr gegeben. 2018 erhielt »Domino« den Umweltpreis der Stadt für biologische Vielfalt im urbanen Lebensraum.

Federführend bei der Installation der Photovoltaikanlage war Balling. Im Herbst letzten Jahres seien 84 Module auf 140 Quadratmeter Dachfläche ohne Baugerüst von einer Spezialfirma auf dem mehrstöckigen Gebäude montiert worden. 40 000 Euro habe diese Solaranlage gekostet. »Fast 30 Kilowatt bringt die in der Spitze.« Im Sommer würden 80 Prozent des internen Stromverbrauches abgedeckt. Von dem Strom, der nicht im Gebäude benötigt wird, werden drei Ladestationen auf dem Parkplatz für E-Autos gespeist. Einzigartig sei bei ihrer Installation, dass der Strom, der tagsüber in den Autos gespeichert werde, nachts ins Hausnetz abgegeben werden könne. »Ein spezieller Stecker macht dies möglich.« Was tagsüber - »bei bis zu zehn Sonnenscheinstunden« - an Energie nicht verbraucht oder in die E-Autos geladen werde, würde bei einer Vergütung von sieben Cent/kWh in den Stromkreislauf eingespeist.

Billige Alternative

Deshalb sind die Mitbewohner gehalten, den Energieverbrauch möglichst auf den Tag zu verlagern. Denn wenn nachts Strom von außen zufließt, also zugekauft werden muss, ist der wesentlich teurer als der bei Überschuss vergütete. »Nicht so gute Erfahrungen haben wir bei dem ganzen mit Stadtwerke und Stadt gemacht«, erzählte ein davon enttäuschter Balling. Ein hausinterner Speicher für zehn kWh koste 10 000 Euro. Insgesamt müssten 25 000 Euro für die im Gebäude benötigte Speichergröße ausgegeben werden. »Da ist ein E-Auto mit 75-kW-Speicher die preisgünstigere Alternative«, verwunderte Balling die Besucher.

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Eine spezielle Ladestation ermöglicht es, dass der tagsüber im E-Auto gespeicherte Strom nachts zum Verbrauch ins Gebäude zurückfließt. Foto: Schäfer © Schäfer

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